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Im Gespräch | Beitrag vom 07.09.2020

Krankenschwester Damaris Meyer"Ich sehe immer das Licht in jeder Situation"

Moderation: Katrin Heise

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Krankenschwestern am Bett eines COVID-19-Patienten auf der Intensivstation. (Laif / Ingmar Björn Nolting)
Intensivpflege auf einer Covid-19-Station: "Das war schon erst einmal ziemlich gruselig", sagt die Krankenschwester Damaris Meyer. (Laif / Ingmar Björn Nolting)

Damaris Meyer liebt ihren Beruf, auch wenn er sie an Grenzen bringt. Die Krankenschwester arbeitet auf einer Krebsstation und betreute Covid-19-Patienten. Ihre Erfahrungen verarbeitet sie beim Schreiben, auf der Theaterbühne oder bei "Care-Slams".

"Ich bin gerne da, wo ich gebraucht werde. Ob das beruflich ist oder privat", sagt Damaris Meyer über sich und resümiert halb im Scherz: "Ich habe vielleicht auch ein Helfersyndrom." Etwas Wahres steckt aber sicherlich in dieser Einschätzung: Damaris Meyer ist mit Haut und Haaren Krankenschwester.

"Es gab eine Zeit, da wurde sehr viel gestorben"

Eigentlich arbeitet Damaris Meyer in einer onkologischen Tagesklinik. Nachdem diese in der Anfangsphase der Coronapandemie geschlossen wurde, wechselte sie zeitweise auf die Intensivstation einer Münchner Klinik, wo sie Covid-19-Patientien betreute. In unserem Podcast "Coronavirus – Alltag einer Pandemie" hat sie in den letzten Monaten immer wieder von ihren Erfahrungen berichtet.

Anfangs habe sie sich schon erst einmal überfordert gefühlt, sagt die Krankenpflegerin. "Die erste Zeit mussten sie triagieren, wer zuerst an die Maschine kommt, an die Beatmungsmaschine also, das war schon Wahnsinn."

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Als sie auf die Station kam, seien alle Patientinnen und Patienten bis auf eine Ausnahme beatmet und in ein künstliches Koma versetzt worden. "Das sind schlafende Menschen und die Atemgeräusche kommen laut aus den Maschinen neben ihnen. Das war schon erst einmal ziemlich gruselig. An die Schutzkleidung muss man sich natürlich auch gewöhnen."

Manche Patientinnen und Patienten waren mehr als hundert Tage auf der Station. "Eine Zeitlang waren fast alle beatmet. Es gab eine Zeit, da wurde sehr viel gestorben." Auch diejenigen, die entlassen wurden, seien teilweise bis heute stark eingeschränkt.

Den Klinikalltag auf die Bühne bringen

Ihre Erfahrungen im Klinikalltag verarbeitet Damaris Meyer immer wieder auch künstlerisch – ob als Schauspielerin, als Autorin oder auf "Care-Slams", bei denen sie gemeinsam mit anderen Pflegenden und auch Pflegewissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern das Leben in der Pflege in Texten, Liedern und Gedichten zu einer Theateraufführung verwebt.

Porträt von Damaris Meyer. (privat)Nach dem Ausbruch der Pandemie wechselte die Krankenschwester Damaris Meyer auf die Intensivstation einer Münchner Klinik, wo sie COVID-19-Patienten betreute. (privat)

Im Münchner Ableger des "Theater Galli"*) steht sie regelmäßig auf der Bühne. "Im Theaterstück kann ich mehrere Rollen leben, mehrere Leben leben. Ich habe mir schon oft überlegt, was wäre geworden, wenn ich nicht Krankenschwester geworden wäre, sondern wirklich Lehrerin, wie ich es gern geworden wäre? Wie wäre mein Leben, wenn ich in einer anderen Stadt geboren wäre oder in einem anderen Land? Und das kann ich im Theaterspiel alles darstellen in den verschiedenen Rollen."

"Ich glaube immer, dass alles gut wird"

1966 im Erzgebirge als eine von vier Schwestern in eine gläubige evangelische Familie geboren, stand Damaris Meyer die Berufswahl noch weniger offen als den meisten anderen jungen Menschen in der DDR. "Wir konnten kein Abitur machen. Wir konnten nicht studieren. Das war von vornherein klar."

Heute ist Damaris Meyer, die sich in der Wendezeit auch politisch engagierte und schließlich nach München zog, froh über ihren Beruf. Die gute Pflege, die sie und ihre Kolleginnen und Kollegen gerne bieten wollen, sei im Alltag aber oft nicht möglich – allein wegen des Personalmangels.

"Man muss immer wieder Abstriche machen, und das macht es schwer. Erst einmal muss man Abstriche machen für seine eigene Person: Abstriche an der Pause, Abstriche am Essen, am Trinken, selbst auf's Klo gehen muss man planen. Es ist ein ständiges Abstrichemachen und ständiges Abwägen. Was ist jetzt wichtig? Was kann ich jetzt vernachlässigen?"

Gerade neue Pflegende seien frustriert, dass die Bedingungen in der Klinik es kaum zulassen umzusetzen, was sie in der Ausbildung als gute Pflege kennengelernt haben: "Die, die mit hohem Anspruch, mit hohen Idealismus reingegangen sind, die gehen eigentlich, und die fehlen uns gerade."

Ein Grund, die Pflege an den Nagel zu hängen, ist aber auch die prekäre Arbeitssituation für Damaris Meyer bisher noch nicht. "Ich sehe immer das Licht in jeder Situation. Ich glaube immer, dass alles gut wird. Irgendwann. Bloß wann, das ist die Frage."

(era)


*) Wir haben die Bezeichnung korrigiert.

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