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Die Reportage | Beitrag vom 14.06.2020

Kloster Veßra und der NeonaziEin Dorf hält dagegen

Von Ernst-Ludwig von Aster

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Tasse mit der Aufschrift „Wir für Thüringen — Kein Ort für Nazis!“ (Grenzgänger / v. Aster)
Im Dorf-Imbiss Refektorium gibt es Kaffee - mit einer klaren Botschaft. (Grenzgänger / v. Aster)

Seit fünf Jahren betreibt ein Neonazi die Dorfkneipe: Anfangs wehrte sich im 400-Seelen-Ort Kloster Veßra in Südthüringen nur das renommierte Klostermuseum gegen den neuen Nachbarn. Viele haben geschwiegen. Das hat sich geändert.

Gemächlich stolzieren "Thüringer Barthühner", eine alte Geflügelrasse,  über den gepflegten Rasen. Lassen sich vom Glockenläuten der Kirche nicht stören. Claudia Krahnert kommt mit energischen Schritten aus dem alten Kornhaus, die mittelgroße, blonde Historikerin, eilt an den Hühnern vorbei, über den Museumshof, Richtung Klosterruine. Wir treffen uns im Freien, da braucht es keinen Mundschutz.

Schlagzeilen macht der Neonazi, nicht das Museum

Seit fünf Jahren komme ich regelmäßig nach Kloster Veßra – es hat sich einiges verändert seit meinem letzten Besuch. Claudia Krahnert zum Beispiel ist neu hier. Die 41-Jährige dreht sich um die eigene Achse. Blickt auf die alten Backsteinmauern.

Und sagt lächelnd: "Wenn ich in eine Klosteranlage komme, weiß ich immer, wo sich was befindet, ich kann ich mich immer orientieren, ich weiß immer, die Laien sind hier durchgekommen, die Pilger sind hier untergebracht worden."

Ihr neuer Arbeitsplatz ist ein Wunschort für die Mittelalterhistorikerin. Kloster Veßra – im Süden Thüringens, unweit von Unterfranken.

Blick auf die Klosterruine mit Scheune in und vor der Menschen an einem Vortrag teilnehmen (Grenzgänger / v. Aster)Klosterruine und Vorträge in der Scheune, das Museum Kloster Veßra (Grenzgänger / v. Aster)

Gut ein Dutzend Fachwerkhäuser aus unterschiedlichen Epochen verteilen sich um die Klosterruine mit den großen Türmen, machen den Mittelalterort zum Freilichtmuseum. Brotbacken, Brauen – alles ist hier möglich. Seit zwei Monaten ist Krahnert die neue Direktorin.

"Eines der bedeutendsten romanischen Baudenkmäler in Thüringen", werben Reiseführer. 400 Menschen wohnen drumherum. Auch der Ort heißt Kloster Veßra. Er macht mehr Schlagzeilen als das Museum. Claudia Krahnert zieht die Augenbrauen hoch.

"Es ist tatsächlich so", sagt sie, "wenn man Kloster Veßra hört, das bekomme ich auch immer mehr mit, dann denkt man in erster Linie an Tommy Frenck und nicht an diesen wundervollen Ort, der so unfassbar viel Schönes zu bieten hat."

Tommy Frenck – das ist ein deutschlandweit bekannter Neonazi. Seit fünfeinhalb Jahren serviert er Bier und Burger im Goldenen Löwen, dem einzigen Gasthaus im Dorf. Es liegt gleich hinter der Klostermauer. Claudia Krahnert war noch nicht da. Ihre Vorgängerin, die ehemalige Museumsdirektorin, aber hat sie gewarnt.

"Dass sie mich natürlich informiert hat, was passiert", sagt Claudia Krahnert, "wenn Veranstaltungen hier im Goldenen Löwen stattfinden. Wie sehr auch das Museum beeinträchtigt ist. Kommen Familien hierher? Eher nicht."

