Krebsgenesene über Ungeimpfte

    "Ich will mit euch nichts mehr zu tun haben"

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    Infusionen für eine Chemotherapie hängen an einem Ständer.
    Infusionen für eine Chemotherapie hängen an einem Ständer. © imago / Robert Poorten
    Von Johannes Kulms · 22.11.2021
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    Unmoralisch und naiv findet es die vom Krebs genesene Mareike Holzhaus, dass sich immer noch Menschen weigern, sich gegen Corona impfen zu lassen. Wegen der großen Belastung durch Coronafälle wurden bei ihr Termine für die Krebsnachsorge verschoben.
    „Ich wünsche mir nach der Pandemie eine Erhebung in Zahlen, wie viele vermeidbare Todesfälle und unnötig erschwerte Verläufe bei Krebserkrankungen ihr zu verantworten habt. Sollte es Ungeimpfte in meinem Umfeld geben - ich will mit euch nichts mehr zu tun haben.“
    Sie habe sich in diesem Moment einfach mal auskotzen müssen, sagt Mareike Holzhaus, die eigentlich anders heißt. Vor einer knappen Woche hat die 46-Jährige auf Facebook ihrem Ärger Luft gemacht, über ihre Krebserkrankung berichtet und ihren Ärger und ihre Wut, dass anstehende Nachsorgetermine wegen Corona-Stress kurzfristig abgesagt wurden.
    Wir treffen uns an diesem Nachmittag auf der Terrasse eines Cafés in der Lübecker Altstadt. Ganz ruhig und gefasst erzählt sie von der Krankheit, die vor genau zehn Jahren ihr Leben komplett auf den Kopf stellte. Nur durch großen Zufall sei der Tumor damals entdeckt worden.
    „So eine Chemotherapie heißt, dass du die komplette Körperbehaarung verlierst und in meinem Fall war es auch so, dass ich das halbe Jahr der Chemotherapie mit der Glatze in der Kloschüssel verbracht habe. Also, ich habe praktisch durchgekotzt.“

    Ist der Krebs zurückgekommen?

    Seit dem Ende ihrer Krebsbehandlung geht sie regelmäßig zur Nachsorgeuntersuchung. Bei jedem Verdacht konnten die Ärztinnen nach weiteren Checks Entwarnung geben. 
    Anfang September war wieder so ein Moment. Ein Anruf vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, wo es hieß: Wir müssen noch mal genauer schauen. Nicht schön, aber fast schon Routine. Doch der Termin musste kurz darauf verschoben werden. Für Holzhaus nicht weiter schlimm. Dann meldete sich das Krankenhaus vor wenigen Tagen erneut.
    „Das Gespräch war kurz, meine Gesprächspartnerin wirkte gestresst, tat mir ein bisschen leid", berichtet Mareike Holzhaus. "Sie sagte: ‚Sie haben ja am Montag den Termin und Sie ahnen, warum ich anrufe‘ – und dann habe ich geantwortet: Ich ahne es, Sie haben Stress aufgrund von Corona und wir müssen es deswegen verschieben. Damit war das Thema durch und wir haben einen neuen Termin gemacht.“

    Liegt die Terminverschiebung an der Pandemie?

