Kommentar zum Stimmungstief in Deutschland
Die schwarz-rote Koalition hat es nach langem Hin und Her geschafft, ihr Reformpaket zu verabschieden. Doch der Vertrauensverlust in die Politik hat andere Ursachen. © picture alliance / dts-Agentur / dts Nachrichtenagentur GmbH
Es braucht mehr Eigeninitiative der Bürger
04:36 Minuten

Es heißt, die Menschen verlören das Vertrauen in die Politik. Doch die weckt selbst falsche Erwartungen an das, was sie leisten kann. Und die Bürger erwarten zu viel. Nötig wäre mehr Eigeninitiative.
Ja, ohne Frage, es sieht gerade nicht gut aus in und für Deutschland. Sparprogramme, Stagnation, Kommunenpleite, Entlassungen, Insolvenzwellen, Dysfunktionen, Defekte - und eine Regierung, die dem Gefühl des Niedergangs und der Existenzkrise nicht viel entgegenzusetzen vermag. Diese Koalition sollte die „letzte Patrone der Demokratie“ sein, um die AfD im Zaum zu halten – ohne zu begreifen, dass eben diese AfD gerade durch Dysfunktion und Dauerdämonisierung wächst und gedeiht.
Die Bürger verlieren das Vertrauen, heißt es wieder und wieder; sie vertrauten weder der Politik noch den Parteien und eigentlich niemand anderem mehr außer sich selbst. Im Namen des „Vertrauensverlusts“ wenden sich zunehmend mehr Deutsche ab von der Demokratie, der sie nicht mehr zutrauen, die Probleme zu lösen. Die einen wünschen sich einen autoritären Führer, die anderen resignieren, dritte driften ab ins innere Exil.
Enttäuschung statt verlorenen Vertrauens
Könnte es sein, dass in Zeiten von Krieg, KI und Radikalisierungen die Erwartungshaltung falsch ist? Wenn unter „Vertrauen“ der ungedeckte Vorschuss auf eine künftig gute Zeit zu verstehen ist, müssten die Bürger aus Selbsterhaltungsgründen doch gerade jetzt Vertrauen in sich und ihre Republik investieren. Eine Gesellschaft, die neuerdings alles viel zu schnell auf „verlorenes Vertrauen“ abwälzt, macht es sich viel zu leicht.
Eigentlich liegt doch etwas ganz anderes vor: Enttäuschung. Der Unterschied zwischen Vertrauensverlust und Enttäuschung ist nicht unerheblich, denn letztere hieße ja, wir hätten uns getäuscht – oder täuschen lassen. Seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten ist die bundesdeutsche Gesellschaft von ihren Regierungen zur Selbsttäuschung erzogen worden: ständig neue Ansprüche adressieren zu können; von Staat und Politik vor allem beschützt zu werden; bei unvorhersehbarem Unbill sogleich Ausgleichszahlungen oder Abfederungen zu erhalten.
Vollkasko-Versprechen funktioniert nicht
Wenn aber alle ihre Wünsche an den Staat delegieren, weil der sich mit Vollkasko-Versprechen auf Schutz und Sicherheit Ruhe und Sympathien erkauft, muss dieser Handel zwangsläufig scheitern – an der dauerhaften Erfüllung jener Ansprüche, die die Politik selbst befördert hat. Russisches Gas, amerikanische Sicherheit, schwarze Null: Haben wir nicht allzu lange Zeit auf Pump gelebt und uns Gewissheiten geborgt, die nie wirklich gewiss waren? Die einen verweigern die Einsicht in die Realität jetzt mit der Errichtung ideologischer Wagenburgen, die anderen tunken sie in apokalyptisches Pech und Schwefel.
Vertrauen verlieren kann doch nur, wer für sich selbst keine Perspektive entwickelt hat; wer sich das Leben abnehmen lässt, statt es eigenverantwortlich zu führen; wer sich freiwillig ablenken, lenken und steuern und abhängig machen lässt. Die Stabilisierung von Selbstwert und Selbstwirksamkeit beginnt sicher nicht damit, radikale Kräfte rechts oder links zu wählen und auf Heil und Erlösung zu hoffen. Sie beginnt mit der Erkenntnis, das eigene Leben in die Hand zu nehmen und nicht schicksalsergeben über den finalen Niedergang zu nölen, den es de facto gar nicht gibt.
Das eigene Leben in die Hand nehmen
Wie wäre es, statt wohlfeiler Politiker-Verachtung selbst zu kandidieren oder sich für ein Bürgermeisteramt zu bewerben? Wie wäre es, Lesekreise für Kinder aufzubauen, Moore zu renaturieren, Quartiersmanagement zu betreiben und ein ehrenamtlich generiertes Wir-Gefühl zu schaffen?
Ja, gewiss, hohe Energiepreise, Inflation und wachstumsfeindlicher Bürokratismus: Aber nach wie vor lohnt es sich, an Kreativität und Lösungskompetenz der kleinen wie großen Unternehmen, den Hidden Champions, Tüftlern, Ingenieuren und Spitzenforschern zu glauben. Es wird sich auszahlen, wenn alle die Ärmel aufkrempeln und wieder Zuneigung lernen – in Zeiten, da eine Republik in Not mal den Bürger braucht.


















