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Lesart / Archiv | Beitrag vom 30.12.2014

Krimiautor Hakan Nesser"Der Leser merkt, wenn der Autor nur gegoogelt hat"

Von Irene Binal

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Der schwedische Schriftsteller Hakan Nesser; Aufnahme vom November 2014 in der Stadtbücherei Lübeck. (picture alliance / dpa)
Der schwedische Schriftsteller Hakan Nesser: In seinem neuen Roman sucht der Protagonist Arne nach seiner verschwundenen Mutter. (picture alliance / dpa)

Er studiert Parkbänke, Speisekarten und das Outfit von Straßenmusikern. Der schwedische Krimi-Autor Hakan Nesser streift durch Berlin. Er ist auf Recherche für einen neuen Roman, und man sieht ihm förmlich an, wie in seinem Kopf die Szenen entstehen.

"Eigentlich benötigt man nur ein oder zwei belanglose Details, denn wenn man ein belangloses Detail einfügt, trägt das zur Glaubwürdigkeit der Geschichte bei."

Der Mann, der das sagt, ist weltberühmt und gilt - neben Henning Mankell - als wichtigster Krimiautor Schwedens, auch wenn er inzwischen vor allem Romane schreibt. Im deutschen Sprachraum wurden seine Bücher acht Millionen Mal verkauft.

Nun kommt Hakan Nesser in den Schleusenkrug im Berliner Tiergarten, ein Caférestaurant mit Biergarten. Der prominente Mittsechziger ist auf Recherche: Sein nächster Roman spielt in Berlin und im Schleusenkrug sollen sich zwei seiner Figuren begegnen:

"Ich muss wissen, wie es hier aussieht, wie man bestellt, ich brauche die Atmosphäre, ich muss die Details kennen."

Nessers Protagonist heißt Arne, er ist Schwede und spricht ebenso schlecht Deutsch wie der Autor - was im Schleusenkrug zu Problemen führt. Denn hier muss man am Tresen bestellen:

"Normalerweise kann man im Restaurant auf die Speisekarte zeigen und sagen: 'Ich möchte das', dann muss man es nicht aussprechen. Hier ist die Speisekarte auf eine Tafel geschrieben, die Kellner sehen nicht, worauf man deutet."

"Wenn ich ein Buch schreibe, ist es für mich real"

Hakan Nesser beobachtet sehr genau. Er zählt die Tische, registriert die vorbeifahrende Schnellbahn, studiert Gäste und Bedienungen. Man sieht förmlich, wie in seinem Kopf bereits die Szenen entstehen. Aber ist es wirklich notwendig, dafür nach Berlin zu kommen? Kann ein erfahrener Autor die Details nicht einfach erfinden? Natürlich, meint Nesser, aber es würde der Glaubwürdigkeit der Geschichte schaden:

"Wenn hier eine Birke steht oder die Tische nummeriert sind, ist das für die Geschichte nicht wichtig, aber es zeigt, dass ich weiß, wovon ich spreche. Das ist der Trick. Wenn ich ein Buch schreibe, ist es für mich real, die beiden sitzen hier, und um darüber zu schreiben, muss ich auch hier sein."

Hakan Nesser ist gern und oft in Berlin. Fast wäre er nach längeren Aufenthalten in London und New York mit seiner Frau für ein paar Jahre hergezogen, aber dieser Plan scheiterte an beruflichen Verpflichtungen und an der Bürokratie:

"Das Procedere ist so kompliziert, wenn man nur sagen will: 'Gguten Morgen, ich komme aus Schweden, ich würde gern in Ihrem Land Steuern zahlen.' Ich möchte das nicht noch einmal machen. Ich habe es in London und New York erlebt, genug ist genug."

In Nessers neuem Roman sucht der Protagonist Arne nach seiner verschwundenen Mutter. Eine typische Nesser-Geschichte, angesiedelt auf dem schmalen Grat zwischen Realität und Phantasie. Beim Setting freilich ist der Autor sehr genau. Auch bekannte Touristenattraktionen wie die Siegessäule besucht er, um deren Umgebung zu studieren:

"Ich musste unter die Siegessäule gehen, um zu sehen, wie es dort aussieht, unter dieser Viktoria-Statue. Ich fand Tunnel in vier Richtungen, wie ich es erwartet hatte. Ich musste nichts ändern."

Der Protagonist soll eine Currywurst essen, aber es gibt keinen Imbiss-Stand

Kompliziert wird es, als Nesser sich im Tiergarten auf die Suche nach etwas ganz Alltäglichem macht: Arne soll unter Bäumen seine erste Currywurst essen. Aber weit und breit findet sich kein Imbiss-Stand, nur ein Fastfoodrestaurant auf der anderen Straßenseite. Hakan Nesser winkt ab:

"Man kommt nach Berlin, um Currywurst zu essen. Das ist Atmosphäre. Einen Burger King findet man überall, aber eine ordentliche Currywurst gibt es nur in Berlin."

Enttäuscht hält Nesser Ausschau nach einem anderen Objekt: Eine Parkbank braucht er, auf der Arne schlafen kann.

"Es soll eine bequeme Bank sein. Diese hier sieht nicht sehr bequem aus, aber Arne könnte seinen Rucksack neben die Armlehne legen und schlafen. Aber die Bank ist ein bisschen kurz. Ich denke, ich nehme die geschwungene Bank."

Auch Musik soll im Roman eine Rolle spielen: Musik des schwedischen Sängers Evert Taube, dessen Song "Samborombon" in Schweden sehr bekannt ist. Plötzlich stößt Nesser tatsächlich auf einen Musiker: einen Gitarre spielenden Herrn im Trachtenanzug.

"Ein Troubadour mit Gitarre! Sollen wir fragen, ob er Samborombon spielen kann?"

Aber das kennt der Barde nicht – sein Lied klingt ein bisschen volkstümlicher

Wohlwollend wirft Hakan Nesser ein paar Münzen in die Schale des Musikanten. 

"Wenn das keine Atmosphäre ist! Großartig!"

Denn darum geht es Nesser in erster Linie: Um die Atmosphäre. Berlin, meint er, hat ein ganz spezielles Flair:

"Berlin ist freundlicher, nicht so hektisch. Die Leute sind nett und kultiviert. In London stoßen alle dauernd aneinander und haben es eilig, hier sind die Menschen höflicher."

Hakan Nesser ist ein Spezialist für die besondere Atmosphäre. Er sucht und findet sie oft an realen Schauplätzen - und lässt sie dann kunstvoll in seine Romane einfließen.

"Das passiert automatisch, ich kann es nicht in Worte fassen. Der Leser merkt, ob der Autor dort war oder ob er nur gegoogelt hat. Irgendwie sickert es in die Geschichte. Hoffentlich jedenfalls."

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