Kompendium über das richtige Leben
Der französische Volks- und Erfolgsphilosoph André Comte-Sponville beantwortet in "Kann Kapitalismus moralisch sein?" nicht einfach eine simple Frage, sondern legt ein Kompendium über das richtige Leben vor - zum Glück, ohne über alles die gleiche Moralsoße zu gießen.
Bücher, die im Titel Fragen aufwerfen, stiften zur eiligen Lektüre an. Man rast, das Ziel vor Augen, durch den Text ... und siehe, auf Seite 89 wird man fündig:
"Die Antwort auf meine Titelfrage "Kann Kapitalismus moralisch sein?’ lautet also: nein. Aber sie muss natürlich präzisiert (um nicht zu sagen, differenziert) werden: Der Kapitalismus ist nicht moralisch; er ist auch nicht unmoralisch; er ist - aber das total, radikal und definitiv - amoralisch."
"Also", sagt der Philosoph, was darauf verweist, dass er zuvor Prämissen gesetzt hat, die seine Konklusion erzwingen. Und das Buch ist nach der kurzen Strecke auch keineswegs beendet, sondern geht 200 anregende Seiten weiter. In Wahrheit beantwortet der französische Volks- und Erfolgsphilosoph André Comte-Sponville nicht einfach eine simple Frage, sondern legt ein Kompendium über das richtige Leben vor – zum Glück, ohne über alles die gleiche Moralsoße zu gießen:
"Wir brauchen eine Moral, die sich nicht auf Politik verkürzen lässt, wir brauchen aber auch eine Politik, die sich nicht auf Moral verkürzen lässt."
So erweitert Comte-Sponville das klassische Pascalsche Modell dreier Ordnungen, die unser Leben prägen - Körper, Vernunft und Nächstenliebe – auf eine moderne 4er-Variante. Wir leben, sagt der Philosoph, stets in mehreren Ordnungen zugleich: In der technowissenschaftlichen Ordnung inklusive der Wirtschaft, an deren Faktizität wir nicht rütteln können und in der rechtlich-politischen Ordnung, die von Menschen gemachtes Regelwerk enthält, aber keine Wunder vollbringen kann. Beide werden überragt von der Ordnung der Moral und der ethischen Ordnung. Nanu – ist das nicht dasselbe?
"Ich schlage Ihnen vor, auch auf die Gefahr hin, sehr zu vereinfachen, mit ‚Moral’ all das zu bezeichnen, was wir aus Pflichtgefühl tun, und mit ‚Ethik’ all das, was wir aus Liebe tun."
Diese vier Ordnungen haben nun etwas Tückisches: Sie laufen nämlich fast nie synchron, denn dann wäre unser Leben einfach und moralisch unanfechtbar. Tatsächlich aber folgt jede Ordnung ihrer eigenen Binnenlogik, die sich nicht auf die anderen übertragen lässt. Tut man es doch, entsteht eine gefährliche Situation. Das hat schon Blaise Pascal im 18. Jahrhundert erkannt.
"Tyrannei besteht im allumfassenden Verlangen nach Herrschaft außerhalb ihrer eigenen Ord¬nung."
Wenn zum Beispiel die Wissenschaft (Ordnung eins) Kriterien der Partnerwahl (Ordnung vier) vorgäbe, wäre sie eine Tyrannei ... "barbarisch", wie Comte-Sponville es nennt. Da bei ihm die Ordnungen hierarchisch gestaffelt sind, sieht er Übergriffsmöglichkeiten in beide Richtungen, aufwärts wie abwärts:
"Barbarei ist der Wunsch, das Höhere dem Niederen zu unterwerfen. Blauäugigkeit ist das Bestreben, das Niedere im Namen des Höheren aufzuheben."
Blauäugig handelt gern mal die Politik. Wenn Versprechen gemacht werden, die Arbeitslosigkeit zu senken, dann versucht die rechtlich-politische Ordnung dort Fakten zu schaffen, wo sie machtlos ist. Die Wirtschaft (technowissenschaftliche Ordnung) funktioniert autonom und schlägt stets ihre eigene Richtung ein – innerhalb politischer Setzungen, gewiss, aber nicht in ideologischer Planerfüllung der Politik. Also ist ein solches Versprechen blauäugig, je nach Intensität sogar lächerlich.
