Kulturgut Glasmalerei

    Kirchenfenstern droht der Verfall

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    Die Sonne scheint durch ein von Markus Lüpertz gestaltetes Kirchenfenster in der Bamberger St. Elisabeth-Kirche.
    Nicht jedes Kirchenfenster bekommt die Aufmerksamkeit, wie dieses von Markus Lüpertz gestaltete in Bamberg. Vielerorts drohe der Verfall, sagt Annette Jansen-Winkeln. © picture alliance / dpa / Daniel Karmann
    Annette Jansen-Winkeln im Gespräch mit Eckhard Roelcke · 10.10.2021
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    Die Glasmalerei habe in den letzten Jahren durch Kirchenfenster von Markus Lüpertz und Gerhard Richter große Aufmerksamkeit bekommen, sagt Kunsthistorikerin Annette Jansen-Winkeln. In der Breite seien viele Kunstwerke aber vom Verfall bedroht.
    Deutschland ist reich an kunstvoll gestalteter Glasmalerei, nicht nur in bekannten und repräsentativen Kirchen, sondern auch in zahlreichen Profanbauten und oft auch abseits großer Besucherströme. Um den Erhalt dieses Kulturschatzes sei es aber allgemein nicht gut bestellt, sagt die Kunsthistorikerin Annette Jansen-Winkeln von der Forschungsstelle Glasmalerei des 20. Jahrhunderts.
    Die Europäische Akademie für Glasmalerei veranstaltet mit der Forschungsstelle eine Expertentagung zum Schutz dieses Kulturgutes. Das Interesse an den Kirchenfenstern der Künstler Markus Lüpertz und Gerhard Richter in den vergangenen Jahren habe leider nicht dazu beigetragen, diesen Schatz in seiner ganzen Breite zu sehen und vor dem Verfall zu bewahren, sagt Jansen-Winkeln.

    Versagen der Kirche bei der Bewahrung eines Kulturschatzes

    Sie vermisse die angemessene Wertschätzung einer Kunst, die in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg maßgeblich durch priesterliche Aufrufe und darauffolgende Spenden aus der Bevölkerung eine Blüte erlebt habe. Die Kirchenschließungen der letzten Jahrzehnte hätten dazu geführt, dass man im Depot ihrer Forschungsstelle fast 700 Kirchenfenster gelagert habe. Die Institution Kirche habe konfessionsübergreifend bei der Bewahrung versagt. Dass es dazu kommen konnte, ist für sie "unvorstellbar".
    "Das ist ein sehr trauriger Prozess. Wir müssen jetzt versuchen, die Situation zu analysieren, wie es denn überhaupt dazu gekommen ist." Sie sehe in vielen Kirchengebäuden eine "aussagelose Dekoration, die viel Beliebigkeit verbreitet hat. Und je mehr Beliebigkeit, desto weniger Aussage und Bindung kann eine Kirche ausströmen."

    Mangelnde kulturelle Ausbildung der Priester

    Die Kirchenvertreter bei der Tagung müssten sich auf Vorwürfe einstellen, sagt Jansen-Winkeln. "Es geht gar nicht anders. Warum haben die Priester die Gläubigen verlassen und im Regen stehen lassen? Die Gläubigen vor Ort wollen etwas zu ihrer Kunst in den Kirchen wissen. Sie wollen aufgeklärt werden."
    Es könne nicht angehen, dass selbst die örtlichen Priester nicht wissen, was in den Fenstern dargestellt wird. Das sei ein großer Mangel und deswegen werde die Fortbildung für Priester auch ein Thema werden. "Das ist auch etwas, das Rom fordert. Wenn Priester nicht kulturell ausgebildet sind, können sie auch keine kulturelle Bildung an die Gemeindemitglieder mitgeben."
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