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Lesart / Archiv | Beitrag vom 08.09.2020

Krawalle in ConnewitzNoch links oder schon extrem?

Bettina Wilpert im Gespräch mit Frank Meyer

Teilnehmer einer Demonstration ziehen mit roten Pyro-Fackeln durch den Stadtteil Connewitz. (Picture Alliance / dpa Zentralbild / Hendrik Schmidt)
"Ich lebe da, wo es jede Nacht knallt", sagt die Schriftstellerin Bettina Wilpert. (Picture Alliance / dpa Zentralbild / Hendrik Schmidt)

In Leipzig-Connewitz hat sich in der vergangenen Zeit viel Wut angestaut, findet die Autorin Bettina Wilpert. Sie wohnt in dem Viertel und beobachtet dort steigende Mieten und ein brutales Vorgehen der Polizei.

Die Autorin Bettina Wilpert lebt seit fünf Jahren im Leipziger Stadtteil Connewitz und schreibt an einem Buch über die 30-jährige Geschichte des Connewitzer Kulturzentrums Conne Island mit.

Als Anwohnerin habe sie mit den Krawallen kein so großes Problem, sagt sie. Vielmehr irritiere sie die Reaktion der Polizei:

"Im Juni gab es neun Hausdurchsuchungen der 'Soko Linx' in Leipzig, die sehr brutal waren, wo Leute die Anwälte nicht holen durften und von der Polizei verprügelt wurden. Solche Sachen führen dazu, dass sich Wut aufstaut. Natürlich ist es nicht gut, wenn die sich so entlädt, aber man muss auch verstehen, wo die herkommt", sagt Wilpert.

Die Diskussion kippt

Die Berichterstattung in den Medien empfinde sie als "aufgebauscht". Am Freitag seien vielleicht 200 Menschen und am Samstag 500 Menschen bei den Demonstrationen gewesen. Davon hätten vielleicht 50 Leute Krawall gemacht.

Auf der anderen Seite sehe sie 40.000 Demonstranten bei der Demo gegen die Corona-Maßnahmen in Berlin. Darunter seien viele Nazis gewesen.

"Es gibt ein Problem mit Rechtsextremismus in Deutschland und jetzt kippt die Diskussion und es wird gesagt, es gibt ein Problem mit Linksextremismus. Das finde ich schwierig", sagt Wilpert.

Porträt von Bettina Wilpert. (Imago / Chris Emil Janßen)Die mehrfach für ihren Debütroman "nichts, was uns passiert" preisgekrönte Schriftstellerin Bettina Wilpert lebt in Leipzig. (Imago / Chris Emil Janßen)

Außerdem klinge es in den Medien so, als hätten die Krawalle stundenlang gedauert. Nach Wilperts Einschätzung seien das eher fünf Minuten gewesen.

"Da werden Böller geschossen, dann werden Steine geworfen, dann kommt die Polizei und dann ist es vorbei." Danach laufen überall noch kleinere Grüppchen herum und über allem kreise bis drei Uhr nachts der Polizeihubschrauber.

Überall entstehen Eigentumswohnungen

Zur Vorgeschichte der aktuellen Auseinandersetzungen gehöre auch die Gentrifizierung, die in Connewitz schon früh einsetzte. Es sei nicht so, wie in Berlin, dass überall schicke Cafés und Bars entstünden, sondern man spüre die Gentrifizierung an den Mieten und daran, dass sich das Stadtbild verändere. Überall entstünden Neubauten mit Eigentumswohnungen.

"Ich beobachte das: Da zieht auch niemand ein. Diese Neubauten sind höchstens zur Hälfte belegt, weil es sich niemand leisten kann", so Wilpert.

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Schon Anfang der 1990er-Jahre bei der Gründung des Conne Island seien in Connewitz viele Häuser besetzt worden. Auch damals sei es schon zu Zusammenstößen mit der Polizei, aber auch mit Neonazis gekommen.

In dieser Zeit habe sich eine starke Antifa-Szene herausgebildet. In Clemens Meiers Roman "Als wir träumten" werde die Stimmung dieser Zeit in Leipzig ganz gut wiedergegeben, sagt Wilpert.

(nis)

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