Krisentraining in der französischen Armee

    Mit Science-Fiction-Videos für den Ernstfall üben

    07:00 Minuten
    Screenshot You Tube: Red Team Defense / P-Nation 1/3
    Menschen werden in der Menge zur Zielscheibe: Solche dystopischen Szenen zeigt ein Video, das französische Soldaten zu Trainingszwecken schauen können. © You Tube / Red Team Defense / P-Nation 1/3
    Von Leonardo Kahn · 07.09.2021
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    Französische Soldaten können ab sofort mit dystopischen Videos für den Krisenernstfall üben. Frankreichs Verteidigungsministerium beauftragte dafür Science-Fiction-Autoren: Sie denken sich zu Trainingszwecken Kriegsszenarien für die Armee aus.
    Wenn die französische Armee einen Videotrailer über zukünftige Kriegsszenarien produziert, dann muss das auch ein bisschen nach Sylvester-Stallone-Film klingen. Auszug aus einem Video:
    "Der Strukturwandel in der Kriegsführung der 2030er- und 2040er-Jahre führt zu drastischen taktischen und technologischen Entwicklungen. Die Überlastung der Schlachtfelder durch Drohnen geht einher mit dem immer mörderischer werdenden Einsatz von Hochgeschwindigkeits-Geschossen."

    Wie in der Netflix-Serie "Black Mirror"

    Das Video geht weiter: Fake News und Virtual Reality erschweren die Vermittlung von offiziellen Mitteilungen. Pandemien werden Evakuierungen aus Kriegsgebieten behindern und Klimaflüchtlinge werden sich vereinen und westliche Länder angreifen. Die Szenarien sind gruselig, ähneln aber auch den Dystopie-Vorstellungen der Netflix-Serie "Black Mirror".
    Doch das Red-Team-Projekt ist keine Spielerei, so Verteidigungsministerin Florence Parly bei einer Kundgebung im vergangenen Dezember: "Es ist weder oberflächlich noch banal. Es ist ein sehr ernstzunehmendes Projekt. Ich bin daher stolz darauf, euch das Red Team vorstellen zu dürfen. Einmalig in Europa, werden sie sich in den Zeitraum 2030 bis 2060 versetzen. Ihr erstes Szenario handelt von den Piraten der Zukunft."
    Seit zwei Jahren tüftelt das Red Team in zwei separaten Gruppen an verschiedensten Szenarien. Ein Teil davon wird auf ihrer Seite Redteamdefense.org veröffentlicht. Weitere Szenarien werden geheim gehalten, zum Beispiel wenn sie Informationen über die französische Ausrüstung beinhalten.

    Die Frau des Generals ist Science-Fiction-Fan

    Auch wenn das Konzept schon in den 80ern vom damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan umgesetzt wurde – die Idee zum Red-Team-Projekt kam dem General Emmanuel Chiva spontan:
    "Um ganz ehrlich zu sein, die Idee zu diesem Projekt kam mir, weil meine Frau ein Science-Fiction-Fan ist. Sie nahm mich damals zu einem Festival namens Utopiales mit. Und da dachte ich mir: 'Na, diese ganze Kreativität lässt sich bestimmt irgendwie nutzen.'"
    Emmanuel Chiva ist Leiter der Abteilung für innovative Verteidigung, welche vor drei Jahren gegründet wurde – ein milliardenschweres Projekt des Verteidigungsministeriums. Zwei Millionen Euro von diesem Investitionsfonds fließen in das Red-Team-Projekt. Hiermit werden die Science-Fiction-Autorinnen bezahlt, aber nicht nur.

    Was machen die Franzosen anders?

