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Die besondere Aufnahme / Archiv | Beitrag vom 15.05.2021

Komponist Walter Braunfels Romantischer Fels

Moderation: Stefan Lang; zu Gast: Dirigent Gregor Bühl und Pianistin Tatjana Blome

Eine schroffe, aber satt grüne Hügellandschaft, die sich bis zum weiten Horizont zeigt, dient Schafen zur Weide. (IMAGO / Westend61)
Die Isle of Skye gehören zu den Inneren Hebriden Schottlands - ein Sujet, das auch Walter Braunfels begeisterte. (IMAGO / Westend61)

Walter Braunfels stand in den 20er Jahren gleichberechtigt neben Richard Strauss an der Spitze der Konzert- und Opernprogramme. 1933 ging er in die innere Emigration. Doch er komponierte weiter. Schottland war Inspirationsquelle einiger seiner Orchesterwerke.

Deutschlandfunk Kultur kümmert sich schon lange um die Wiedererweckung der Werke von Walter Braunfels (1882 bis 1954). Dabei senden wir regelmäßig Opernübertragungen, Konzerte und Aufnahmen für groß- und kleinbesetzte Ensembles. Heute stellen wir einige seiner Orchesterwerke vor, die mit der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland Pfalz eingespielt worden sind.

Ein war ein Romantiker des 20. Jahrhunderts, der den Tonsatz ausreizte, das Neue im Bekannten suchte, ohne das tonale System zu zerbrechen. Er war einer der wichtigsten Komponisten der Weimarer Republik, musikalisch zutiefst mit der Ästhetik des 19. Jahrhunderts verwachsen.

Musikalisches Elternhaus

Das verwundert nicht, denn seine musikinteressierte Mutter war mit Größen wie Clara Schumann und Franz Liszt persönlich befreundet. Seine Ausbildung absolvierte Braunfels in München und Wien - er profilierte sich auch als hervorragender Pianist.

Seinen Durchbruch als Komponist schaffte er mit Bühnenwerken. Ein frühes Zeugnis: seine Oper "Prinzessin Brambilla", die er um 1907 komponierte. Eine ambitionierte Jugendarbeit: commedia dell arte in Musik. Die Oper schildert ein wildes Treiben – die karnevalistische Inversion stellt alles auf den Kopf – alles bekommt einen Dreh ins Komische. Das ganze Leben ist Karneval oder besser der Karneval ist Leben. Hier hat sich ein junger Komponist ins musikalische Leben gestürzt und eine erste Visitenkarte hinterlegt.

Erfolg und Amt

Präludium und Fuge op. 36 komponierte er zwischen 1922 und 1925. In Krefeld fand 1925 die Uraufführung statt. Während Adorno das Werk als "romantisches Reizmittel" abbügelte, griff der Dirigent Günter Wand zu Stift und Papier, um Braunfels persönlich zu schreiben. "Es zeigt eine ganz persönliche Handschrift, es ist eines deiner besten." 

Seine Karriere ließ ihn gleichziehen mit Franz Schreker und Richard Strauss. Werke dieser drei wurden am häufigsten aufgeführt. Mitte der Zwanziger kam der Gründer der Preußischen Musikhochschule in Köln auf ihn zu, Hermann Abendroth, und bat ihn, die Leitung des Institutes mit ihm gemeinsam zu übernehmen.

Mit Leichtigkeit den Norden gezeichnet

Braunfels Schottische Fantasie entstand 1932 bis 1933. Sie sollte beim Festival des Allgemeinen Deutschen Musikvereins in Dortmund uraufgeführt werden.

"Ca, the Yowes toe the knowes" - "Treib die Schafe auf den Hügel" - eine Volksweise, die jeder Schotte mitsingen kann – die Melodie haben auch die Kollegen Britten, Vaughan-Williams oder Stevenson strapaziert, hat auch Braunfels zitiert. Dabei hat er keine bloße "schottische Pastorale" geschaffen - es ist die Oberfläche, die Richtung Norden weist. Der Unterbau ist eher südlich voller sonniger Luftigkeit und Schwärmerei. Braunfels war auch immer von der Leichtigkeit der Musik Bizets fasziniert, die sich hier widerspiegelt.

Andere Zeiten

Die Uraufführung wurde abgesetzt, weil das Kulturleben nach der Machtergreifung 1933 grundsätzlich neu geordnet wurde. Braunfels wurde als Vierteljude registriert, obwohl er schon längst aus innerer Überzeug zum Katholizismus übergetreten war. Zudem hatte er 1923 einen Kompositionsauftrag der NSDAP abgelehnt, eine Art Parteihymne zu komponieren.

Hitler war persönlich vorstellig geworden. An diesen Vorfall erinnerte man sich. Braunfels wurde seiner Ämter enthoben, seine Musik aus sämtlichen Programmen gestrichen.

Das Komponieren blieb

Braunfels blieb in Deutschland, zog sich in die innere Emigration zurück, zog an den Bodensee und komponierte - vorerst für die Schublade. Nach dem Zweiten Weltkrieg, 1947, kam der damaligen Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer mit der Bitte auf ihn zu, die Musikhochschule der Stadt erneut ins Leben zu rufen. Er übernahm erneut das Direktorenamt der Hochschule, das er aber schon 1950 wieder ablegte, um zurück an den Bodensee zu ziehen. Aus dieser Zeit stammen auch die Hebridentänze op. 70 für Klavier und Orchester. 

Aufnahmen vom April und Dezember 2017 in der Philharmonie Ludwigshafen

Walter Braunfels

Carneval Ouvertüre op. 22
Schottische Phantasie op. 47 für Viola und Orchester
Hebridentänze op. 70 für Klavier und Orchester
Konzertstück op. 64
Präludium und Fuge op. 36

Barbara Buntrock, Viola
Tatjana Blome, Klavier

Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz
Leitung: Gregor Bühl

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