Kommentar

Politiker auf TikTok? Ein Muss!

04:30 Minuten
Bundeskanzler Scholz zwischen jungen Menschen, die Selfies mit ihm machen.
Bundeskanzler Scholz macht Selfies mit jungen Menschen. Der Kanzler ist nun auch auf TikTok - um Jungwähler zu erreichen. © imago / Political-Moments
Ein Kommentar von Anna-Katharina Meßmer · 21.05.2024
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Bei der Europawahl 2024 dürfen erstmals auch 16-Jährige wählen. Um die jungen Wähler anzusprechen, nutzen immer mehr deutsche Politiker TikTok. Die Soziologin Anna-Katharina Meßmer findet das richtig.
Ich habe ein Déjà-vu! Soll ein Bundeskanzler Kurzvideos auf TikTok posten? Wen erreicht er dort? Und ist das alles nicht populistisch, inhaltsleer und peinlich? So viele Fragen und keine ist neu. Seit es soziale Medien gibt, führen wir diese Diskussion mit jeder erfolgreichen Social-Media-Plattform aufs Neue. Erst ging es um Facebook, dann um Twitter, dann YouTube, schließlich Instagram und aktuell ist es TikTok. Am Ende ist die Antwort immer die gleiche: Egal wie groß die Bedenken sind – nicht dabei sein geht auch nicht.

Soziale Medien als Hauptinformationsquelle

Für mehr als ein Drittel der 18- bis 24-Jährigen sind soziale Medien die Hauptinformationsquelle - selbst digitale Nachrichtenangebote sind weniger wichtig als Social Media. Das hat sicherlich auch mit einem Vertrauensverlust in die klassischen Medien zu tun. Denn quer durch sämtliche Untersuchungen sehen wir in dieser Altersgruppe einen besorgniserregenden Trend: Ein wachsender Teil der jungen Erwachsenen fühlt sich von Politik und Medien vernachlässigt und nicht repräsentiert.
Wer dann lautstark darüber herzieht, dass die Jugend auf TikTok verdummt, missversteht junge Menschen und ist vielleicht Teil des Problems. Denn TikTok-Nutzer und -Nutzerinnen sehen das Medium durchaus kritisch, sie wissen um Gefahren und Risiken. Aber: Sie nutzen die Plattform trotzdem - vor allem zur Unterhaltung.

Rechte Populisten nutzen TikTok für sich

Wer das längst verstanden hat, sind rechte Populisten. Die fluten nach Twitter und Co seit längerem auch TikTok mit ihrem Content. Die Strategie: Quantität vor Qualität.
Als dann aber kurz vor der Europawahl die repräsentative Studie "Jugend in Deutschland 2024" den Unter-30-Jährigen einen Rechtsruck bescheinigte, hat der Run der etablierten Parteien auf TikTok begonnen.

Auf TikTok mitmachen, ohne "cringe" zu sein

Nicht alle beweisen dabei ein glückliches Händchen. So leckte etwa ein CDU-Abgeordneter im Wolfskostüm vor Freude über das Landesjagdgesetz seine als Rotkäppchen verkleidete Kollegin ab. „Cringe“, sprich peinlich, lautete das Urteil auf TikTok. Und auch Olaf Scholz‘ reichlich steif vorgetragenen Einblicke in seine Aktentasche sorgten eher für Belustigung. Unterhaltsam ist das allemal. Ob es politisch sinnvoll ist, lässt sich diskutieren.
Die Herausforderung sozialer Medien liegt stets darin, dass jede Plattform eigenen Trends und Memes folgt. Sich auf das Format einzulassen, ohne sich anzubiedern, ist ein schmaler Grat. So ist zum Beispiel ein beliebtes Format auf TikTok „Get ready with me“. Ein Format, das mit Olaf Scholz zunächst nicht unbedingt denkbar wäre. Schließlich möchte man einen Bundeskanzler weder bei seiner Skin-Care-Routine noch bei der Outfit-Wahl begleiten. Dennoch könnten Politiker und Politikerinnen sich das Prinzip abschauen, um einen Einblick hinter die Kulissen zu geben und Politik erfahrbar zu machen, in Austausch mit den Nutzern zu treten, Themen aufzugreifen, die auf TikTok stattfinden.

Politische Kommunikation auf Sozialen Medien erforschen

Denn klar, man kann sich über die vielen Fragen nach einer Dönerpreisbremse in den Kommentarspalten lustig machen. Oder verstehen, dass junge Menschen an Dönerpreisen die Inflation merken und die damit einhergehenden Sorgen ernst nehmen. Junge Erwachsene brauchen Perspektiven und Angebote, vollkommen unabhängig davon, welche Plattform gerade in ist.
Wie auf allen anderen Plattformen wird sich also auch auf TikTok eine eigene Form der Politikkommunikation etablieren. Ich bin neugierig darauf, wie diese aussieht. Und 20 Jahre nach der Gründung von Facebook wird es langsam Zeit, dass wir systematisch erforschen, ob und unter welchen Voraussetzungen politische Kommunikation in den sozialen Medien überhaupt funktioniert!

Die Soziologin Dr. Anna-Katharina Meßmer ist Expertin bei der Stiftung Neue Verantwortung in Berlin. In ihrer Arbeit beschäftigt sie sich mit der Regulierung von sozialen Medien und der Frage, wie die digitalen Kompetenzen der Bürger und Bürgerinnen gestärkt werden können. Derzeit arbeitet sie an der Umsetzung des Digital Services Act. 2021 veröffentlichte sie die Studie „Quelle: Internet“? zur digitalen Nachrichten- und Informationskompetenz der deutschen Bevölkerung.

Portätbild von Anna-Katharina Meßmer. Sie trägt eine schwarze Jacke und blickt direkt in die Kamera.
© Sebastian Heise
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