Krise

Mit Russland, gegen Russland

Das Lenin-Denkmal in Simferopol, Hauptstadt der Autonomen Republik Krim
Umbruchstimmung auf der Krim. © picture alliance / dpa / Andrey Stenin
Von Florian Kellermann · 19.03.2014
Die einen sind längst übergelaufen und warten auf ihre neuen russischen Pässe, andere verweigern sich der neuen Regierung auf der Krim. Russland gerät unterdessen zunehmend in die Kritik durch den Westen.
Zur ukrainischen Garnison in Perewalnoje gibt es kein Durchkommen: Dorfbewohner haben eine Straßensperre errichtet. Sie wärmen sich an einem Feuer und haben den Transistorradio angeworfen. Unterstützt werden sie von Soldaten in grünen Uniformen, die keine Hoheitsabzeichen tragen - russische Soldaten, die sich noch immer nicht zu erkennen geben. Manche von ihnen haben die Kalaschnikow im Anschlag, andere lassen sie an der Seite baumeln.
Die Dorfbewohner wollen die ukrainischen Soldaten in der Garnison zermürben, sie sollen endlich aufgeben, sagt Igor, ein Dachdecker.
"Ein ukrainischer Soldat ist auch ein russischer Soldat. Wir sind doch alle Slawen, wir unterscheiden uns nicht. Jemand will uns trennen. Aber manche Ukrainer haben den Kopf voll Dummheiten, bei denen müsste man den Kopf erst einmal entrümpeln."
Drei Frauen von ukrainischen Soldaten kommen aus der Garnison. Sie tragen Uniformen gefaltet in der Hand, die sie zuhause waschen wollen.
Zu Russland übergelaufen
Ihr Mann sei schon auf die russische Seite übergelaufen, sagt eine von ihnen. Das sei richtig, schließlich gehöre die Krim inzwischen zu Russland. Tatsächlich gab in Perewalnoje, 30 Kilometer südöstlich von der Krimhauptstadt Simferopol, ein Teil der Soldaten inzwischen seine Waffen ab - und quittierten damit ihren Dienst als ukrainische Uniformierte. Vertreter der russischen Schwarzmeerflotte gaben an, dass sie ab morgen russische Pässe an ehemals ukrainische Soldaten ausgeben würden.
Im Hauptquartier der ukrainischen Schwarzmeerflotte in Sewastopol gibt es dagegen keinen Widerstand mehr gegen die Annexion der Krim durch Russland. Am Morgen haben die Selbstverteidigungstruppen des Moskau treuen Krim-Ministerpräsidenten Sergej Aksjonow die Kommandozentrale gestürmt. Die ukrainischen Soldaten verließen den Stützpunkt unbewaffnet.
Auch an anderen Orten erhöhen russisches Militär und prorussische Milizen den Druck auf die ukrainischen Garnisonen. In Nowoozernoje im Westen der Krim gingen die Selbstverteidigungstruppen mit einem Bagger gegen das Tor einer ukrainischen Garnison vor, am Nachmittag kamen Meldungen, dass auch dort die ukrainischen Soldaten ihre Waffen abgegeben haben.
Sie fühlen sich von der Regierung alleine gelassen
Offenbar hat sich die Stimmung unter den ukrainischen Soldaten in den vergangenen Wochen immer weiter verschlechter - viele fühlen sich von der Regierung in Kiew alleine gelassen. So wandte sich ein Batallion in Feodosia mit der Aufforderung an das Verteidigungsministerium, klare Anweisungen zu erteilen. "Wir brauchen Direktiven", sagte ein Major der Internetzeitung "Ukrainska Prawda".
Gegen den Sturm ihrer Garnisonen können die Soldaten nicht viel ausrichten. Das Verteidigungsministerium erlaubt ihnen zwar seit gestern den Einsatz von Waffen, die Selbstverteidigungskräfte des Krim-Ministerpräsidenten Aksjonow bestehen aber zum Teil aus Zivilisten, darunter Frauen, auf die ukrainische Soldaten schon prinzipiell kein Feuer eröffnen können.
Die ukrainische Regierung bereitet indes auf die Ausreise ukrainischer Staatsbürger von der Halbinsel Krim vor. Vor allem müsse rasch die Unterbringung möglicher Flüchtlinge sicher gestellt werden, hieß es aus Kiew. Bisher sind nach Angaben der ukrainischen Grenzschutzbehörde schon mehr als 600 Bürger aus der Krim vorübergehend auf das ukrainische Festland gezogen. Vor allem die Minderheit der Krimtataren fühlt sich gefährdet, weil sie zu einem großen Teil offen für einen Verbleib der Halbinsel in der Ukraine eintritt.
Russland in der Kritik
Russland gerät wegen seines Vorgehens auf der Krim international weiter unter Druck. Der britische Premierminister David Cameron hat eine Diskussion angeregt, ob Russland nicht aus dem Kreis der G8-Staaten, der weltweit größten Wirtschaftsnationen, ausgeschlossen werden solle. Auch der US-Vizepräsident Joe Biden verschärfte den Ton gegenüber Moskau. Falls Russland NATO-Mitglieder angreife, nehme Washington seine Bündnispflichten sehr sehr ernst, sagte Biden. Die USA erwäge derzeit die Entsendung zusätzlicher Truppen ins Baltikum, so der US-Vizepräsident.
Auf Vermittlung in der Krimkrise setzt UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon. Er reist morgen überraschend nach Moskau, um sich mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin und Außenminister Sergej Lawrow zu treffen. Einen Tag später werde er in Kiew unter anderem mit dem ukrainischen Übergangspräsident Alexander Turtschinow sprechen, teilt die UNO mit.
Mehr zum Thema