Deutlich wird das in der Überspitzung: Natürlich könnte innerhalb der politischen Systemlogik jedes Parlament ein Gesetz erlassen, das Arbeitslosigkeit verbietet. Zugleich aber würde dieses Parlament andere Ordnungen zu Übergriffen ermuntern, denn wo Politik so schwachsinnig agierte, würden rigide Moralisten versuchen, der Kompromiss-Ordnung der Politik ihre unverhandelbaren Moralkriterien überzustülpen.
Es ist also eine stete Herausforderung, den vier Ordnungen auch dann Genüge zu tun, wenn sie uns Individuen einem in alle Richtungen auseinander strebenden Kraftfeld aussetzen. Dann, rät der Philosoph:
"... müssen Sie zwischen den vier Ordnungen wählen – entscheiden, welche der vier Ordnungen Sie in welcher Situation vorrangig berücksichtigen wollen. Diese Wahl nenne ich unsere Verantwortung. Sie fällt in das Gebiet der Entscheidungslogik: Es geht nicht darum, ein Problem zu lösen, sondern eine Wahl zu treffen, was nicht ohne Hierarchie und Verzicht geht."
Das ist der wohltuende Pragmatismus des ehemals linken, heute aufgeklärten Philosophen André Comte-Sponville: Wahlfreiheit mit Schadensrisiko. Ein Unternehmer kann sich natürlich an der Ordnung der Nächstenliebe (also Ethik) orientieren und grundsätzlich niemanden entlassen. Dann wird er vielleicht irgendwann pleite sein, und das nützt den Nicht-Entlassenen auch nichts mehr. Also handelt er besser zweckrational innerhalb seiner Ordnung. Kann man gegen diesen Freiheitsbegriff etwas einwenden? Aber ja! In Frankreich erfuhr das nach allen Seiten hin ausgewogene Buch durchaus aggressive Kritik. Es gibt eben immer Tyrannen, die ihre Ordnung für absolut halten.
Während Comte-Sponville den Kapitalismus im moralischen Sinne keineswegs gut findet, ihn aber wie eine naturwissenschaftliche Hypothese als alternativlos betrachtet, solange die Widerlegung ausbleibt, spricht er dem Marxismus jegliche praktische Brauchbarkeit ab. Das ruft links-orthodoxe Gegner auf den Plan, denn sie wollen keinesfalls solche Sätze hören:
"Marx' sympathischer, aber verhängnisvoller Fehler bestand (...) im Grunde darin, dass er die Moral in der Wirtschaft etablieren wollte. Machen wir Schluss mit der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, mit der Entfremdung, mit der Not, mit den gesellschaftlichen Klassen, dem Staat selbst (...) und verhelfen wir schon jetzt und in immer stärkerem Maße der Gerechtigkeit und Gleichheit zur Herrschaft ... Moralisch betrachtet können wir nicht schöner träumen. Aber durch welches Wunder sollte die Wirtschaft das erreichen können? Es wäre das Ideal. Ein Grund mehr, sagt der scharfsinnige Verstand, nicht daran zu glauben."
Nicht die Tatsache, dass dieses Ideal in den Gulag führte, bringt Dogmatiker zum Schäumen, sondern – wie der letzte Teil des Buches belegt – die Moraldiagnose an sich. Sie sei "ungeheuerlich", schmetterte man Comte-Sponville entgegen. Paradoxe Doppelzüngigkeit: Der Kapitalist soll doch bitte endlich moralisch werden, aber Karl Marx’ moralisches Grundmotiv streitet man vehement ab. Das lässt sich nur damit erklären, dass Linksorthodoxe noch immer glauben, Marxismus sei eine objektive Wissenschaft, die sich von jeglichen anderen Bezügen emanzipiert habe. Welche Hybris! André Comte-Sponville entwaffnet seine Gegner dagegen durch Bescheidenheit:
"Mir geht es nicht darum anzuprangern, ich versuche zu verstehen. In diesem Fall müssen wir eben verstehen, dass sich der Kapitalismus, so ungerecht und amoralisch er auch ist, als wirtschaftlich leistungsfähiger erwiesen hat denn jedes jemals in der Menschheitsgeschichte erprobte System. Diese Auffassung hat übrigens auch Marx zu seiner Zeit nachdrücklich vertreten."
Zum Verständnis der Welt trägt das Buch wie kaum ein anderes in diesem Herbst bei. Nicht zuletzt ist es auch noch hervorragend geschrieben. Philosophie wie sie sein sollte: Verständlich und nahe am Menschen
André Comte-Sponville: Kann Kapitalismus moralisch sein?