Ein Flohmarkt nur für Deutsche

Rückblende: Spätherbst 2019 in Kloster Veßra. Die Dorfstraße, die an der alten Klostermauer entlangführt, ist am frühen Samstagmorgen menschenleer. Ein leichter Nebel steigt aus den Wiesen auf. Im Refektorium, einem Grillimbiss, glüht noch keine Kohle. Auch beim Gebrauchtwagenhandel gegenüber bewegt sich nichts.

Aber aus dem Gasthaus schallt Musik über die Straße. "Screwdriver" – eine britische Neonaziband. Zwei junge Männer schleppen Kartons mit Kleidung und Spielzeug auf die Terrasse. Der Goldene Löwe lädt mal wieder zum Flohmarkt. Motto: "Deutsche helfen Deutschen". 

Frauen, Männer und Kinder stöbern in Kisten mit Sachen und Spielzeug (Grenzgänger / v. Aster)"Deutsche helfen Deutschen": Flohmarkt vor Frencks Gaststätte (Grenzgänger / v. Aster)

Tommy Frenck schiebt einen Kinderwagen auf die Terrasse. Er betreibt den Gasthof: 32 Jahre alt, gedrungen, muskulös, tätowiert, Kinnbärtchen. "Make Germany white again" steht groß auf seinem T-Shirt.

"Wir räumen jetzt gerade alles her", sagt er, "bereiten alles vor, sortieren noch ein bisschen: Babyklamotten, Erwachsenensachen und Spielzeug, dass die Leute das dann auch einfacher haben zu finden. Und ja, ein paar warten ja schon, da müssen wir uns ein bisschen beeilen."

Er geht zurück, hinter die Gaststätte. Dort in der Scheune lagern noch mehr Spenden. Ein wenig abseits warten die ersten Besucher: Mutter, Tochter und Enkel aus dem Nachbarort. Der Vierjährige schläft seelenruhig im Buggy. Das Trio traut sich noch nicht auf die Terrasse. Es ist erst viertel vor zehn. Um zehn soll es offiziell losgehen.

Oma und Tochter erzählen, was sie suchen: "Für den Kleinen vielleicht Spielzeug, ein Auto. Oder Klamotten! Ich glaube, das dritte Mal sind wir hier, es ist immer schön hier. Wir haben auch schon mal einen Lkw und einen Traktor bekommen, Klamotten, Bücher."

Tommy Frenck schleppt den nächsten Karton auf die Terrasse. Vor fünfeinhalb Jahren übernahm er den einzigen Gasthof in Kloster Veßra. Und machte den Goldenen Löwen zu dem Treffpunkt der rechtsextremen Szene in Südthüringen.

Auf einem Bürgersteig stehen Pappkisten gefüllt mit Stofftieren (Grenzgänger / v. Aster)Gaben für Gesinnungsgenossen, Stofftierspenden vor dem Goldenen Löwen (Grenzgänger / v. Aster)

Holocaustleugner, ultrarechte Kampfsportler, NPD-Funktionäre –alle kommen hierher. Essen, Trinken, Konzerte, politische Veranstaltungen, dazu noch ein Versandhandel für rechtsextreme Musik und Bekleidung  – das ist Frencks Geschäftsidee. Regelmäßige Gratisgaben für Gesinnungsgenossen gehören auch dazu.

Neonazis in concert – "Fast ein traumatisches Erlebnis"

Hinter den Klostermauern bittet Uta Bretschneider, die damalige Museumsdirektorin, ihre Gäste Platz zu nehmen. Vor ihren Füßen stolziert ein Hahn, Hühner picken vor einer Leinwand. Gut 20 Museumsbesucher warten auf Klappstühlen vor der alten Scheune. Heute ist "Tag des offenen Denkmals".

Drei Jahre leitete die junge Historikerin das Museum. Auch sie war begeistert von der einmaligen Kulisse und der reichhaltigen Geschichte. Kloster und Kultur auf 6000 Quadratmetern. Zehntausende Museumsfreunde kommen pro Jahr. Einziger Wermutstropfen: Der Museums-Besucherparkplatz liegt direkt vor dem Goldenen Löwen. Und wenn Tommy Frenck zu Veranstaltungen lädt, wird es voll. So wie 2017.

