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Kompressor | Beitrag vom 25.08.2020

Kolonialismusdebatte in GroßbritannienHeftiger Streit um eine patriotische Hymne

Robert Rotifer im Gespräch mit Gesa Ufer

Fahnenschwenkendes Publikum bei einem "Last Night of the Proms"-Konzert. (picture alliance / PA Wire / Guy Bell)
Fahnen schwenken und lauthals patriotische Gassenhauer singen: Das gehörte bisher zu den Höhepunkten des "Last Night of the Proms"-Konzerts. (picture alliance / PA Wire / Guy Bell)

Am Ende der "Last Night of the Proms" singt das Publikum lautstark "Rule, Britannia!". Im Zuge von Black Lives Matter ist diese Tradition in die Kritik geraten. Nun soll nur eine Instrumentalversion erklingen, was konservative Geister erzürnt.


Es gehört zur "Last Night of the Proms" wie die Butter aufs Brot: das Singen von Liedern wie "Rule, Britannia!" oder "Land of Hope and Glory" am Ende des Konzertes. Dazu werden britische Fahnen geschwenkt. "Mitsingen war immer ein Teil der 'Proms'", sagt unser London-Korrespondent Robert Rotifer. "Und der Patriotismus war von Anfang an ein Teil des sozialen Kitts."

Angesichts der Black-Lives-Matters-Bewegung erscheinen Liedzeilen wie "Herrsche, Britannia! ... Briten werden niemals Sklaven sein" inzwischen allerdings zumindest fragwürdig. Und so hat die BBC angekündigt, beim diesjährigen Konzert – das schon aufgrund von Corona unter veränderten Bedingungen stattfinden wird –, die patriotischen Standards nur noch instrumental erklingen zu lassen. "Große Umbrüche", meint Rotifer, über die schon seit Tagen auf der Insel diskutiert werde.

Der erwartbare Aufschrei ist eingetreten

Es heiße, die diesjährige Dirigentin der "Last Night", die Finnin Dalia Stasevska, sei eine große Unterstützerin von Black Lives Matter, so Rotifer. Dass das Konzert am 12. September nun wegen Corona ohne Publikum und mit kleinerem Orchester stattfinde, sei eine gute Gelegenheit gewesen, das Programm zu ändern.

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"Natürlich ist der erwartbare Aufschrei eingetreten", sagt Rotifer. Premier Boris Johnson und der Minister für Kultur und Medien, Oliver Dowden, zeigten sich angesichts der "Rule, Britannia!"-Debatte empört. "Selbstbewusste, nach vorn schauende Nationen löschen ihre Vergangenheit nicht aus – sie fügen ihr etwas hinzu", schrieb Dowden auf Twitter.

Das seien eben all die Argumente und auch dieselbe Rhetorik, die man bereits in der Diskussion um die Statuen von Sklavenhändlern gehört habe, meint Rotifer. Boris Johnson könne nun "patriotisch in die Bresche springen". Die BBC wiederum habe die Änderungen mit Corona begründet: Es sei zu gefährlich zu singen.

Schon Beethoven sorgte für Diskussionen

Es ist nicht die erste politische Diskussion, die das Konzert ausgelöst hat. Schon im Zuge des Brexit-Referendums habe es Diskussionen über "Last Night of the Proms" gegeben, berichtet Rotifer. Damals, weil bei dem Konzertabend auch Beethovens "Ode an die Freude" – also die Europahymne – gespielt wurde. Eines ist für Rotifer bei der derzeitigen Diskussion jedenfalls klar, wenn man sich ein Stück wie "Rule, Britannia!" ansehe: "Um den musikalischen Gehalt kann es ja wirklich nicht gehen."

(lkn)

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