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Lesart / Archiv | Beitrag vom 23.08.2009

Konstrukt des Unerhörten

Jürgen Fuchs: "Vernehmungsprotokolle", Jaron Verlag, Berlin 2009, 176 Seiten

Besucher nehmen auf dem Gelände des ehemaligen Stasi-Gefängnisses in Berlin-Hohenschönhausen an einer Führung teil. (AP)
Besucher nehmen auf dem Gelände des ehemaligen Stasi-Gefängnisses in Berlin-Hohenschönhausen an einer Führung teil. (AP)

Der Schriftsteller Jürgen Fuchs hat seine Zeit als Häftling im Stasi-Gefängnis in Berlin-Hohenschönhausen im Prosaband "Vernehmungsprotokolle" verarbeitet. Der Jaron Verlag legt das 1978 erschienene Buch neu auf.

Ein Buch wie ein Schock. Ein Autor, der uns an diesem Schock Anteil nehmen
lassen will, um mehr als Erschrecken auszulösen. Geschrieben also von einem, der nach neun Monaten Haft das Gefängnis verlassen durfte und das Land DDR gleichzeitig verlassen musste – verbannt für immer. Und der für Außenstehende seltsam unglücklich darüber schien. Auch sein Erstling – die Gedächtnisprotokolle – wurden während der Haftzeit veröffentlicht. So verbindet sich der Name dieses Autors wie kein zweiter aus der DDR mit dem Thema Haft und organisiertem Psychoterror in der ostdeutschen Gesellschaft.

Die "Vernehmungsprotokolle" handeln fast nur von diesen neun Monaten in der Stasi-Untersuchungshaft in Hohenschönhausen und legen eine ungenaue Beschreibung dessen nahe, was Jürgen Fuchs in dem Buch gemacht haben könnte: einfach aufgeschrieben, was war. Diese inszenierten Nicht-Nur-Protokolle verdichten aber die Wirklichkeit auf eine Weise, die sie verfremdet und aus dem Raum verborgener Alltäglichkeit in einen anderen transportiert und neu arrangiert: ein Kunstraum voller im und vom DDR-Leben gern verdrängter Alltäglichkeiten. Fuchs arbeitet hier wie ein Collagist - ähnlich einem Joseph Beuys oder anderen bildenden Künstlern - bastelt er aus lauter Gewöhnlichkeiten ein Konstrukt des Unerhörten. Die Staatssicherheit versucht nach einem sich ständig änderten Szenario in einem Mix von Drohungen und Lob das Objekt ihrer Vernehmungen kaputt zu spielen. Zu zersetzen – wie es im Stasi-Jargon heißt. Jürgen Fuchs zu seinem Buch:

"Ich bin also im Gefängnis weiter meinem Beruf nachgegangen. Ich hatte keine Schreiberlaubnis. Da wurde so ein Tisch und Silberpapier zum Arbeitsmaterial. Ich habe die Vernehmungsprotokolle konzipiert, auf den Tisch gezeichnet und auswendig gelernt. Sofort nach der Entlassung schrieb ich alles auf."

Jürgen Fuchs: "Vernehmungsprotokolle" (Jaron Verlag)Jürgen Fuchs: "Vernehmungsprotokolle" (Jaron Verlag)Die DDR entblößt sich auf ihren totalitären Kern. Aber an diesem jungen Dissidenten, der Gleichaltrige mit den Staatsfeinden Biermann und Havemann zusammenbrachte und nach der Biermann-Ausbürgerung 1976 aus dem Wagen Havemanns heraus verhaftet wurde, an dem bissen sich die Stasi-Leute mit ihren Tricks und Finten, Grobheiten und Subtilitäten die Zähne aus. (Die durchnummerierten Vernehmer verkörpern da sozusagen eine Typologie der Macht des Bösen.) Und da sagt aus der Distanz, 30 Jahre später, das Buch mehr über den Zustand der DDR aus als selbst dem Autor Fuchs damals bewusst gewesen sein mochte. Nicht die relative Brutalität der Machtdurchsetzung ist einzigartig, die gibt es zu der Zeit mehr oder weniger im ganzen Ostblock und in vielen diktatorisch geprägten Staaten darüber hinaus. Aufschlussreich ist die Gehemmtheit des totalitären Gestaltungswillens durch die symbiotischen Beziehungen zum Feind BRD. Womit droht man Fuchs? Mit Verkehrsunfällen – auch im Westen. Man darf ergänzen: gerade im Westen. Denn im Osten würde ja ein merkwürdiger Unfall Misstrauen erregen. (Die Stasi erinnert nicht nur Jürgen Fuchs in seiner Haft daran, dass sie zum Beispiel in Westberlin viel ungehemmter arbeiten kann als im Osten, wo sie außerhalb ihrer Kreise auf viel Misstrauen, Ablehnung und Feindschaft stößt – jedenfalls nicht auf die typische West-Arglosigkeit ihr gegenüber.)