"Das war für uns ein ganz krasses Erlebnis", erinnert sie sich, "weil man uns eben auch informationsmäßig komplett außen vor gelassen hat. Und wir plötzlich hier von Neonazis umzingelt waren, die hier überall in der Ortslage und auf den Wiesen rund ums Museum parkten, das war fast ein traumatisches Erlebnis."

Im Nachbarort Themar veranstaltete Tommy Frenck vor drei Jahren das bis heute größte Neonazikonzert Deutschlands. Die Polizei verhängte großflächig Fahrverbote. Also parkten die Rechtsrockfreunde in Kloster Veßra. 400 Einwohner sahen sich 6000 Neonazis gegenüber. Wieder einmal machte der Ort Schlagzeilen. Bundesweit.

Vor dem Lokal steht eine Polizeiabsperrung, auf der Terrasse stehen einige weibliche und männliche Besucher, die die Absperrung passieren mussten (Grenzgänger / v. Aster)Ordnungshüter im Partyzelt: Einlass zum Konzert gibt es im Herbst 2019 nur nach Leibesvisitation . (Grenzgänger / v. Aster)

"Es gab Hakenkreuze im Gästebuch", sagt Uta Bretschneider, "es gibt immer wieder Übergriffe bei Facebook und Social Media, also das ist schon, das Klima wird rauer, das ist auch merkbar für uns."

Erinnerungsfotos mit dem Ex-NPD-Mitglied

Auf der Terrasse vor dem "Goldenen Löwen" drängen sich gegen elf Uhr mittlerweile mehr als 30 Besucher. Stöbern nach Spielzeug und Kinderkleidung. Vor allem junge Familien sind gekommen, ein paar Omas und Tanten sind auch dabei.

Tommy Frenck posiert mit Gästen für Erinnerungsfotos. Er zeigt auf die andere Straßenseite. Dort steht eine alte Fabrikantenvilla, die hat er Ende 2018 ersteigert. Ein großer Fachwerkbau, zwei Stockwerke, einige Fenster sind eingeschlagen.

"Wir hätten da in verschiedenen Etappen gearbeitet", erklärt er.  "Und zwar hätten wir in der einen Etappe Übernachtungsmöglichkeiten in Kloster Veßra angeboten. In der zweiten Etappe hätten wir Sozialwohnungen errichtet, in dem oberen Teil. Und in dem großen Saal, den sie unten noch sehen können, hätten wir einen Gemeinschaftsfunktionsraum eingerichtet, wo sich mehrere Generationen hätten treffen können."

Hätten, hätte, hätten. Doch passiert ist nichts. Anwohner schlugen Alarm. Das thüringische Innenministerium schaltete sich ein. Und dessen Juristen suchten und fanden einen Verfahrensfehler. Also wird es nichts mit der Villa gegenüber vom Goldenen Löwen. Die Eigentümer sollen nun an einen Interessenten aus Berlin verkauft haben. Auf seiner Internetseite konnte Frenck mal wieder gegen "die da oben" wettern: die Linken, das Establishment, die Gutmenschen. Der 32-Jährige, der früher NPD-Mitglied war, pflegt das Image des Rebellen von rechtsaußen.

"Wir haben ihn alle gewählt"

"Ich finde es toll, dass er hier was auf die Beine stellt", sagt Nicole, "was andere Leute halt nicht machen. Die spotten halt nur über ihn, finde ich halt eine Schweinerei sowas, ja."

Nicole, die ihren Nachnamen nicht nennen möchte, kennt Tommy Frenck noch aus der Schule. Sie war in der Parallelklasse. "Schon damals war er anders", erinnert sich die 32-Jährige. Aber solange sie ihn kennt, war er rechtsaußen. Seinen Heimatort erklärte er zur "befreiten Zone", hängte die Reichskriegsflagge aus dem Fenster. Die freiwillige Feuerwehr lehnte ihn als Mitglied ab, der Gewichtheberverein ebenso. Frenck verlor seinen ersten Ausbildungsplatz, wurde im zweiten Anlauf Koch. Heute ist er Kneipenbesitzer, Versandhändler, Konzertveranstalter. Und Lokalpolitiker. Mit seiner Wählervereinigung "Bündnis Zukunft Hildburghausen" sitzt er im Kreistag. Bei den letzten Wahlen bekam er mehr als 6000 Stimmen.

