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Breitband | Beitrag vom 28.07.2018

Kritikkultur im NetzSprache, Scham und Schuld im Netz

Von Kathrin Passig und Jan Kalbitzer

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Ein junger Mann schreit seinen Laptop an (imago )
Droht der Shitstorm? - Nicht immer ist man am nächsten Tag noch glücklich über eigene Kommentare oder Tweets. (imago )

Schämt euch! So nicht! Die Inflation derartiger Sanktionsmittel könne eine konstruktive Auseinandersetzung auch verhindern, sagt der Psychiater Jan Kalbitzer. Die Autorin Kathrin Passig hat bei der kritischen Betrachtung ihrer Netzaktivitäten ganz eigene Erfahrungen gemacht.

Unsere Gesprächsreihe mit Kathrin Passig und Jan Kalbitzer geht in die nächste Runde. Diesmal sprechen die Autorin und der Psychiater über #MeToo, Psychoanalyse und verunsicherte Männlichkeit. Über dem Ganzen schwebt die Frage: Wie kann konstruktive Kritik im Netz aussehen?

Der Psychiater Jan Kalbitzer  (Deutschlandradio / Matthias Dreier)Vergessen ist eine wunderbare Eigenschaft, so Psychiater Jan Kalbitzer. (Deutschlandradio / Matthias Dreier)

"Ein Teil der gesellschaftlichen Spaltung hat damit zu tun, dass ein größerer Teil der Gesellschaft durch dieses Sanktionsmittel: 'Schämt euch!' oder 'Sowas darf man nicht äußern!' Macht ausübt, und ein anderer Teil, der sich dadurch unterdrückt fühlt, sich abspaltet - und die Sanktion nicht mehr wirkt", sagt Jan Kalbitzer.

Was tun, wenn verwendete Begriffe nicht in Ordnung sind?

Für die User stelle sich dann immer wieder die Frage: "Wie gehe ich damit um, dass ich Ausdrücke und Begriffe verwende, die nicht in Ordnung sind und erst durch andere darauf aufmerksam gemacht werde?" Auch diejenigen, die von Alltagsdiskrimnierung betroffen sind, geht es weniger um eine generelle Verurteilung, sondern um Reflexion und eine Veränderung ihrer Realität.

Letztlich sieht der Psychiater eine Überforderung: "Die ganze Datenmacht über sich selbst, die will man doch auch nicht. Vergessen ist auch doch eine wunderbare Eigenschaft, die die Natur so vorgesehen hat."

(Deutschlandradio Kultur / Maria Lang)Das Richtige zu tun, sei einem oft "zu egal", sagt Kathrin Passig. (Deutschlandradio Kultur / Maria Lang)

Diesen Wunsch nach Vergessen will Kathrin Passig etwas differenzierter betrachtet wissen. "Es gibt viel dazwischen: Zwischen gar nicht mehr erinnern wollen oder können - und mehrfach am Tag daran erinnert werden", sagt die Autorin.

Die eigene Netzvergangenheit reflektieren

Für die rückwirkende Betrachtung eigener Netzaktivitäten hat sie allerdings auch kein Patentrezept parat. "Es macht ja keinen Sinn sich die eigene Vergangenheit zurecht zu fälschen, als wäre man damals schlauer gewesen als man tatsächlich war", gibt sie zu bedenken.

"Man weiß manchmal schon, was in einer bestimmten Situation das Richtige wäre, aber es ist einem zu egal", fasst die Autorin das Dilemma bei der Nutzung sozialer Medien zusammen.

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