Kino in Russland

Wenig Spielraum in einer angepassten Filmwelt

05:44 Minuten
Zwei junge Soldaten in Uniformen der Roten Armee sitzen allein in einem Kinosaal.
Szene aus dem estnischen Film "Firebirds" mit Tom Prior und Oleg Zagorodnii. © picture alliance / ZUMAPRESS.com / Roadside Attractions
Von Christian Berndt · 14.05.2022
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Der estnische Film "Firebird" erzählt von einer homosexuellen Liebe zu Zeiten der Sowjetunion. Damit verstößt er eigentlich gegen russische Gesetze - dennoch war er auf dem Moskauer Filmfestival zu sehen. Solche Freiräume werden seltener.
Ein Militärstützpunkt im sowjetischen Estland 1977. Hier leistet Sergey seinen Wehrdienst ab, für ihn ein einziger freudloser Drill. Dann lernt er den Flieger Roman kennen. Die beiden verlieben sich.
Der estnische Film „Firebird“ erzählt nach einer wahren Geschichte von einer verbotenen Liebe zu Sowjetzeiten. Eher zum Spaß hatte der Regisseur Peeter Rebane seinen Film auch beim letztjährigen Moskauer Filmfestival eingereicht - und war völlig überrascht, als "Firebird" angenommen wurde.
In Russland wird die positive Darstellung schwuler Liebe als homosexuelle Propaganda bestraft. Aber der Film lief beim Festival, und das Publikum war begeistert. Vor dem Kino jedoch gab es Demonstrationen gegen den Film. Die zweite Vorführung fand ohne Publikum statt. Kurze Zeit später bekam das Team Todesdrohungen.

Auf Festivals zeigt sich Russland liberal

Dass ein Film wie „Firebird“ auf einem russischen Festival läuft, ist nicht ungewöhnlich, meint Simone Baumann, Geschäftsführerin von German Films, einem Unternehmen, das deutsche Filme im Ausland vermarktet. Baumann hat lange in Osteuropa, vor allem in Russland, gearbeitet.
„Bis einschließlich letztes Jahr haben sie dort auch solche Filme gezeigt. Ich glaube, das hat zweierlei Gründe. Als internationales Festival ist das Moskauer Filmfestival auch ein Aushängeschild, da ist man in der Regel liberaler. Und es steckt eine gewisse Taktik dahinter. Die sagen sich: Den Film sehen pro Vorführung maximal 300, 400 Leute. Bei einer Bevölkerung von 145 Millionen sind das nicht viele. Davon fällt das System nicht zusammen.“

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International gefeierte und offen regimekritische Filme wie zum Beispiel Andrei Swjaginzews „Leviathan“ von 2014 dienen der Regierung auch als Feigenblatt, um sich liberal zu geben, meint Baumann.

Seit 2014 verschärft sich die Zensur

Mit der Niederschlagung der Massenproteste nach den gefälschten Wahlen 2012 und vor allem nach der Krim-Annexion aber verschärfte sich die Zensur. Viele Regisseure verließen das Land. Jetzt mit Kriegsbeginn ist der Aderlass kreativer Köpfe massiv.
Aber das russische Publikum wird davon nichts mitkriegen, meint Baumann, weil die russische Filmwelt sehr angepasst sei.
„Ich würde sagen: 85 Prozent Konformismus, Opportunismus, Unterstützung des Krieges. Zehn Prozent Stillschweigen, also am Ende auch Unterstützung des Krieges. Fünf Prozent sind dagegen, äußern sich und tun was. Manche emigrieren."
Baumann ist, was Russland betrifft, ernüchtert: „Ich habe in den Achtzigern dort studiert. Ich kenne dort ganz viele Leute, seit 40 Jahren. Ich habe immer noch viele Freunde, die anders sind. Aber die sind die absolute Minderheit. Ich muss allerdings auch sagen, dass ich mit vielen Leuten den Kontakt abgebrochen habe. Mit ganz vielen nach 2014. Jetzt kommen noch ein paar dazu.“

Provokateure stören Filmvorführungen

Zu den Stimmen, die sich offen gegen den Krieg erklärt haben, gehört das Petersburger Filmmagazin „Seance“. Auch Chefredakteur Vasiliy Stepanov erzählt, dass sich der Druck in den letzten zehn Jahren massiv verschärft hat. Da die Verfassung Zensur verbietet, gehe die Regierung indirekt vor: Filmvorführungen werden, wie auch bei „Firebird“, von Provokateuren gestört.
Man weiß nicht, ob die Störer echte Demonstranten sind oder Geheimdienstleute. Jedenfalls werden die Verbote von Filmen mit diesen Krawallen begründet. Gerade die Willkür eröffnet auch einen gewissen Spielraum.

Der Dokumentarfilm bleibt unbequem

Möglichkeiten für politische Kritik gab es bis vor Kurzem etwa im Dokumentarfilmbereich, meint Stepanov. Bekannt dafür war das Artdoc-Festival, das 2014 nach Litauen umgezogen ist, aber noch Ableger in Moskau und St. Petersburg unterhielt.
Dennoch entstehen weiterhin Filme, die sich den offiziellen Regeln widersetzen. Vor zwei Jahren, erzählt Stepnaov, lief zum Beispiel auf einem Debütfilmfestival die grelle Satire „Outlaw“, die provokativ von Transsexualität und Homosexualität unter Jugendlichen erzählt. Zwar gab es einen Skandal. Für den Verleih wurde der Film dennoch zugelassen.

Kritisches zur Kolonialvergangenheit

Unabhängiges Kino gibt es noch in der russischen Peripherie, etwa im Nordosten Russlands, in Jakutien, so Stepanov.
Auf dem wichtigsten Filmfestival für den russischen Film in Sotschi lief letztes Jahr der Film „Nuuccha“, der kritisch von Russlands Kolonialvergangenheit in Jakutien erzählt. Aber ob ein solches Kino in Zukunft noch möglich sein wird, ist jetzt fraglicher denn je - auch angesichts der Abwanderung kritischer Filmemacher.
„Seance“ behandelt in seiner nächsten Ausgabe die Frage, inwieweit es zu Sowjetzeiten ein originäres ukrainisches Kino gab – es wird sich zeigen, ob es das Filmmagazin nach diesem Artikel noch gibt.
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