Nicole, seine ehemalige Schulkameradin, lächelt und nickt: "Wir haben ihn alle gewählt. Ich bin halt froh, dass jemand da ist, der auch auf den Tisch haut und sagt, so geht’s nicht mehr. Und da muss was gemacht werden."

In Uwes Refektorium sind alle Menschen willkommen

Von der anderen Straßenseite, gleich gegenüber vom Goldenen Löwen, weht Grillduft herüber. Mittagstisch im Refektorium. Koch Uwe, auch er möchte nur mit Vornamen erwähnt werden, steht am Holzkohlegrill, wendet Rostbrätl, schneidet Mutzbraten. "Refektorium"- so hießen im Kloster früher Küche und Speisesaal. Bei Uwe ist es ein Imbisswagen mit angeschlossenem Holzkohlengrill. Gekocht wird über offenem Feuer, nach alten Rezepten.

Ein Wirt steht mit Schürze auf dem Gehsteig vor seinem Imbiss. (Grenzgänger / v. Aster)Hier sind alle sind willkommen: Koch Uwe steht vor seinem "Refektorium". (Grenzgänger / v. Aster)

"Wir wussten ja damals noch nicht, wie es läuft", erzählt er. "Selbst ich habe damals gesagt, warten wir erstmal was läuft. Ich gucke mir das erstmal ein Jahr an, bevor ich ein Urteil fälle. Und nach dem Jahr habe ich eigentlich gesehen, das ist nur Schimpfen und Hetzen, auf extrem rechts, also in meinen Augen sind das schon Neonazis. Also wenn ich den Hitler-Geburtstag feiere und den Holocaust leugne bzw. Holocaustleugnern eine Plattform biete, dann bin ich ein Nazi."

Und dem will Uwe etwas entgegensetzen. Als Nachbar. Und auch als Koch. Für ihn eine Frage des guten Geschmacks und der Küchenhoheit in Kloster Veßra. Darum hat Uwe das Refektorium eröffnet und ein Plakat an die Wand getackert, die direkt zum "Goldenen Löwen" zeigt. "Imbiss-Regeln" steht fett oben drüber. Der erste Satz: "Alle Menschen sind willkommen."

"Das sind eigentlich allgemeingültige Regeln der Gastlichkeit", erklärt Uwe. "Alle Gäste sind gleich, Platz ist in der kleinsten Hütte und die schlechte Laune weglassen."

Uwe schneidet noch zwei Scheiben Mutzbraten. Serviert sie mit Kraut und Brot. Auf der anderen Straßenseite liegt die Fabrikantenvilla, die Tommy Frenck ausbauen wollte.

"Er hat ja da drüben als Erstes angefangen und hat die Leute vertrieben, die da drinne sind", erinnert sich Uwe. "Der ist zu dem Vietnamesen gegangen und hat gesagt, er soll seine Koffer packen und weiterflüchten. Der Mann wohnt seit 30 Jahren in dem Haus."

Der gebürtige Vietnamese, der als Vertragsarbeiter in der DDR schuftete, ist mit seiner Familie fortgezogen. Eine Flucht vor Tommy Frenck, das hat einige in dem kleinen Ort wachgerüttelt.

Lars gibt sich einen Ruck und kandidiert

Lars ist einer von ihnen. Auch er möchte es beim Vornamen belassen. Der durchtrainierte 50-Jährige, ein ehemaliger Fallschirmjäger, sitzt mit seiner Frau gerade gemütlich beim Kaffee. Ein Mops schnüffelt schnaufend über die Veranda.

Jeden Tag blicken sie von hier auf den Goldenen Löwen: "Man hat es ja jeden Tag vor Augen. Und man bekommt ja auch mit, wer geht da rein, wer kommt da raus. Da macht man sich schon seine Gedanken."