    Wie nun genau Corona zur Terminverschiebung geführt hat, kann sie nicht sagen. Vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein heißt es, dass sich die Pandemie natürlich auf die Krankenhausabläufe auswirke. Immer mehr Corona-Patienten landen auf den Stationen in Kiel und Lübeck. Doch Untersuchungen und Operationen von anderen Patientinnen und Patienten seien bisher nur in Ausnahmefällen verschoben worden. Auch wegen Streiks und Personalengpässen seien in den letzten Wochen Termine abgesagt worden.
    Bei Mareike Holzhaus drängte sich direkt nach dem Telefonat jedoch vor allem ein Gedanke auf: Ihre Untersuchung musste verschoben werden, weil wegen der vielen Ungeimpften in Deutschland die Krankenhäuser überlastet sind. Das war der Punkt, an dem sie über Facebook ihren Frust niederschrieb.
    Ein Facebook-Post zum Thema Impfbereitschaft: Sich nicht impfen zu lassen geht auf Kosten von Krebskranken, schreibt die Verfasserin. Wichtige Untersuchungen und Operationen würden verschoben, weil die Intensivstationen von nicht geimpften Coronakranken blockiert würden.
    Erschütternder Facebook-Post zum Thema Impfbereitschaft.© Facebook / Screenshot
    Facebook-Freundschaften zu Leuten, von denen sie wusste, dass sie ungeimpft sind, hat sie inzwischen gekündigt: „Es ist natürlich ein stumpfes Schwert, jemanden auf Facebook zu entfreunden. Aber wenn man angepisst ist, kann das helfen.“

    Nachsorgeuntersuchungen sind existenziell

    Dutzende Menschen haben Mareike Holzhaus‘ Facebookeintrag geteilt und kommentiert. Fast alle stimmen der Kritik an den Ungeimpften zu. Und wollten wissen, wie es Holzhaus geht. Die Sorge um ihren Gesundheitszustand könne sie gut verstehen, sagt die Frau in der dicken Winterkleidung, während der Nieselregen aufs Lübecker Kopfsteinpflaster tröpfelt. Doch das werde manchmal nicht gesehen:  Für Menschen wie sie sind Vor- und Nachsorgeuntersuchungen nach überstandener Krebstherapie ebenso von existenzieller Bedeutung.
    "Wenn von Krebs gesprochen wird, dann wird von Akutfällen gesprochen. Und wir Noch-nicht-akut-Fälle oder wir Vielleicht-akut-Fälle, die untersucht werden müssen, das wird gar nicht so gesehen. Das findet in den Überlegungen auch nicht statt.“
    Zudem befürchtet die freiberufliche Fotografin und Grafikerin durch weitere Corona-Einschränkungen auch finanzielle Einbußen. Und natürlich ist da die Sorge um die eigene Gesundheit.

    Hexenjagd auf Ungeimpfte?


    Asozial, idiotisch oder dumm – das sind einige der Adjektive, die Holzhaus zu den Ungeimpften einfallen. Viele Reaktionen auf ihrer Facebook-Seite waren sprachlich zurückhaltender. Aber gaben ihr in der Sache recht. Doch eine Bekannte aus Berlin sah die Dinge etwas anders:
    "Sie sprach von einer Hexenjagd auf Ungeimpfte. Und wenn ich drüber nachdenke, hat sie da ja auch nicht ganz unrecht“, sagt Holzhaus.
    Und dennoch. Die monatelange Debatte über Impfen, freiwilliges Impfen, Impflicht, Corona-Leugner und, und, und zehrt an ihren Nerven. Noch vor Kurzem habe sie mit Nicht-Geimpften in ihrem Freundes- und Bekanntenkreis diskutiert. Inzwischen tut sie das nicht mehr.

    "Unmoralisch, unmenschlich, naiv"

    An die Politik richtet Mareike Holzhaus einen zentralen Vorwurf: Es sei fatal, dass sie so lange Zeit kategorisch eine Impfpflicht ausgeschlossen habe – auch für einzelne Berufsgruppen.
    „Ich empfinde das Verhalten der Impfgegner als falsch, unmoralisch, unmenschlich, naiv, an der Grenze zur Dummheit. Aber de jure machen diese Leute nichts Falsches. Und das ist ein großes politisches Versäumnis, wo ich mich frage, ob das wirklich daran liegt, dass wir zwischen zwei Regierungen sind… Ich frage mich, wie man so etwas so grandios verkacken kann!“
    Am 13. Dezember hat Mareike Holzhaus ihren nächsten Termin zur Krebsnachsorge. Sie hofft, dass die Untersuchung endlich stattfinden kann. Und dass die Ärzte nichts finden werden.
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