    Das Projekt ist deutlich komplexer und daher auch in seiner Form einzigartig, erklärt Emmanuel Chiva: "Erstens, weil die Autoren nicht allein in ihrer Ecke arbeiten. Sie bilden ein Team. Zweitens, weil das Red Team auch mit einer Methodik verbunden ist. Es geht nicht nur darum, Science-Fiction-Autoren in einen Raum zu sperren und zu hoffen, dass etwas Nützliches dabei herauskommt.
    Dahinter steckt eine echte Methodik mit Kreativ-Workshops, und wir versuchen auch, den Autoren ein paar Dinge von uns zu zeigen. Wir zensieren sie dabei nicht, aber wir geben ihnen zumindest eine gewisse Leitung. Durch diese Organisationsform ist das Projekt meiner Meinung nach einzigartig."
    Den jeweiligen Teams werden Farben zugeteilt. Das Red Team besteht aus Science-Fiction-Schriftstellerinnen und -Schriftstellern. Das Blue Team, die Armee, klärt die Autoren über das französische Verteidigungssystem auf. Das White Team wird von der Elite-Universität Paris Sciences et Lettres gestellt – sie dient als wissenschaftliche Kontrollinstanz. Für Vermittlung von themenspezifischen Sachverhalten ist das Purple Team mit ihren Expertinnen und Experten zuständig.

    Schreibende haben mehr Vorstellungskraft

    Warum man zum Austüfteln der Kriegsszenarien nicht direkt die Experten nimmt? Die Dozentin der Universität PSL Sonia Adam-Ledunois erklärt: "Science-Fiction-Autoren haben die Fähigkeit, über die Grenzen der Gegenwart hinauszublicken. Ein Politikwissenschaftler kann eine Kartografie oder eine Gegenwartsanalyse liefern. Aber wenn man ihn bittet, sich 30 Jahre in die Zukunft zu versetzen, dann fällt ihm das schwer.
    Im Gegensatz dazu fällt es den Schriftstellern relativ leicht, sich in die Zukunft zu versetzen, so scheint es zumindest. Ihr allererstes Testszenario handelt von Klimaflüchtlingen, die eine erste gebietsunabhängige Nation gründen: die Piraten-Nation.
    Im Video hört sich das so an:
    "Sie lassen sich auf dem Meer nieder, um eine neue Identität zu bilden. Es entsteht die erste post-territoriale Nation: die P-Nation oder Piratennation, die sich durch ihre Größe und Kreativität hervorhebt."
    Der Autor Laurent Genefort ist seit zwei Jahren Teil des Red Teams. Im Gespräch erzählt er, seine neue Arbeit sei für ihn eine enorme Bereicherung, obwohl er eigentlich aus einem eher antimilitaristischem Milieu stammt.

    Die Armee verwöhnt ihr Red Team

    Er findet es wichtig, als Bürger im Militär mitzuwirken. Genau das würde eine Demokratie ausmachen, meint der Schriftsteller: "Wir leben hier in einer Demokratie. Ich würde mich eher infrage stellen, wenn ich Chinese oder Russe wäre. Das Problem wäre hier ja auch ein anderes."
    Die Armee habe sogar großen Respekt vor der Arbeit der Sci-Fi-Schriftstellerinnen und -schriftsteller. Das Klischee des autoritären Generals hat sich für Laurent Genefort nicht bestätigt.
    "Möglicherweise sind wir in der Armee auf die besten Menschen gestoßen. Auf jeden Fall haben sie uns richtig verwöhnt, und wir mussten keinen Autoritarismus ertragen. Sie haben uns viel kreativen Spielraum gelassen. Sie waren auf uns neugierig, und wir waren auch auf sie neugierig."

    Staffel zwei ist schon in Arbeit

    Diese Verzahnung zwischen Autoren, Armee und Wissenschaftlern macht das Red-Team-Projekt einzigartig. Ob andere Armeen dem Beispiel Frankreich folgen, kann der General Emmanuel Chiva nicht sagen. Es besteht aber die Wahrscheinlichkeit, dass jetzt schon andere Länder ein ähnliches Konzept durchführen, aber dies geheim halten.
    Das französische Verteidigungsministerium kommuniziert dagegen recht offen. Gerade laufen die Vorbereitungen zur zweiten Staffel – das Thema ist noch nicht bekannt.
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