Seine Gedanken behielt er, wie viele in Kloster Veßra, lange Zeit für sich. Tauschte sie höchstens mit der Familie und Freunden aus. Das änderte sich, als Tommy Frenck versuchte die Fabrikantenvilla zu ersteigern. Und bekannt gab, nicht nur für den Kreistag in Hildburghausen, sondern auch für den Gemeinderat in Kloster Veßra zu kandidieren.

"Dann natürlich auch die Ankündigung, dass Herr Frenck sich da aufstellen lässt", sagt Lars. "Und in dem Moment war einfach klar, dass wir da auch mit in den Gemeinderat müssen."

Neonazikneipe im Ort, Neonazis im Gemeinderat. Da schrillten bei vielen die Alarmglocken. Tommy Frenck trat mit zwei Verbündeten an. Und so erlebte Kloster Veßra erstmals einen politischen Aufbruch. Ein Bürgerbündnis formierte sich. Doch für die Wahlzulassung brauchte es 24 Unterstützerunterschriften. Lars und seine Mitstreiter gingen von Haustür zu Haustür.

"Man kommuniziert wieder mehr miteinander"

"Das war natürlich dann, wenn man mit den Leuten geredet hat, wirklich befreiend", erzählt er, "dass man gesehen hat, dass da eben nicht dieses stillschweigende ‚wir können es ja nicht ändern‘ rüberkam, geschweige denn ‚es ist ja ganz toll, was man da macht‘. Und dass man gesehen hat, man ist nicht die Ausnahme, man ist eigentlich fast die Mehrheit."

Am Ende reichte es für zwei Sitze. Tommy Frenck und seine Unterstützer bekamen einen. Ganz neue Zeiten in Kloster Veßra. Lars nimmt genüsslich noch einen Schluck Kaffee.

"Das hat sich schon geändert", sagt er. "Man kommuniziert wieder mehr miteinander, man hat da einmal den Uwe mit seinem Imbiss, der da auch ein bisschen die Fahne hochhält. Und dann hat man da auch mal die Möglichkeit wieder zusammenzukommen."

Und zu reden. Über das, was passiert, vor der eigenen Haustür.

Die Zeiten sind andere geworden

Ein Wochenende im Goldenen Löwen. Im Spätherbst, in Vor-Corona-Zeiten. Der Gastraum ist voll. Zwei Dutzend Männer und ein paar Frauen drängen sich zwischen Eingang und Tresen. Einige tragen "Division Thüringen"-Shirts, andere "Divison Sachsen". Auch "Bollwerk Oberpfalz" ist zu sehen. In Glasvitrinen präsentiert Tommy Frenck Devotionalien: Militaria- und nationalen Souvenir-Kitsch.

"Wir haben belaserte Schiefertafeln dastehen, belaserte Gläser", sagt er. "Viel Schmuck ist da auch drin, ein paar Modelle, wie der Sturmtiger, der Hetzer, ein paar Stahlhelme, so Sachen, die man halt ausstellen möchte. Und die werden natürlich auch zum Kauf angeboten."

Eigentlich wollte Tommy Frenck heute gar nicht hier sein. Sondern auf einer Wiese im Nachbarörtchen Themar. Dort, wo er 2017 das große NeonazikKonzert veranstaltete mit 6000 Besuchern. Für dieses Wochenende hatte er wieder Kundgebung und Konzert angekündigt: zwei Tage, neun Bands. Motto "Wann Rechtsrock gespielt wird, bestimmen wir und nicht der Innenminister."

"Im Vorfeld leider ist die Überraschungsband weggefallen", sagt er. "Der Hauptakteur von Sturmwehr, der Sänger, der dort Gitarrist ist, ist ausgefallen. Er hat eine Handverletzung und kann nicht spielen."

Und er ist nicht der einzige, der in letzter Minute absagt. Eine regelrechte Verletzungswelle trifft das Rechtsrocklager. Statt neun Bands treten nun zwei Liedermacher auf. Aus zwei Tagen Festival auf der Wiese wird ein Abend Kundgebung mit Musik im Hinterhof vom Goldenen Löwen.

