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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 04.02.2015

Kriminologisches SachbuchWarum Menschen zu Verbrechern werden

Von Michael Lange

Auf einem Tisch liegen Fotos von zwei Pistolen und zwei Messern. (picture-alliance / dpa / Caroline Seidel)
Bei der Entstehung von Gewalt sind biologische und soziale Prozesse unauflöslich miteinander verflochten. (picture-alliance / dpa / Caroline Seidel)

Studien, Experimente, Forschungsergebnisse: In "Als Mörder geboren" veranschaulicht Adrian Raine, warum manche Menschen eher zu Gewalt und Verbrechen neigen als andere. Dem Kriminologen gelingt es dabei, eingefahrene Theoriedebatten zu überwinden.

Nicht in jedem Menschen steckt ein Verbrecher. Manche neigen eher zur Gewaltanwendung, andere weniger. Dafür sind genetische Faktoren verantwortlich. Sie bestimmen die Neigung des Einzelnen zur Aggression. Die Genetik kontrolliert uns nicht, aber die Gene bestimmen mit, wer sich zum Verbrecher entwickelt und wer zeitlebens friedlich und gesetzestreu bleibt.

Der Kriminologe Adrian Raine hat in seinem Buch eine beeindruckende Faktensammlung zusammen getragen. Akribisch hat er Ergebnisse soziologischer Studien, Verhaltensexperimente, Resultate der Hirnforschung und genetische Analysen zusammengetragen. Ohne zu sehr zu vereinfachen, stellt er sie vor und fordert gleichzeitig, seine Argumente unvoreingenommen zu beurteilen und sich selbst eine Meinung zu bilden.

Exemplarische Lebensläufe

Das Ganze veranschaulicht Raine anhand spannend erzählter Lebensläufe von brutalen Verbrechern und Serienkillern. Da ist zum Beispiel Jeffrey Landrigan. Als Baby im Alter von acht Monaten wurde er von einer "Bilderbuchfamilie" adoptiert und erhielt alle Segnungen des gehobenen amerikanischen Bürgertums. Dennoch nahm er Drogen, beging Überfälle und erstach im Alter von 20 Jahren einen Mann. Im Gefängnis erfuhr er, dass bereits sein biologischer Vater und auch sein Großvater Kriminelle waren und Morde verübt hatten. Ist sein Schicksal also genetisch vorprogrammiert?

Tatsächlich konnten Genetiker in den letzten Jahren Erbanlagen aufspüren, die mit erhöhter Aggressivität verknüpft sind. Träger dieser Erbanlagen sind weniger als andere in der Lage, spontane Impulse wie Wutanfälle zu kontrollieren. Noch besser lässt sich das bei der Untersuchung von Gehirnaktivitäten erkennen. Wenn eine bestimmte Region direkt hinter der Stirn weniger aktiv ist, führt das verstärkt zu aggressiven Reaktionen. Auch ein niedriger Ruhepuls ist eine biologische Voraussetzung für eine Karriere als Gewaltverbrecher. Dennoch ist niemand zum Mörder geboren, stellt Adrian Raine klar. Der Titel des Buches ist deshalb mehr als irreführend.

Die biologischen Aspekte der Gewalt

Eindrucksvoll präsentiert der Kriminologe die biologischen Aspekte von Gewalt. Er lässt keinen Zweifel daran, dass die Biologie zum besseren Verständnis von kriminellem Verhalten beitragen kann. Aber anders als viele Vorgänger seiner Forschungsrichtung macht er nicht den Fehler, gesellschaftliche Ursachen und Hintergründe von Kriminalität kleinzureden. Er bringt beide Aspekte zusammen und zeichnet ein sehr komplexes Bild der Entstehung von Gewalt. Darin sind biologische und soziale Prozesse unauflöslich miteinander verflochten. So gelingt es ihm, eingefahrene Theoriedebatten zwischen Biologen und Soziologen zu überwinden.

Die kontroverse Diskussion lenkt er in den letzten Kapiteln auf mögliche Gegenmaßnahmen. Frühkindliche Förderung, positives Denken, aber auch gesunde Ernährung, Biofeedback und Meditation können seiner Ansicht nach die biologische Gewaltspirale unterbrechen. Außerdem stellt er eine Art "Elternführerschein" zur Debatte. Jugendliche und werdende Eltern sollen lernen, wie sie ihrem Kind die beste Starthilfe geben. Und wer dazu nicht bereit ist, sollte auch keine Kinder großziehen. Das würde die Kriminalitätsrate zwar drastisch senken, aber es würde auch die Freiheit des Einzelnen erheblich einschränken, räumt der Autor ein, und es wäre im Grunde eine Form von Eugenik. Die Bewertung dieser Möglichkeiten überlässt Adrian Raine am Ende aber seinen Leserinnen und Lesern selbst.

Adrian Raine: Als Mörder geboren – Die biologischen Wurzeln von Gewalt und Verbrechen
Aus dem Englischen von Hainer Kober
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2015
517 Seiten, 28,95 Euro

Mehr zum Thema:

Verbrechen - Hirnaktivität verrät Tathergang
(Deutschlandfunk, Forschung aktuell, 02.12.2014)

Studie - Vergewaltigungen werden seltener geahndet
(Deutschlandradio Kultur, Ortszeit, 17.04.2014)

Strafvollzugsexperte: Man kann sich nur in Freiheit bewähren
(Deutschlandradio Kultur, Thema, 12.08.2010)

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