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Breitband | Beitrag vom 05.10.2019

Kontroverse um "The Spinner"Eine kleine Geschichte medialer Manipulation

Eine Glosse von Laf Überland

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Zwei Hände tippen auf einem Smartphone vor schwarzem Hintergrund. (unsplash / Gilles Lambert)
Mit nur zehn in die Timeline eingespeisten Artikeln könne man einen Menschen in die gewünschte Richtung manipulieren, verspricht "The Spinner". (unsplash / Gilles Lambert)

Der Onlinedienst "The Spinner" verspricht erschwingliche Manipulationen für jeden. Entsprechend groß ist die Empörung. Im Grunde ist das kurios: Manipulation ist eigentlich eine ganz alte und übliche Geschichte - vor allem im Netz.

Bei Beate Uhse gab es früher Pheromonparfüm für sie und ihn zu kaufen, und in früheren Zeiten gab es Liebestränke, die den Usern Macht über andere verschafften – durch ungefragte Beeinflussung. Und das galt als nichts Ungewöhnliches!

Im Mittelalter war Magie eine regelrechte Dienstleistungsindustrie, bevor die katholische Kirche die Angst vor Hexerei in Umlauf brachte. Und in jeder Gesellschaft gab es äußerst gefragte Personen, die von sich behaupteten, das Übernatürliche manipulieren zu können. Oder, wie Sigmund Freud es später ausdrückte: das Unbewusste.

Von der Psychoanalyse zu Public Relations

Nicht zufällig wahrscheinlich war es dann ein Neffe des Psychoanalyse-Gründers, ein Mann namens Edward Bernays, der Freuds grundlegende Erkenntnisse über das Unbewusste, die Triebe und die Defizite benutzte, um Public Relations zu betreiben. Bernays umsorgte das Verhältnis seiner Kunden zur Öffentlichkeit, indem er die Meinungsbildung beeinflusste: und zwar dadurch, dass er die verborgenen, irrationalen Kräfte hinter den Entscheidungsprozessen von Menschen antriggerte, kurz: ihre geheimen Wünsche.

Mit einer noch heute als beispielhaft geltenden konzertierten Manipulationsaktion setzte er zum Beispiel in einem faszinierend komplexen Spektakel namens Fackeln der Freiheit – "Torches Of Freedom" – das Recht der Frauen durch, in der Öffentlichkeit Zigaretten zu rauchen. Für ihre Emanzipation! Und für die American Tobacco Company als Auftraggeber.

Und scheinbar alles ließ sich mit geschickter Manipulation verkaufen. Politische Prozesse ebenso wie Tütensuppen.

Der Spin-Doktor dreht an der Realität

Na ja klar: War doch Propaganda ursprünglich als Maßnahme der katholischen Kirche erfunden worden, um die Auffassungen der Reformation zu unterdrücken. Und natürlich nicht durch Aufklärung, sondern durch Manipulation: durch Realitätsverdrehung und durch Angstmachen.

Dieses Herumdrehen an der Realität war stets ein beliebtes Mittel, Zielgruppen zu beeinflussen. Und seit den 80er-Jahren wird es sogar so genannt: Spin-Doktoren sind Fachleute der öffentlichen Meinungsbildung, die immer dann an einer Faktenlage und ihrer Wahrnehmung herumschrauben, wenn sich ein Vorgang aus Sicht eines Unternehmens (oder einer Person) nicht so positiv wie erhofft entwickelt. Zwei Grundbedürfnisse bilden sich üblicherweise in Gemeinschaften heraus: jene nach Macht und Kontrolle. Diese Bedürfnisse werden durch Manipulation und Überwachung befriedigt.

Das Internet - Manipulation als Geschäftsmodell

Dass das Internet der perfekte Ort für professionelle Manipulation und Überwachung ist, merkten interessierte Kreise nicht erst, als Facebook zu der Software für Meinungsmanipulation wurde. Online-Anbieter fingen an, ihre Verkaufspreise dynamisch an den Interessenten anzupassen.

Und Cambridge Analytica führte schließlich mit der Einflußnahme auf US-Wähler im Trump-Wahlkampf die Kür der Manipulation als Dienstleistung vor: Dank der allgemein verfügbaren Überwachung hatte die Firma nach eigenen Angaben Psychogramme von allen US-Wählern, die sie mittels Microtargeting gezielt mit beliebigen Nachrichten zuballern konnte.

Genau so, wie das dieser seltsame Dienst "The Spinner" verspricht, der im Übrigen nicht nur Frauen zur Lust im Bett manipulieren will, sondern auch andere Kampagnen anbietet: zum Beispiel Pakete für Teenager, die ihre Eltern rumkriegen wollen, ihnen einen Hund zu kaufen. Oder unbeliebte Kollegen am Arbeitsplatz dazu zu bewegen, sich einen andern Job zu suchen.

Man müsste das für eine Satire halten, gäbe es nicht auch Pakete wie: Stop Drogen! Stop Alkohol! Hör auf Fleisch zu essen! Fahr vorsichtig! Der Erfolg soll sich einstellen durch das einhundertachtzigfache Zuschicken von zehn manipulativen Artikeln, wenn der Auftraggeber das Opfer nur dazu verleitet hat, ein paar Cookies zu installieren. Mit einer Lockmail, die er dafür zu Anfang verschickt.

Der Wunsch nach Magie

Bleibt die Frage, wieso Beziehungspartner, Kollegen oder Freunde sich moralisch gewappnet fühlen, eben ihre Gegenüber durch dieselbe Überwachung zu brüskieren, wie sie Facebook und Google und Spotify und Krankenkassen – unanständigerweise – zu einem Geschäftsmodell gemacht haben.

Aber vielleicht sind in einer Zeit, in der man das Selbst im Selfie zu finden versucht und Influencer sich mit Fake-Romanzen die Aufmerksamkeit erhalten, vielleicht sind inzwischen für viele Netznutzer soziale Beziehungen auch nur noch virtuell. Oder aber, es geht – wie immer schon – um den schlichten Wunsch nach Magie.

Breitband

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