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Lesart / Archiv | Beitrag vom 26.07.2016

Krankheiten in ComicsGezeichnetes Leid ist halbes Leid

Von Ralf Hutter

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Manga-Comics sind am 02.09.2015 an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main im Comic-Archiv des Instituts für Jugendbuchforschung zu sehen. Über 60.000 deutschsprachige Comic-Bücher und Hefte stehen in den Regalen und fast täglich kommen neue dazu. (picture alliance / dpa / Frank Rumpenhorst)
Comics über Krankheiten: Es gibt sogar ein zweibändiges Manga zum Thema Hämorrhoiden. (picture alliance / dpa / Frank Rumpenhorst)

Als Genre ist der Comic offen für ein breites Spektrum an Themen. Doch wie man mit körperlichen Gebrechen lebt, ist kein gängiger Stoff. Dennoch sind in den letzten Jahren eine ganze Reihe Comics erschienen, die von schweren Krankheiten wie Krebs und Depressionen oder Behinderungen wie dem Down-Syndrom erzählen.

Es ist eigentlich eine sehr unwahrscheinliche Veröffentlichung: Ein Manga mit dem Thema Hämorrhoiden. Und doch ist er kürzlich erschienen, sogar zweibändig! Manga ist in Japan zwar ein Format für ganz diverse Themen, in Deutschland aber vorrangig im Action-, Fantasy- und Erotik-Bereich angesiedelt. Er ist hierzulande zudem ein Comic-Segment, das sich eher an ein junges Publikum wendet. Die Idee, das vermeintliche Alte-Männer-Thema Hämorrhoiden in einem Manga zu behandeln, ist also, zumindest in Deutschland, geradezu bizarr.

Manga zum Thema Hämorrhoiden

Doch es funktioniert. "Kiss my Ass" ist ein klassischer Manga, angesiedelt unter Jugendlichen – erotisierte Mädchen inklusive – und er zeigt unter Zuhilfenahme etlicher Erklärteile, was Hämorrhoiden sind, wie sie behandelt werden können und wie ihnen vorgebeugt werden kann. Die Lektüre ist dabei kurzweilig – obwohl sie gar nicht mal so kurz ist.

In den letzten Jahren sind etliche Comics erschienen, die sich Krankheiten und anderen körperlichen Gebrechen widmen. Der Gewinn der Bildergeschichten gegenüber reinem Text ist dabei zum einen die leichtere Konsumierbarkeit. Krebs, Depressionen, Down-Syndrom – es handelt sich hier letztendlich vor allem um negativ besetzte Themen, und da senkt es die Hemmschwelle, sich damit zu beschäftigen, wenn die Geschichte mit Bildern verbunden ist, die vielleicht sogar ästhetisch ansprechend sind.

Psychische Probleme in Bildform

Zum anderen können die Bilder einfach der Informationsvermittlung dienen. Das kann die Form simpler Erklärgrafiken annehmen (Wie sehen Hämorrhoiden aus? Wie groß ist der Tumor?), aber auch in der Veranschaulichung von Geisteszuständen bestehen. Gerade psychische Probleme lassen sich oft gut in Bildform beschreiben.

Weder eine Krankheit noch ein psychisches Problem ist Autismus. Wie sich die Gefühlswelt der Autistin Daniela Schreiter von der der großen Mehrheit unterscheidet, hat sie in dem sehr gelungenen Comicbuch "Schattenspringer" festgehalten. 2015 ist schon der zweite Band erschienen.

In lockerem Ton und mit vielen witzigen Bildern erzählt die 1982 in Berlin geborene Zeichnerin ihr Leben. Das beseitigt falsche Klischees über Autismus und kommt gut an – der erste Band von 2014 ist dieses Jahr schon in der fünften Auflage erschienen. Schreiter betont selbst, wie hilfreich ihr das Medium Comic dabei war, die Welt aus der Perspektive einer Autistin zu zeigen.

Ebenfalls aus ihrem Leben erzählt die US-amerikanische Zeichnerin Ellen Forney in "Meine Tassen im Schrank. Depressionen, Michelangelo und ich". Sie ist bipolar, also manisch-depressiv. Angesiedelt in einem unterhaltsamen Umfeld stellt sie ihre gegensätzlichen Zustände gekonnt dar. Der Vorteil, dass hier eine professionelle Zeichnerin dieses Thema angeht, besteht auch darin, dass sie die Frage behandelt, wie wichtig Manien in künstlerischer Hinsicht sein können, beziehungsweise was die europäische Kulturgeschichte der letzten paar Jahrhunderte ohne die vielen berühmten manisch-depressiven Kulturschaffenden wäre.