Zweitens geht es in den Vernehmungen ständig um realisierte oder geplante Westveröffentlichungen und die Kontakte nach drüben. Und um die Rückwirkungen in die DDR – vom Rundfunk bis zum eingeschmuggelten Buch. Die Stasi droht auch mit der Verbreitung von Desinformationen – im Westen. (Und präsentiert Fuchs auszugsweise einen skeptischen Text zu ihm aus einem Westberliner Blatt. Ganz geben sie ihm den nicht zu lesen, dazu ist er nicht skeptisch genug.) So führt die Stasi einen doppelten Kampf mit einem aus ihrer Perspektive absurden Ziel: erstens gegen den Feind Fuchs, um Informationen zu bekommen und ihn für die Zukunft zu brechen oder einzuschüchtern. Diesen Kampf verlieren sie, das Gefängnis verlässt ein ungebrochener Mensch – der Autor nach seiner Freilassung:

"Zuerst muss sein eine exakte Erfassung dessen, was ist. Man muss die Verhältnisse genau erfassen, um mögliche Übel von den Wurzeln bloß zu legen. Dazu gehört eine mit größter Akribie betriebene Analyse. […] Zum Beispiel die Psychologie des Geheimdienstes. Wenn ich Kernphysiker wäre, müsste ich den Missbrauch der Kernphysik problematisieren. So problematisiere ich als Betroffener und Psychologe den Missbrauch der Psychologie in den Händen der Geheimdienste."

Zweitens hatte die Stasi als Ziel, Fuchs in den Westen abzuschieben. Obwohl er ihnen dort weiteren Ärger machen wird. Die Schlusspassagen des Buches handeln von dieser Nötigung. Die "Vernehmungsprotokolle" waren 1978 der erste Text, der öffentlich die Freikaufpraxis politischer DDR-Gefangener durch die Bundesregierung problematisierte. Hören wollte das im Westen niemand. Jürgen Fuchs verlor diesen Kampf. Nach neun Monaten ließ er sich freikaufen, die ersten Notizen am Ende des Buches in und aus Westberlin verraten vor allem eins: Jürgen Fuchs war nicht im geringsten auf den Westen vorbereitet. (Und er hatte wie sein Freund und Förderer Biermann nicht mit der Ausbürgerung gerechnet. Fuchs setzte sich dann mit unglaublicher Intensität im Westen für eine grenzüberschreitende Opposition in der DDR ein.) Die Erfahrungen in der U-Haft begleiteten ihn bis zu seinem frühen Tod 1999. Sie blieben sein Lebenstrauma. Und er gestaltete ein Buch, das anderen, nachfolgenden DDR-Bürgern helfen sollte, die Haft besser zu durchschauen und zu ertragen. Es ist in dem Sinne vielleicht das erste nicht mehr nur verbotene Buch in der DDR, sondern eines, das helfen will, im Staate gegen diesen zu agieren. Für die Oppositionellen unter den Bürgerrechtlern wurde es zur Pflichtlektüre, ganze Friedens- und Menschenrechtsgruppen spielten die Verhörszenen nach (und durften dann nach einer Festnahme lauter Dejavu-Erlebnisse in punkto Verhörtaktiken haben.) Das Buch sollte Hoffnung vermitteln:

"Gibt es diese Brücke über den Abgrund, auch ein Bild, das von Manes Sperber kommt, der mich als Denker sehr interessiert. Steht sie zur Verfügung? Sie gibt es nicht. Es muss gemacht werden der Schritt ins Ungewisse. Dann wird sich zeigen, ob ein Stück dieser Brücke da ist."

Die "Vernehmungsprotokolle" sind jetzt in einer schön gestalteten Neuausgabe mit Foto-Beigaben erschienen. Wie die Gedächtnisprotokolle enthalten sie kurze suggestive Prosastücke und sinngemäß wiedergegebene politische Gespräche (zum Beispiel die Stasi-Anwerbe-Versuche). Das hatte er sich vom West-Kollegen Günter Wallraff abgeguckt. Unter den Verhältnissen der DDR ergab das etwas Eigenes und Freches. Und ein Plädoyer für Öffentlichkeit, die halt auch Westöffentlichkeit sein konnte, wenn diese in der DDR legal nicht herzustellen war. (Und zwar als ein selbstverständliches Prinzip zur politischen Auseinandersetzung. Jürgen Fuchs markierte mit diesen beiden Büchern einen Bruch in der DDR – von einer kritisch loyalen DDR-Literatur zu einer, die grundlegender das politische System in Frage stellte.)

Hubertus Knabe beschreibt ruhig und ausführlich in seinem Nachwort die realen Stasi-Akten, also die wirklichen Protokolle, die natürlich nach Stasi-Art verzerren und dennoch aufschlussreich sind. Dabei kommt es zu einer erhellenden Differenz gegenüber dem Buch. Knabe wörtlich: "Darüber hinaus gab er nur zu, was dem MfS ohnehin bekannt war... dass er die Schriftstellererklärung unterzeichnet und sie zwei Freunden aus Jena am Telefon vorgelesen habe." Jürgen Fuchs hielt am Anfang offenbar seine Freilassung für möglich. Und belastete sich und andere erst einmal ganz konkret, bevor er ziemlich rasch zu einem System von Aussageverweigerungen und Erklärungsabgaben kommt, das die Stasi fast hilflos erscheinen lässt. (Schon die konstruktiv interpretierbaren Eröffnungsprotokolle unterschrieb er nicht mehr.) Jürgen Fuchs liefert ein dramatisch strukturiertes Buch, das dem Leser seine Irrtümer ersparen soll. Wäre das westdeutsche Theater an dem Thema interessiert gewesen, hätte es diesen Mix von suggestiv verkürzten Dialogen, inneren Monologen und Beobachtungssplittern schon damals auf die Bühne gebracht. Ein ausgezeichnetes Stück Literatur entstand da, Anti-Betroffenheitsliteratur sozusagen - oder eine, die dem Leser helfen soll, kein Opfer der Verhältnisse zu werden.

Jürgen Fuchs: Vernehmungsprotokolle. Prosa
Mit Fotos von Tim Deussen und einem Vorwort von Hubertus Knabe
Jaron Verlag, Berlin 2009
176 Seiten, 14,90 Euro

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