Seit 05:05 Uhr Studio 9

Mittwoch, 14.11.2018
 
Seit 05:05 Uhr Studio 9

Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 08.01.2018

Kritik an der GrundschuleWeg von der Selbstlernidylle

Von Michael Felten

Podcast abonnieren
Grundschüler während einer Unterrichtsstunde. (imago/photothek)
Grundschüler während einer Unterrichtsstunde. (imago/photothek)

Die Grundschulstudien der letzten Zeit zeigen, Viertklässler verstehen Texte noch schlechter als vor zehn Jahren. Außerdem können sie weniger gut rechnen als der europäische Durchschnitt. Um das zu ändern, sieht der Publizist Michael Felten nicht nur die Politik in der Verantwortung.

Nach jeder Schulstudie gibt's einige Wochen Aufregung und Streit, aber irgendwann einigt man sich auf die üblichen Verdächtigen: zu wenig Lehrer, zu große Klassen, zu viele Migrantenkinder, diesmal auch noch die verkorkste Inklusion. Dabei wäre genug Geld da. Nur fließt vieles eben in irgendwelche Bankenrettungen oder wird am Hindukusch verpulvert. Berechtigte Forderungen verhallen, das Thema landet wieder in der Versenkung.

Aber jetzt ist eben die Grundschule betroffen, das Fundament unserer Wissensgesellschaft bröckelt. Höchste Zeit also, bezüglich der ersten Schuljahre tiefer zu bohren, Fragen zu stellen, die nicht an Strukturen oder gar Äußerlichkeiten hängen bleiben, sondern ins Innere des Betriebs zielen. Könnte es sein, dass in der Primarstufe im Pädagogischen etwas schief läuft?

Führungsschwäche der Pädagogen

Spaßpädagogik, dieser Vorwurf wäre sicher allzu grobschlächtig. Aber dass sich die Grundschule immer noch als Ort der Vermütterlichung versteht, ist eigentlich ein offenes Geheimnis. Viele Lehrer fürchten, von ihren Schützlingen zu viel zu verlangen, sie beim Lernen unter Stress zu setzen. Obwohl alle Unterrichtsforschung sagt: Hohe Erwartungen – verbunden mit guter Unterstützung – sind besonders entwicklungsförderlich, gerade auch für langsamere Lerner. Zudem leiden nicht wenige Pädagogen unter einer Art Führungsschwäche. Sie brauchen etwa arg lange, um Arbeitsruhe in der Klasse herzustellen.

Die These des Publizisten Michael Felten, dass Frontalunterricht erfolgreicher sei als das individuelle Lernen mit Arbeitspapieren, hat für Widerspruch gesorgt. Am Dienstag, den 9. Januar 2017, hielt Maresi Lassek, Vorsitzende des Grundschulverbandes, im Interview in unserer "Studio 9"-Sendung dagegen: Die Grundschule müsse auf den unterschiedlichen Entwicklungsstand von Kindern reagieren und sie entsprechend fördern.
Am Donnerstag, den 11.01.2017, sprachen wir außerdem mit der Didaktik-Forscherin Kornelia Müller. Sie betont: Wichtiger als die konkrete Darreichungsform des Unterrichts seien dessen Struktur und die Einbindung der Schüler, damit diese zum Denken angeregt werden. Sie fordert eine bessere Ausstattung der Schulen und eine stete Weiterbildung der Lehrkräfte.

Nicht zuletzt scheinen die "neuen Lernformen" flächendeckend ihre Opfer gefunden zu haben: Mancher Lehrer hofft immer noch, das sogenannt "selbstgesteuerte, eigenverantwortliche Arbeiten" – gemeint ist Einzellernen mit Arbeitsblattstapeln – produziere mündigere Bürger. Das Ergebnis solcher Selbstlernidyllik ist aber keineswegs Tiefgang, sondern Oberflächlichkeit. Deshalb war ja auch die Erziehung zur Rechtschreibanarchie so verfehlt – korrekte Orthografie ist eben kein formaler Selbstzweck, sondern Denkschulung und Schlüsselqualifikation, etwa für zügiges Recherchieren. 

