Samstag, 08.08.2020
 

Interview | Beitrag vom 11.05.2020

Kriminalität und StrafeSchafft den Knast ab!

Thomas Galli im Gespräch mit Liane von Billerbeck

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Außenansicht des Justizvollzugskrankenhauses Fröndenberg in Nordrhein-Westfalen. Auf einer hohen Mauer liegt Stacheldraht. (picture alliance / JOKER / Paul Eckenroth)
Hinter Stacheldraht: Die drastische Einschränkung von Freiheit ist Teil unser Bestrafungskultur. (picture alliance / JOKER / Paul Eckenroth)

Der ehemalige JVA-Leiter Thomas Galli fordert eine grundlegende Reform unseres Strafsystems. Dazu gehört auch die Abschaffung der Gefängnisse, wie wir sie kennen. Denn die Unterbringung von Straftätern dort sorge nicht für mehr Sicherheit, so Galli.

Ende März 2019 befanden sich nach Angaben des Statistischen Bundesamtes insgesamt 65.796 Gefangene in deutschen Justizvollzugsanstalten. Der Entzug von Freiheit ist integraler Bestandteil unser Bestrafungskultur. Wer gegen wesentliche Regeln des Zusammenlebens verstößt, muss damit rechnen, drastisch eingeschränkt zu werden.

Weichen, die nicht in die Zukunft führen

Thomas Galli will das ändern. Mit dem Wegsperren in Gefängnissen werde schlicht nicht das erreicht, was die Gesellschaft eigentlich erreichen wolle, nämlich die Kriminalität zu reduzieren und damit die Sicherheit zu erhöhen, sagt der ehemalige JVA-Leiter und heutige Rechtsanwalt.

Es habe schon Sinn, Kriminelle für eine bestimmte Zeit aus ihrem oft problematischen Umfeld zu lösen – aber keinen Sinn, sie stattdessen in ein noch schlimmeres Umfeld zu stecken: "Und das sind die Gefängnisse."

Dort lebten in der Regel einige hundert zumeist junge Männer auf engstem Raum über Monate oder Jahre zusammen: "Da kann nichts dabei rauskommen." Die Weichen, die in deutschen Gerichtssälen gestellt würden, führten nicht in die Zukunft.

Gegen 17:35 Uhr hören Sie bei uns heute auch die Gegenposition zu den Thesen von Thomas Galli: ein Interview mit der JVA-Leiterin Yvonne Radetzki.

Galli plädiert deswegen für wohngruppenartige, dezentrale Einrichtungen. Und dafür, genau hinzugucken, wer überhaupt eingesperrt werden soll. Momentan landeten rund 50.000 Menschen jährlich mit Ersatzfreiheitsstrafen im Knast. Diese werden verhängt, wenn jemand beispielsweise eine Geldstrafe nicht bezahlen kann oder will.

Der Anwalt empfiehlt vor diesem Hintergrund, über die Grenze in die Niederlande zu blicken. Dort habe man Bagatellstraftaten entkriminalisiert und so die Gefängnisse geleert. Und in Skandinavien werde viel mit dem offenen Vollzug gearbeitet.

Strafen geht und alle an

"Wir sollten uns bewusst machen, dass das Strafen uns alle angeht", betont der ehemalige JVA-Leiter. Es gehe um unser aller Gerechtigkeitsempfinden. Galli will deswegen, dass sich die Gesellschaft stärker am Strafen beteiligt. Die Gerichte sollen demnach nur noch die Schuld feststellen und einen Strafrahmen empfehlen. Die eigentliche Strafe soll dann von einem Gremium beschlossen werden, in dem auch Opfer, Psychologen, weitere Fachleute und Gemeindemitglieder sitzen.

(ahe)

Thomas Galli hat Rechtswissenschaften, Kriminologie und Psychologie studiert. Ab 2001 arbeitete er im Strafvollzug, 2013 wurde er Leiter der JVA Zeithain, 2015 für mehr als sechs Monate zusätzlich Leiter der JVA Torgau. Galli war Mitglied des Kriminalpräventiven Rats der Stadt Dresden. Seit Oktober 2016 ist der promovierte Jurist als Rechtsanwalt mit eigener Sozietät in Augsburg tätig.

Thomas Galli: Weggesperrt. Warum Gefängnisse niemandem nützen
Edition Körber, Hamburg 2020
312 Seiten, 18 Euro

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