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Fazit | Beitrag vom 13.02.2021

Kritik an Vertriebenen-StiftungPlädoyer für die Erforschung von Gewaltmigration

Jochen Oltmer im Gespräch mit Vladimir Balzer

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Besucher und Journalisten gehen durch das umgestaltete, ehemalige Deutschlandhaus. (picture alliance/dpa | Paul Zinken)
2008 wurde die Stiftung vom Bundestag ins Leben gerufen. Nun steht das Dokumentationszentrum bereit für eine baldige Eröffnung. (picture alliance/dpa | Paul Zinken)

Die Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung ist auf Initiative von Erika Steinbach entstanden. Im Sommer soll nun das Dokumentationszentrum in Berlin eröffnet werden. Beiratsmitglied Jochen Oltmer kritisiert den übermächtigen Stiftungsrat.

In vier Monaten soll das Dokumentationszentrum der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung in Berlin eröffnet werden. Herzstück wird die Dauerausstellung über die Vertreibung von Deutschen nach 1945 sein. Daran übt Jochen Oltmer Kritik. Der Historiker und Migrationsforscher ist Mitglied im wissenschaftlichen Beraterkreis der Stiftung, einem Expertengremium, das "nachrangig beratend tätig" ist, wie er sagt.Abonnieren Sie unseren Kulturnewsletter Weekender. Die wichtigsten Kulturdebatten und Empfehlungen der Woche. Ab jetzt immer freitags per Mail. (@ Deutschlandradio)Die eigentliche Macht hat der Stiftungsrat, der aus 21 Mitgliedern besteht. Vertriebenenverbände machen ein Drittel aus. Das hängt mit der Stiftungsgeschichte zusammen, wie Oltmer erklärt: Erika Steinbach, die viele Jahre Präsidentin des Bundes der Vertriebenen war, hat sich politisch für die Gründung dieser Institution eingesetzt. Von Anfang an sollte das Leid der deutschen Vertriebenen nach 1945 im Fokus stehen. 

Stiftungsrat sollte seinen Einfluss einschränken

"Vor Jahren schon hätte die Perspektive sein müssen: Wir haben den Weg bereitet für eine solche Ausstellung, und jetzt ziehen wir uns gewissermaßen zurück als politisches Gremium 'Stiftungsrat' und lassen diejenigen, die sich mit diesem Thema intensiv auseinandergesetzt haben und auseinandersetzen, deutlich mehr Freiheiten, mehr Handlungsspielräume und versuchen nicht permanent, immer wieder Leitlinien zu fassen, die diesen Kompromisscharakter dessen, was dort entsteht, in den Vordergrund heben", sagt Oltmer.

Bundeskanzlerin Merkel neben Erika Steinbach und weiteren Politikern anlässlich einer Veranstaltung der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung. Aufgenommen im Jahr 2013. (imago / CommonLens)Maßgeblich beteiligt an der Entstehung der Stiftung war die langjährige Präsidentin des Bundes der Vertriebenen, Erika Steinbach. Hier im Jahr 2013 in der Mitte neben Bundeskanzlerin Angela Merkel. (imago / CommonLens)

Der Stiftungsrat habe sich nämlich für eine nationalstaatszentrierte Perspektive entschieden, sagt Jochen Oltmer: "Vertreibung sei zu verstehen als die dunkle Seite des Nationalstaates. Mit der Durchsetzung der Nationalstaaten, insbesondere auch nach dem Ersten Weltkrieg in Osteuropa, habe sich eben diese dunkle Seite immer wieder gezeigt, seien Menschen, die als Minderheiten verstanden worden sind, vertrieben worden, zur Flucht genötigt worden."

Gewaltmigration erforschen

Für den Historiker ist das aber eine Verkürzung der Geschichte, wie er sagt. Flucht und Vertreibung habe es vorher schon gegeben, ganz unabhängig von Nationalstaaten. Beides sei eher mit der Androhung und Anwendung von Gewalt zu erklären, weswegen Oltmer sich für die Erforschung von Gewaltmigration ausspricht. Den Wissenschaftler interessiert hier vor allem, warum Menschen in den verschiedensten Konstellationen immer wieder als verschiebbare Masse verstanden werden, die man aus dem Weg räumen und an einem anderen Ort ausnutzen kann, wie beispielsweise bei Deportationen.

So könnte man Flucht und Vertreibung als grundsätzliches Problem der Menschheitsgeschichte begreifen.

(ckr)

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