Was sich in prekären Milieus bewährt hat

Der Erziehungswissenschaftler Hermann Giesecke hat schon lange vermutet, dass "nahezu alles, was die moderne Schulpädagogik für fortschrittlich hält, gerade Kinder aus bildungsfernem Umfeld diskriminiert" – übrigens ebenso die wachsende Schar emotional instabiler Kinder. Die Lernforschung konnte das breit bestätigen: "direct instruction" etwa – also abwechslungsreicher, lehrergelenkter Klassenunterricht – hat sich als eine der leistungsförderlichsten Arbeitsformen erwiesen, gerade in prekären Milieus. Die derzeit heiligen Kühe namens "Freiarbeit" oder "Individualisierung" schneiden dagegen vergleichsweise wirkungslos ab.

Was also hilft sozial benachteiligten Kindern am besten, sich aus ihrem Status zu befreien? Die Antwort klingt altmodisch, ist indes schon wieder Avantgarde: ein direkt anleitender und anregender, geduldiger und ermutigender Unterricht. Zudem schadet strukturiertes Lernen besseren Schülern natürlich auch nicht.

Nähmen wir diesen Befund wirklich ernst, würden die Bildungschancen hierzulande wieder weniger auseinanderklaffen. Viele von uns könnten dabei mit Hand anlegen: Lehrer, indem sie es fertigbringen, sich von liebgewordenen Bildungsillusionen zu verabschieden. Und Eltern, die sich trauen, von den Lehrern ihrer Kinder ganz einfach soliden Unterricht zu verlangen.

Michael Felten, geboren 1951, hat 35 Jahre Mathematik und Kunst an einem Gymasium in Köln unterrichtet. Er ist weiterhin in der Lehrerausbildung tätig und berät Schulen bei ihrer Entwicklung (www.eltern-lehrer-fragen.de). Ihm geht es darum, den Praxiserfahrungen der Lehrer und den Befunden der Unterrichtsforschung mehr Gehör in der Bildungsdebatte zu verschaffen. Seit dem UN-Weltkindertag 2015 betreut er eine Info-Plattform zur Inklusionsdebatte: www.inklusion-als-problem.de

Mehr zum Thema

Schulleitermangel - Ein Job, den nur wenige wollen
(Deutschlandfunk, Informationen am Mittag, 28.12.2017)

Sanierungsstau an Schulen - Wenn der Putz von den Wänden bröckelt
(Deutschlandfunk, Hintergrund, 25.12.2017)

Kritik an der Schule von heute - Kasernen können kein Vorbild für Klassenzimmer sein
(Deutschlandfunk Kultur, Interview, 16.11.2017)

Hörerkommentare

Wir behalten uns vor, Kommentare vor Veröffentlichung zu prüfen. Bitte befolgen Sie unsere Regeln. Für die Kommentarfunktion nutzen wir testweise ein System der US-Firma Disqus, Inc. Weitere Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

comments powered by Disqus

Politisches Feuilleton

KapitalismusWir brauchen gerechte Preise!
Frauen an Nähmaschinen. Eine schaut in die Kamera. (imago / ZUMA Press)

Der Markt hat immer Recht? Nein, meint Christoph Fleischmann. Denn das Prinzip Angebot und Nachfrage sorge nicht für Gerechtigkeit. Entsprechend dürfe man es nicht allein dem Markt überlassen, die Preise festzulegen.Mehr

ParitätswahlgesetzDie Hälfte des Bundestags für Frauen!
Die Parlamentarier debattieren im Plenum im Bundestag. Der Deutsche Bundestag berät in seiner Sitzung unter anderem über die Parteienfinanzierung. (picture alliance/dpa - Michael Kappeler)

Zum 100. Jahrestag des Frauenwahlrechts forderte Justizministerin Barley, das Wahlrecht zu ändern, damit gleich viele weibliche und männliche Abgeordnete in politischen Gremien vertreten sind. Die Journalistin Simone Schmollack fordert das schon länger - und erklärt, warum.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur