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Länderreport | Beitrag vom 15.10.2019

Klimawandel und BildungSchlau gestreikt

Von Anke Petermann

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Schüler auf dem Rathausmarkt in Hamburg malen Plakate mit der Aufschrift "Make Earth Cool Again." (Picture Alliance / dpa / Markus Scholz)
Schüler der Fridays-for-Future-Bewegung malen auf dem Rathausmarkt in Hamburg Transparente und Schilder für den weltweiten Aktionstag am 20. September. (Picture Alliance / dpa / Markus Scholz)

Auch wenn sie freitags in der Schule fehlen: Den meisten Aktivisten von "Fridays for Future" ist Bildung wichtig. Tatsächlich begreifen viele die Bewegung selbst auch als Lernort. Bildet der Kampf gegen den Klimawandel die Schüler weiter?

Die Natur wertzuschätzen hat Luise Doré als Pfadfinderin gelernt. Mit Kindern arbeitete sie dort auch schon. Als 18-Jährige bei Fridays for Future greift sie zurück auf ihre Fähigkeiten, kindgerecht zu erklären. Um die globale Erderwärmung für Zehnjährige fassbar zu machen, zog sie sich gemeinsam mit den Grundschülern im Sommer Winterjacken an. Was sie selbst in der Klimabewegung lernte, resümiert die Mainzer Abiturientin so:

"Man kann sich Wissen aneignen. Das steht meiner Meinung nach aber nicht im Mittelpunkt. Es geht viel mehr darum zu lernen, diese Brücke zum Handeln zu bauen, die Kompetenzen zu erlangen, die man braucht, um sich in einer sozialen Bewegung zu engagieren, wie zum Beispiel Organisation oder Veranstaltungsplanung oder auch Öffentlichkeitsarbeit."

Lernen, die Politik zu hinterfragen

Inklusive Argumentations- und Pressetraining, das die Organisatorin von Protesten absolvierte. Die angehende Psychologie-Studentin weiß jetzt, wie man eine Demo anmeldet. Wenn 1.000 kommen, genießt Luise Doré das Bewusstsein, etwas bewegen zu können. Wenn zwei kommen, trainiert sie ihre Frustrationstoleranz. Und:

"Schüler, Schülerinnen, die auf unsere Demonstrationen kommen, lernen, sich mit Themen auf jeden Fall kritisch auseinanderzusetzen, zu hinterfragen, was gerade vor allem in der Politik passiert, und können sich eine eigene Meinung bilden, können sich vielleicht auch von Mitschülern, die das nicht unterstützen, abgrenzen und sagen, 'ich bin aber überzeugt davon, ich will da trotzdem hingehen'".

Den verdi-Gewerkschafter Manfred Bartl freuen die unbeabsichtigten Nebeneffekte der jugendlichen Klimabewegung:

"Die Schüler haben bei Fridays for Future vor allen Dingen gelernt, dass es um ihre Zukunft geht, dass man etwas für die Zukunft machen muss. Und dass sie mit ihrem Streik ihre Rechte durchsetzen und dann vielleicht auch mit mehr Selbstbewusstsein ins Berufsleben gehen."

Selbstständig Informationen sammeln

Beim globalen Klimastreik Ende September füllte sich an der Uni Mainz ein ganzer Hörsaal mit Hunderten von jungen Interessierten, darunter ein halbes Dutzend Elft- und Zwölftklässler aus der Pfalz, die früh mit dem Zug angereist waren. Schule zu schwänzen, um einem anspruchsvollen Doppelvortrag zweier führender Atmosphärenphysik- und Nachhaltigkeitsforscher zu lauschen – Marie und Katharina, beide 16, begründen das so:

(Marie) "Für mich ist natürlich wichtig, so viel Wissen über die Sache anzusammeln, wie ich kann."

(Katharina) "Wir kommen alle von einer Schule, dem Leininger-Gymnasium in Grünstadt. Ich habe von dem Vortrag erfahren, weil ich in den Ferien bei der Klima-Akademie war. Und dann habe ich das weitergegeben, in meiner Schule haben wir eine Umwelt-AG, und das sind hier einige Mitglieder davon. Es ist kein Schulausflug. Wir haben uns hier alle eigenständig von den Eltern beurlauben lassen."

Marie und Katharina sitzen in einem Vorlesungssaal. (Anke Petermann / Deutschlandradio)Marie und Katharina von der Umwelt-AG des des Leininger-Gymnasiums im pfälzischen Grünstadt reisten mit Mitschülern ihrer Umwelt-AG zur Klima-Vorlesung nach Mainz. (Anke Petermann / Deutschlandradio)

Die Fridays for Future-Aktivisten erschließen sich selbständig verschiedenste Informationsquellen, beobachtet Jannis Graber, Koordinator des Freiwilligen Ökologischen Jahres FÖJ in Rheinland-Pfalz.

"Und dass dann zu vernetzen, das ist die Aufgabe, die Schulen hoffentlich übernehmen können und die andere Bildungsorganisationen sich zur Aufgabe machen können."

"Lehrer müssen damit umgehen, dass freitags Schüler fehlen"

Der "Bund für Umwelt und Naturschutz", kurz BUND, und seine BUNDjugend sind dabei, sagt die rheinland-pfälzische Landeschefin Sabine Yacoub am Rande der Diskussion im Mainzer Gewerkschaftshaus.

"Wir sehen Fridays for Future nicht als Konkurrenz, wir freuen uns unbändig, dass es so viele junge Leute gibt, die sich engagieren. Wir können immer gucken, wo können wir unterstützen. Vielleicht auch, wenn so ein erster Frust kommt, 'warum haben wir noch nichts erreicht. Da ist dann unsere Erfahrung, dass wir einfach sagen können: 'Ja, wir wissen einfach, manchmal dauert's lange, aber dann kann man auch was erreichen' – kann ja für die jungen Leute auch ermutigend sein."

Kinder werden unterschätzt

Luise Doré hat vieles zum Klimawandel selbst recherchiert, Wissenschaftlern an der Uni zugehört, Handreichungen von Nichtregierungsorganisationen gelesen. An Schüler gerichtet, sagt die angehende Studentin:

"Ich denke schon, dass es was bringt, die Lehrer zu fragen, selbst wenn die sich da nochmal ein bisschen reinlesen müssen, ist es, glaube ich, immer noch eine gute Informationsquelle, sich da an das Fachpersonal zu wenden. Und auch Lehrer müssen damit umgehen, dass freitags Schüler fehlen, und da lernen die auch auf jeden Fall draus."

Aus der ehrenamtlichen Jugendarbeit als Pfadfinderin weiß Luise Doré außerdem, "dass man immer unterschätzt, was Kinder mitbekommen und verstehen und womit sie sich auseinandersetzen können. Und das ist auf jeden Fall ausbaufähig in unserem Schulbildungssystem, dass Schüler und Schülerinnen nicht als kleine Kinder betrachtet werden, dass man denen auf der gleichen Ebene begegnet und mit ihnen ins Gespräch kommt, ihnen ganz viel zutraut, weil sie daraus lernen, was sie alles tun können. Auch wenn sie dabei Fehler machen, lernen sie dabei deutlich mehr, als wenn ihnen immer nur was vorgemacht wird. Sie müssen selbst handeln, selbst denken und ihre Meinung bilden und äußern können. Und da muss die Schule noch deutlich mehr dran arbeiten."

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