Aus dem Französischen von Hainer Kober, Diogenes Verlag, Zürich/2009
"Die Antwort auf meine Titelfrage "Kann Kapitalismus moralisch sein?’ lautet also: nein. Aber sie muss natürlich präzisiert (um nicht zu sagen, differenziert) werden: Der Kapitalismus ist nicht moralisch; er ist auch nicht unmoralisch; er ist - aber das total, radikal und definitiv - amoralisch."
"Also", sagt der Philosoph, was darauf verweist, dass er zuvor Prämissen gesetzt hat, die seine Konklusion erzwingen. Und das Buch ist nach der kurzen Strecke auch keineswegs beendet, sondern geht 200 anregende Seiten weiter. In Wahrheit beantwortet der französische Volks- und Erfolgsphilosoph André Comte-Sponville nicht einfach eine simple Frage, sondern legt ein Kompendium über das richtige Leben vor – zum Glück, ohne über alles die gleiche Moralsoße zu gießen:
"Wir brauchen eine Moral, die sich nicht auf Politik verkürzen lässt, wir brauchen aber auch eine Politik, die sich nicht auf Moral verkürzen lässt."
So erweitert Comte-Sponville das klassische Pascalsche Modell dreier Ordnungen, die unser Leben prägen - Körper, Vernunft und Nächstenliebe – auf eine moderne 4er-Variante. Wir leben, sagt der Philosoph, stets in mehreren Ordnungen zugleich: In der technowissenschaftlichen Ordnung inklusive der Wirtschaft, an deren Faktizität wir nicht rütteln können und in der rechtlich-politischen Ordnung, die von Menschen gemachtes Regelwerk enthält, aber keine Wunder vollbringen kann. Beide werden überragt von der Ordnung der Moral und der ethischen Ordnung. Nanu – ist das nicht dasselbe?
"Ich schlage Ihnen vor, auch auf die Gefahr hin, sehr zu vereinfachen, mit ‚Moral’ all das zu bezeichnen, was wir aus Pflichtgefühl tun, und mit ‚Ethik’ all das, was wir aus Liebe tun."
Diese vier Ordnungen haben nun etwas Tückisches: Sie laufen nämlich fast nie synchron, denn dann wäre unser Leben einfach und moralisch unanfechtbar. Tatsächlich aber folgt jede Ordnung ihrer eigenen Binnenlogik, die sich nicht auf die anderen übertragen lässt. Tut man es doch, entsteht eine gefährliche Situation. Das hat schon Blaise Pascal im 18. Jahrhundert erkannt.
"Tyrannei besteht im allumfassenden Verlangen nach Herrschaft außerhalb ihrer eigenen Ord¬nung."
Wenn zum Beispiel die Wissenschaft (Ordnung eins) Kriterien der Partnerwahl (Ordnung vier) vorgäbe, wäre sie eine Tyrannei ... "barbarisch", wie Comte-Sponville es nennt. Da bei ihm die Ordnungen hierarchisch gestaffelt sind, sieht er Übergriffsmöglichkeiten in beide Richtungen, aufwärts wie abwärts:
"Barbarei ist der Wunsch, das Höhere dem Niederen zu unterwerfen. Blauäugigkeit ist das Bestreben, das Niedere im Namen des Höheren aufzuheben."
Blauäugig handelt gern mal die Politik. Wenn Versprechen gemacht werden, die Arbeitslosigkeit zu senken, dann versucht die rechtlich-politische Ordnung dort Fakten zu schaffen, wo sie machtlos ist. Die Wirtschaft (technowissenschaftliche Ordnung) funktioniert autonom und schlägt stets ihre eigene Richtung ein – innerhalb politischer Setzungen, gewiss, aber nicht in ideologischer Planerfüllung der Politik. Also ist ein solches Versprechen blauäugig, je nach Intensität sogar lächerlich.
Deutlich wird das in der Überspitzung: Natürlich könnte innerhalb der politischen Systemlogik jedes Parlament ein Gesetz erlassen, das Arbeitslosigkeit verbietet. Zugleich aber würde dieses Parlament andere Ordnungen zu Übergriffen ermuntern, denn wo Politik so schwachsinnig agierte, würden rigide Moralisten versuchen, der Kompromiss-Ordnung der Politik ihre unverhandelbaren Moralkriterien überzustülpen.