Ordnungsrecht und Einsätze der Polizei

Die Zeiten sind härter geworden für Tommy Frenck. Die Kreisverwaltung von Hildburghausen nutzt alle Möglichkeiten des Ordungsrechts. Bei Konzerten beschlagnahmt die Polizei nun schon mal das Bier, der Kauf der Villa wurde gestoppt.

Und für die Gaststätte Goldener Löwe hat die Kommune ihr Vorkaufsrecht geltend gemacht. Denn trotz Kaufvertrages – bis heute ist Tommy Frenck noch nicht im Grundbuch eingetragen. Derzeit beschäftigt der Fall das Verwaltungsgericht Meiningen.

Tommy Frenck geht in den Hinterhof. Eine kleine Bühne, daran das Banner "Rechtsrockcafe Kloster Veßra", ein Bierstand, einige mobile Toiletten, dazu ein paar Bänke und Tische.

Im Vordergrund steht ein bewaffneter Polizist in Zivil, im Hintergrund stehen weibliche und männliche Neonazis in einem Garten (Grenzgänger / v. Aster)Kontrollierte Kundgebung: Polizeibeamte beobachten im Herbst 2019 Neonazis hinter dem Goldenen Löwen. (Grenzgänger / v. Aster)

"Wir haben Platz für 500 Mann hier", sagt er. "Wir haben hier eine große schwarz-weiß-rote Fahne aufgehangen, hier rechts."

Angemeldet hat er aber nur 100 bis 150 Besucher. Und von denen wird jeder kontrolliert. Die Polizei ist im Großeinsatz. Dutzende Mannschaftswagen stehen auf dem Museumsparkplatz. Rot-weiße Sperrgitter riegeln den Gasthof ab. Dahinter protestieren gut 200 Gegendemonstranten. Zugang zum Konzert gibt es nur nach Leibesvisitation.

Noch ahnt Tommy Frenck nicht, dass dies für lange Zeit sein letztes Konzert sein wird.

Corona bestimmt jetzt den Alltag

Mitte Mai bestimmt das Coronavirus das Leben in dem kleinen Ort Kloster Veßra. Es ist ruhiger geworden: keine Nazikonzerte, keine Gäste im Goldenen Löwen. Der Refektorium-Imbiss hat geöffnet, die Kunden müssen Abstand halten. Das Museum hat gerade wieder geöffnet. Aber noch kommen wenig Besucher, sagt die neue Direktorin Claudia Krahnert.

Tommy Frenck sitzt allein im Goldenen Löwen. Trinkt Kaffee aus einer Tasse mit der Aufschrift "I love NS". Das rote Herz ist verblichen. Für seine Kneipe hat er staatliche Coronahilfe bekommen, sagt er. Für seinen Druck- und Versandhandel allerdings noch nicht. Da laufen die Geschäfte. Zum Beispiel mit den Schutzmasken.

Tommy Frenck stellt das Sortiment vor: "Kleiner Gruß an Greta mit so Stinkefingern drauf, mit Reichsadlern gibt‘s auch welche."

Im Festsaal des Goldenen Löwen stapeln sich Kartons mit Masken, Sweatshirt und CDs in den Regalen. Mit seinen neuesten Angeboten sorgt er wieder für Schlagzeilen: Er verkauft jetzt "Reichsbräu", ein Bier für den ultrarechten Geschmack. Mit Reichsadler und eisernem Kreuz auf dem Etikett.

"Ich habe hier gerade eine Cola stehen, das ist die Reichscola", erklärt er. "Da ist so ein schickes deutsches Mädel drauf mit Zöpfen. Und ein Reichsadler mit eisernem Kreuz."

