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Wortwechsel | Beitrag vom 07.05.2021

Kultur und Kirche im LockdownBeschleunigte Sinnkrise

Moderation: Hans Dieter Heimendahl

Der Eröffnungsgottesdienst der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) mit Verpflichtung der Synodalen wird live im Internet übertragen.  (picture alliance / dpa / Ole Spata)
Für die Kirchen hat der coronabedingte Gang ins Netz nicht nur Nachteile, meint der evangelische Landesbischof Christian Stäblein. (picture alliance / dpa / Ole Spata)

Schon vor Corona suchten Theater, Museen und Orchester wie auch die Kirchen nach neuen Publikumsgruppen. Die Lockdowns scheinen den Schwund beschleunigt zu haben. Kommt das Publikum zurück, wenn Kultureinrichtungen und Kirchen wieder öffnen?

Licht am Ende des Tunnels, Zielgerade – in der Corona-Pandemie gibt es Zeichen der Hoffnung, zumindest in Deutschland. Und so bereiten sich auch Kultureinrichtungen darauf vor, wieder zu öffnen nach den Lockdowns, ebenso die Kirchen.

"Eine wahnsinnige Sehnsucht" danach, Kultur konkret zu erleben statt virtuell macht die Kulturjournalistin Dorte Lena Eilers bei vielen Menschen aus. Digitales Theater im Internet habe zwar durchaus Innovationen hervorgebracht, sei aber mit dem direkten, sinnlichen Eindruck nicht zu vergleichen, eher "eine Krücke". Und Geld sei damit auch nicht zu verdienen, fügt Olaf Zimmermann vom Deutschen Kulturrat hinzu.

Virtuelle Kirchgänger

Für die Kirchen hat der coronabedingte Gang ins Netz durchaus auch Vorteile gebracht, erklärt der evangelische Landesbischof Christian Stäblein. Die Klickzahlen bei Online-Gottesdiensten zeigten: In die virtuelle Kirche gehen an gewöhnlichen Sonntagen so viele Menschen wie analog sonst allenfalls an Weihnachten oder Ostern.

Doch was passiert, wenn Kulturtempel wie Kirchen wieder für das Publikum öffnen dürfen – kommt das dann auch? Die Sozialwissenschaftlerin Vera Allmanritter hat Zahlen aus der Zeit der Lockerungen nach dem ersten Lockdown: Damals besuchte vor allem das Stammpublikum wieder Konzerte, Theater und Ausstellungen, ältere Menschen und solche, die ohnehin nicht so kulturaffin sind, blieben eher fern.

"Das wird noch eine ganze Ecke dauern"

Olaf Zimmermann vom Deutschen Kulturrat erwartet denn auch, dass es nach einer Wiedereröffnung "noch eine ganze Ecke dauern" wird, bis das Kulturleben wieder in Gang kommt: Volle Säle seien schon aus Sicherheitsgründen erst mal nicht möglich, Künstler müssten nach erzwungener Arbeitslosigkeit wieder zurück in den Beruf finden. In dieser Übergangszeit brauche die Kultur weiter Unterstützung, auch finanziell.

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Und welche Kultur wollen wir dann, wie sollen die Spielpläne nach Corona aussehen? Zurück zu den Klassikern, mehr Leichtes, Unterhaltsames? Oder die künstlerische Auseinandersetzung mit dem, was die Pandemie mit uns gemacht hat?

Landesbischof Christian Stäblein meint, Kirche wie Kultur müssten sich mit den existenziellen Fragen befassen, die Corona aufgeworfen hat: Tod, Leiden, auch unser Verhältnis zur Natur.

Sinnsuche – und Lachen

Dem pflichtet die Theaterjournalistin Dorte Lena Eilers bei, wobei man nicht unbedingt "zehn Corona-Stücke hintereinander sehen" müsse. Doch die Konflikte, die während der Pandemie offenbar wurden – etwa die Frage der Solidarität –, müssten künstlerisch bearbeitet werden, in der Suche nach Sinn und Unsinn des Geschehenen.

Daneben werde aber sicher auch Menschen geben, die nach der Coronakrise vor allem Zerstreuung suchen, ergänzt die Sozialwissenschaftlerin Vera Allmanritter: Unterhaltung – und Lachen.

Es diskutieren:
Christian Stäblein, Bischof der Evangelischen Landeskirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz
Vera Allmanritter, Leiterin des Institutes für Kulturelle Teilhabeforschung Berlin
Dorte Lena Eilers, Chefredakteurin der Zeitschrift "Theater der Zeit"
Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates

Die Sendung wurde im Rahmen des Kultur.Forum St. Matthäus in der St. Matthäus Kirche Berlin aufgezeichnet, in Zusammenarbeit mit dem Kulturbeauftragten der Evangelischen Kirche in Deutschland, der Kulturstiftung der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz und dem Deutschen Kulturrat.

(pag)

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