Junges Meisterstück der Comic-Kunst

Ein junges Meisterstück der Comic-Kunst wäre vermutlich ohne eben die bipolare Veranlagung des Autors nicht so möglich gewesen: die (auf Deutsch) 2015 abgeschlossene vierbändige Reihe "Blast" von Manu Larcenet, in der es um einen Sonderling geht, der sich der Gesellschaft entziehen will, sich dabei aber nicht nur in Fantasien, sondern auch in Gewalt verstrickt.

Die eigenen Erfahrungen zu verarbeiten ist ein häufiges Motiv für Comics über Krankheiten und dergleichen. 2015 erschien der Erstling "Dich hatte ich mir anders vorgestellt" von Fabien Toulmé auf Deutsch, in dem der Autor auf rührende Weise schildert, wie schwer er damit zurecht kam, dass sein zweites Kind mit dem Down-Syndrom geboren wurde.

Die Illustratorin Melanie Gerland veröffentlichte schon 2010 ein Buch über Selbstverletzungen bei gestressten Jugendlichen, in dem sie Erlebtes verarbeitet. "Offene Arme" in einem Verlag für Psychologie-Themen erschienen und hat explizit das Anliegen, präventiv zu wirken, nicht zuletzt durch die am Ende aufgeführten Beratungsadressen.

Solche Adressen enthält auch einer der ersten Comics über eine Krankheit: "Mutter hat Krebs" von Brian Fies. Der Autor begann die Episoden über die Leidensgeschichte seiner Mutter 2004 anonym im Internet zu veröffentlichen. Er wollte anderen Betroffenen etwas zum Festhalten geben.

Noch bevor das Buch 2006 erschien, erhielt der Internetcomic nicht nur viel Zuspruch aus der Bevölkerung, sondern auch den Eisner-Preis, den renommiertesten Comic-Preis der USA – und zwar in der damals neu geschaffenen Kategorie Digitaler Comic.

Gezeichnetes Leid ist sozusagen halbes Leid: Einerseits für diejenigen, die mit dem Zeichnen Leid verarbeiten, andererseits für andere Betroffene, denen die Lektüre Kraft gibt.

Weitere Comics zu Krankheiten und anderen körperlichen Gebrechen:

Judith Vanistendael: Als David seine Stimme verlor

Schilderung der Gefühlswelt einer Familie eines an Kehlkopfkrebs Erkrankten, in der die traurigen Aspekte überwiegen.

Marisa Acocella Marchetto: Cancer Woman

Umgang einer Mittvierzigerin mit der Diagnose Brustkrebs.

Joseph Lambert: Sprechende Hände

Faszinierende Geschichte der Alphabetisierung eines taubblinden Mädchens mit grafischen Einfühlungen in die praktisch bildlose Wahrnehmung der Protagonistin.

Glyn Dillon: Das Nao in Brown

Grafisch sehr gelungenes, inhaltlich aber schwer zugängliches Porträt einer jungen Frau mit Zwangsstörungen.

Roz Chast: Können wir nicht über was anderes reden

Auseinandersetzung der Autorin mit ihren schwierigen und immer dementeren Eltern, in der es viel um den körperlichen und geistigen Verfall im hohen Alter geht.

David Small: Stiche

Meisterlich gezeichnete Autobiografie, in der es vor allem um das schwierige Verhältnis des Autors zu seinen Eltern geht, die aber mehrere Gesundheitsthemen vereint: Nach einer Operation verliert er als Kind fast komplett die Stimme - und nebenbei verdeutlicht er, dass ihn nach seiner schweren Kindheit eine Psychotherapie "auf den Weg in das richtige Leben gebracht" hat.

Paco Roca: Kopf in den Wolken

Unterhaltsame und etwas zärtliche Schilderung des von Demenz geprägten Lebens in einem Altersheim.

David B.: Die Heilige Krankheit

Autobiografische Erzählung über das Leben eines Jugendlichen mit einem epileptischen Bruder.

Elke Renate Steiner: Risiken und Nebenwirkungen

Buch zu Medikamentenmissbrauch, das auch ein Hilfsangebot ist.

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