Mit kalkulierten Provokationen in der rechten Szene abkassieren

Kalkuliert provozieren, immer knapp unter der Strafbarkeitsgrenze. Und in der rechten Szene abkassieren. Diese Strategie funktioniert seit Jahren. Nur mit den Konzerten ist es schwierig geworden

"Jetzt ist bekanntlich Corona, ja, dieses Jahr werden wir wahrscheinlich nichts mehr machen", sagt Tommy Frenck. "Das macht keinen Spaß, wenn man da eine Maske aufhaben muss und Abstand halten. Da ist dann auch der Sinn einer solchen Kundgebung nicht gegeben."

Kundgebung – das Wort wählt Frenck bewusst. Hat er doch die meisten seiner Konzerte als Kundgebungen angemeldet. Da gilt die Versammlungsfreiheit. Und die öffentliche Hand muss den Schutz der Veranstaltung garantieren, während der Veranstalter kassiert. Doch damit ist jetzt erstmal Feierabend.

Ruhigere Zeiten für Kloster Veßra. Und für Tommy Frenck. Der will sich nun auf sein schriftstellerisches Projekt konzentrieren.

"Eigentlich wollte ich mein Buch schon längst weitergeschrieben haben, das habe ich schon angefangen", sagt er. "Und da sind die ganzen Geschichten drin, die ich erlebt habe, dass die Leute mal sehen, wie der Staat gegen mich vorgeht."

"Mein Krampf" – das wäre doch ein Titel, witzeln da einige in Kloster Veßra. Wieder andere sind entsetzt.

"Wir für Thüringen. Kein Ort für Nazis"

Auf der anderen Straßenseite, im Refektorium, steht Uwe am Grill. Auch er hat sein Angebot erweitert. Es gibt neue Tassen. Mit der Aufschrift "Wir für Thüringen. Kein Ort für Nazis".

"Damit wird die Aktion unterstützt: der Verstoß gegen die Versammlungsfreiheit", erklärt er. "Das ist ja mein eigentlicher Ärger, dass der Herr Frenck, das was wir 1989 erkämpft haben, die Demonstrations-, Rede- und Versammlungsfreiheit, missbraucht, um sich die Taschen voll zu machen. Dafür sind wir damals nicht auf die Straße gegangen."

50 Cent pro Kaffee geht an das Bündnis "Kloster Veßra bleibt bunt", und zwar als Prozesskostenhilfe. Die Initiative will auf juristischem Weg erreichen, dass rechtsextreme Konzerte in Zukunft nicht unter dem Vorwand der Meinungs- und Versammlungsfreiheit stattfinden dürfen.

"Reichsbräu" für die rechte Szene, Kaffee für den Widerstand –das alles in einem 400-Seelen-Ort. Geschichten und Geschichte, politisches Dickicht in Kloster Veßra. Da staunt die neue Museumsdirektorin Claudia Krahnert, die erst seit zwei Monaten im Amt ist.

Neuzeit trifft Mittelalter

Auch sie feilt gerade an ihrem Programm. Eine Janosch-Ausstellung konnte verlängert werden. Und auch ein musikalischer Auftakt steht bereits fest: "Banda Internationale", eine Multi-Kulti-Band aus Dresden, soll Mitte Juli im Kloster spielen. Wenn es unter Corona-Bestimmungen Sinn macht.

"Es ist einfach eine ganz lustige Band", erzählt sie. "schon wenn ich an sie denke, habe ich das Gefühl, dass meine Füße anfangen zu wippen und ich gute Laune kriege. Also es geht tatsächlich darum, Offenheit und Vielfältigkeit, das ist das, wofür diese Band steht. Und das ist etwas, wofür wir auch stehen wollen."

Neuzeit trifft Mittelalter. Auf diese Kombination freut sie sich. An ihrem Wunschort in Kloster Veßra, wo es viel zu lernen gibt über das Mittelalter. Für die Neuzeit.

"Dass es auch ein Vielvölkerstaat gewesen ist, das große Heilige Römische Reich, dass man auch da nicht drumherum gekommen ist, einfach Migration und Integration zu pflegen, um auch an der Stelle die wichtigen Ziele zu erreichen", sagt Claudia Krahnert. "Das ist auch das, worauf ich immer versuche hinzuweisen, um den Leuten aus der rechten Ecke den Wind aus den Segeln zu nehmen."

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