Welttag des Optimismus

Ist die Welt noch bei Trost?

04:40 Minuten
Dunkle Wolken und Sonnenstrahlen und schwarz-weiß.
Krisen und Krieg überall – manch einem fällt es schwer, optimistisch zu bleiben und in all dem Schatten auch wieder Licht zu sehen © imago / Dreamstime /Edgelore
Ein Kommentar von Arnd Pollmann |
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Der „Welttag des Optimismus“ findet jedes Jahr am ersten Donnerstag im Februar statt. Ist es in einer krisenhaften Welt überhaupt sinnvoll, optimistisch zu sein? Oder muss man es sogar?
Eine Frohnatur zu sein, das hat unleugbar Vorteile: Optimisten packen an, sie geben nicht auf, reißen andere mit. Sie leben gesünder, treffen bessere Finanzentscheidungen, werden häufiger befördert. Wie aber kann man optimistisch bleiben, wenn die Welt nun einmal so ist, wie sie ist? Geht es mit der Menschheit aktuell nicht zielstrebig den Bach runter? Die vielzitierte Zeitenwende ist längst in Endzeitstimmung umgeschlagen. Wirkt Optimismus da nicht geradezu „crazy“? Donald Trump ist schließlich auch ein unverbesserlicher Optimist.

Kants Kummer

Diese Frage hat Immanuel Kant einst ins Zentrum seiner Geschichtsphilosophie gerückt: Wie kann man an der Vernunft des Menschen festhalten, wo man doch überall auf Unvernunft trifft? Kant schreibt: „Der denkende Mensch fühlt einen Kummer, der wohl gar Sittenverderbnis werden kann, von welchem der Gedankenlose nichts weiß: nämlich Unzufriedenheit mit der Vorsehung, die den Weltlauf im Ganzen regiert.“ Mit diesem Kant’schen Kummer, diesem philosophischen Stoßseufzer, wird aus der Frage nach dem Optimismus zugleich auch die Frage nach dem Sinn von Philosophie überhaupt.
Krieg, Ungerechtigkeit, das Böse, die Kürze des Lebens, Schmerzen sowie die stets unerfüllte Sehnsucht nach einer besseren Welt. Das sind nach Kant typisch menschliche Grunderfahrungen, deren Sinnlosigkeit niederschmetternd wirkt, sobald man darüber nachdenkt. Nicht mehr bei Trost zu sein, das ist im Grunde die anthropologische Startposition des mit seiner Vernunft hadernden Menschen. Nach dem Verblassen religiöser Vertröstungen könnte man analog zur klassischen „Theodizee“, also der Frage nach der Rechtfertigung Gottes angesichts des Bösen, von einer „Philodizee“ sprechen: Warum lässt die Vernunft das alles zu?

Bergauf und bergab

Angesichts von historischen Fortschritten, aber eben auch fatalen Rückschritten, mag man sich fragen, ob die Menschheit insgesamt eher auf der Stelle tritt, ob es langfristig bergauf oder aber bergab geht. Kant selbst vertritt einen gedämpften Optimismus. Ernst Bloch wird später von einem „Optimismus mit Trauerflor“ sprechen: Es gibt bisweilen Fortschritte, und insgesamt geht es langfristig – hoffentlich – bergauf, aber diese Fortschritte sind teuer erkauft. Erst spätere Generationen werden in den Genuss all jener Taten kommen, durch die man sich zu Lebzeiten als tugendhaft und vernünftig erwiesen hat.
Allerdings gibt es hier gerade keinen Automatismus. Alles hängt nach Kant davon ab, ob der Mensch vernünftig sein will. Die Welt ist schlecht. Aber der einzige Weg, das zu ändern, wäre, Vernunft anzunehmen und entsprechend auch so zu leben. Dann erst werden viele einzelne Vernunftwesen in der Summe zu einer Art Self-fulfilling prophecy beitragen. Der „Ewige Frieden“, so Kant, ist möglich, aber nur dann, wenn er gewollt ist; wenn diese Voraussage zur Leitidee wird und sich im Kollektiv tatkräftig bewahrheitet. Und: Aufgabe der Philosophie ist es, ihren untröstlich wirkenden Leserinnen und Lesern am Ende eben doch einen Rest an „vernünftiger“ Hoffnung abzutrotzen.

Gesunder Pessimismus

Man muss also die Vernunft in diese unvernünftige und teilweise hässliche Welt vorsätzlich hineinlesen. So, wie man die Schönheit des Menschen auch im Gesicht jener erblicken kann, die andere als unansehnlich empfinden. Gleichwohl bleibt es ratsam, sich dabei stets auch einen gedämpften Pessimismus zu bewahren.
Pessimisten sehen Risiken voraus, warnen vor übertriebenen Hoffnungen, sie neigen zur Vorsorge und neuerdings zum Preppertum. Der nächste Stromausfall kommt bestimmt. Nennen wir dies, in Abwandlung von Bloch, „Pessimismus mit Kleeblatt“. Vielleicht kommt es darauf an, beides zu sein: optimistisch und pessimistisch. Am schönsten hat dies einst der Humorist Karl Valentin ausgedrückt: Ein Optimist, so definierte er, sei „ein Mensch, der die Dinge nicht so tragisch nimmt, wie sie sind“.

Arnd Pollmann schreibt Bücher über Integrität und Unmoral, Menschenrechte und Menschenwürde. Er ist Professor für Ethik und Sozialphilosophie an der Alice-Salomon Hochschule Berlin.

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