Sigrid Nunez' neuer Roman

    Leichthändig über das Altern

    06:17 Minuten
    Ein Frau mit Brille und kurzen grauen Haaren schaut in die Kamera im Rahmen einer Preisverleihung
    Sigrid Nunez: US-amerikanische Beststeller-Autorin und Bookerprize-Trägerin © picture alliance / Photoshot
    Von Meike Feßmann · 15.01.2024
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    Lockdown in New York. Eine Schriftstellerin soll den Papagei einer Freundin hüten. Aber da gibt es auch noch einen jungen Mann, der sie an die verlorene Jugend erinnert. Ein ebenso elegischer wie komischer Roman über das Altern.
    Man kann sich an prägnanten Ereignissen festhalten, an Statistiken oder an einzelnen Worten und doch bleibt es überraschend schwierig, sich an die Zeit des Lockdowns wirklich zu erinnern. So existentiell die Covid-Pandemie war, so unwirklich erscheint sie im Nachhinein. Sigrid Nunez spricht in ihrem neuen Roman davon, ihr komme die Zeit im Rückblick eher wie ein „Traum“ vor als wie eine „Erinnerung“.
    Und tatsächlich hat ihr Schreiben etwas Somnambules. Traumsicher trifft sie die Worte, während eine Suchbewegung den Roman gewissermaßen im Entstehen einfängt. So als schmecke sie etwas ab, prüfe sie Wort für Wort, was dafür taugt. „Es war ein launischer Frühling“ übernimmt sie als Auftakt den Eröffnungssatz aus Virginia Woolfs Roman „Die Jahre“.

    "Eine schrullige, ziellos herumirrende alte Frau"

    Es ist der Frühling 2020, als die ganze Welt plötzlich zum Stillstand kommt. Die Erzählerin, in New York City lebend und auch sonst nahe an der 1951 dort geborenen Schriftstellerin, folgt der Order, zuhause zu bleiben. Manchmal genießt sie die Spaziergänge durch die leere Stadt. Den Central Park für sich alleine haben!
    Wenn sie ehrlich ist, leidet sie unter einer Schreibblockade, die sich wie Schlaflosigkeit anfühlt, schließlich wird das Leben einer Schriftstellerin nicht leichter, wenn man ihr sagt, ihr Beruf sei nicht besonders relevant. Und wenn eine jüngere Freundin sie maßregelt, sie dürfe zwar „frische Luft schnappen“, aber nicht „herumlaufen“, schließlich sei sie „eine Vulnerable“, dann klingt das für sie, „als wäre ich eine schrullige, ziellos herumirrende alte Frau.“

    Atmosphärisch dichtes Tableau der Gefühle

    Mit kühlem Kopf und atmosphärisch dicht entfaltet Sigrid Nunez ein Tableau gemischter Gefühle, die oft assoziativ verknüpft werden. Die zentrale Achse bildet die Bitte einer in Kalifornien gestrandeten Freundin, ihren Papagei zu hüten. Er brauche Gesellschaft und Spiel. Ihre Wohnung, teuer und geschmackvoll ausgestattet, wird zu einem Refugium. Für die Konstruktion des Romans ist sie so etwas wie eine imaginäre Voliere, ein Schutzraum für Flugexperimente.

    Die Schönheit des jungen Mannes

    Denn neben dem Papagei gibt es auch noch den jungen Mann, der das Tier zunächst gehütet hat. Als er unangemeldet wieder auftaucht, ist die Erzählerin erbost. Eine Freundin sagt ihr auf den Kopf zu, ihr Problem sei nicht die Isolation mit einem Fremden, sondern die Schönheit des jungen Mannes, der sie an ihre verlorene Jugend erinnere.
    Die Erzählerin, die für sich das computergenerierte Pseudonym "Sugared Nouns" gefunden hat, gibt ihre rigorose Abwehr auf. Schließlich ist auch er ein „Vulnerabler“, der seine psychische Störung mit Cannabis und Psilocybin therapiert. Gemeinsam vertrödeln sie die Tage auf dem Sofa und spielen mit dem Papagei.

    Elegie plus Komödie

    „Elegie plus Komödie“ müsse ein Memoir sein, sagt eine befreundete Lektorin über das Buch einer anderen. Es ist auch eine treffende Beschreibung für diesen überraschend leichthändigen Roman über das Altern. Auf der Suche nach Trost entdeckt die Erzählerin, dass Verletzlichkeit beides ist: eine Zuschreibung, die unter dem Vorwand des Schutzes stigmatisiert, aber auch eine andere Vokabel für Lebendigkeit. Strenge und Spiel finden in diesem Roman auf beflügelnde Weise zusammen, ein schönes Buch über eine höchst merkwürdige Zeit.

    Sigrid Nunez: "Die Verletzlichen"
    Aus dem Amerikanischen von Anette Grube
    Aufbau Verlag, Berlin 2024
    224 Seiten, 22 euro

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