Es ist also eine stete Herausforderung, den vier Ordnungen auch dann Genüge zu tun, wenn sie uns Individuen einem in alle Richtungen auseinander strebenden Kraftfeld aussetzen. Dann, rät der Philosoph:
"... müssen Sie zwischen den vier Ordnungen wählen – entscheiden, welche der vier Ordnungen Sie in welcher Situation vorrangig berücksichtigen wollen. Diese Wahl nenne ich unsere Verantwortung. Sie fällt in das Gebiet der Entscheidungslogik: Es geht nicht darum, ein Problem zu lösen, sondern eine Wahl zu treffen, was nicht ohne Hierarchie und Verzicht geht."
Das ist der wohltuende Pragmatismus des ehemals linken, heute aufgeklärten Philosophen André Comte-Sponville: Wahlfreiheit mit Schadensrisiko. Ein Unternehmer kann sich natürlich an der Ordnung der Nächstenliebe (also Ethik) orientieren und grundsätzlich niemanden entlassen. Dann wird er vielleicht irgendwann pleite sein, und das nützt den Nicht-Entlassenen auch nichts mehr. Also handelt er besser zweckrational innerhalb seiner Ordnung. Kann man gegen diesen Freiheitsbegriff etwas einwenden? Aber ja! In Frankreich erfuhr das nach allen Seiten hin ausgewogene Buch durchaus aggressive Kritik. Es gibt eben immer Tyrannen, die ihre Ordnung für absolut halten.
Während Comte-Sponville den Kapitalismus im moralischen Sinne keineswegs gut findet, ihn aber wie eine naturwissenschaftliche Hypothese als alternativlos betrachtet, solange die Widerlegung ausbleibt, spricht er dem Marxismus jegliche praktische Brauchbarkeit ab. Das ruft links-orthodoxe Gegner auf den Plan, denn sie wollen keinesfalls solche Sätze hören:
"Marx' sympathischer, aber verhängnisvoller Fehler bestand (...) im Grunde darin, dass er die Moral in der Wirtschaft etablieren wollte. Machen wir Schluss mit der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, mit der Entfremdung, mit der Not, mit den gesellschaftlichen Klassen, dem Staat selbst (...) und verhelfen wir schon jetzt und in immer stärkerem Maße der Gerechtigkeit und Gleichheit zur Herrschaft ... Moralisch betrachtet können wir nicht schöner träumen. Aber durch welches Wunder sollte die Wirtschaft das erreichen können? Es wäre das Ideal. Ein Grund mehr, sagt der scharfsinnige Verstand, nicht daran zu glauben."
Nicht die Tatsache, dass dieses Ideal in den Gulag führte, bringt Dogmatiker zum Schäumen, sondern – wie der letzte Teil des Buches belegt – die Moraldiagnose an sich. Sie sei "ungeheuerlich", schmetterte man Comte-Sponville entgegen. Paradoxe Doppelzüngigkeit: Der Kapitalist soll doch bitte endlich moralisch werden, aber Karl Marx’ moralisches Grundmotiv streitet man vehement ab. Das lässt sich nur damit erklären, dass Linksorthodoxe noch immer glauben, Marxismus sei eine objektive Wissenschaft, die sich von jeglichen anderen Bezügen emanzipiert habe. Welche Hybris! André Comte-Sponville entwaffnet seine Gegner dagegen durch Bescheidenheit:
"Mir geht es nicht darum anzuprangern, ich versuche zu verstehen. In diesem Fall müssen wir eben verstehen, dass sich der Kapitalismus, so ungerecht und amoralisch er auch ist, als wirtschaftlich leistungsfähiger erwiesen hat denn jedes jemals in der Menschheitsgeschichte erprobte System. Diese Auffassung hat übrigens auch Marx zu seiner Zeit nachdrücklich vertreten."
Zum Verständnis der Welt trägt das Buch wie kaum ein anderes in diesem Herbst bei. Nicht zuletzt ist es auch noch hervorragend geschrieben. Philosophie wie sie sein sollte: Verständlich und nahe am Menschen
André Comte-Sponville: Kann Kapitalismus moralisch sein?
Aus dem Französischen von Hainer Kober, Diogenes Verlag, Zürich/2009

Cover: "André Comte-Sponville: Kann Kapitalismus moralisch sein?"© Diogenes Verlag
