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Zeitfragen | Beitrag vom 18.05.2021

Kleingärten in der PandemieDie verzweifelte Suche nach dem grünen Paradies

Von Wolf-Sören Treusch

Japanische Kirschbüten in einer Kleingartenanlage in Kiel. (IMAGO/penofoto)
Allein in Berlin sind die Bewerberzahlen für einen Kleingarten von 12.000 vor Corona auf 19.000 gestiegen. (IMAGO/penofoto)

Raus aus der Stadt ins Grüne und bei der Gartenarbeit abschalten. Die Sehnsucht nach dem eigenen Kleingarten war schon vor der Pandemie groß. Mittlerweile ist daraus ein großes Geschäft geworden, die Nachfrage und die Preise steigen.

"Erholung, Frieden und Erdgebundenheit."

Alles das gibt ihr der Kleingarten, sagt Babette Bruhn. Eineinhalb Stunden braucht sie für die Fahrt raus aus der Stadtwohnung rein in die kleine grüne Oase auf dem Land.
 
"Und wenn ich draußen bin und das Gartentor öffne, dann ist es noch mal ein Turbo-Boost, wenn die Vögel mich empfangen und singen, ich habe das meiner Mutter gerade gesagt: Es singt mir die Seele ins Herz. Ich bin sofort zufrieden und glücklich. Sofort."

Erst recht, wenn sie auch noch das tun kann, was sie am Allerliebsten tut.

"Wenn ich in den Garten komme, dann harke ich. Jetzt durfte ich ein paar Wochen nicht harken, weil ich ja frisch eingesät hatte, das war ganz furchtbar, und dann wollte ich auch nicht harken, weil ich den Tierchen nicht das Laub wegnehmen wollte, es war ja noch so kalt, und jetzt darf ich wieder harken, und da freue ich mich schon drauf."

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Babette Bruhn, Anfang 50, Dozentin für Kommunikation und Systemischer Coach Mediatorin, hätte nie geglaubt, einmal einen Kleingarten pachten zu wollen. Berlin bot doch alles, was eine Großstadtpflanze wie sie brauchte. Bis Corona kam.

"Mir ist die Stadt mittlerweile zu hart, und durch Corona ist das Nährende, weswegen ich nach Berlin gekommen bin, auch vertrocknet, ausgestorben. Kunst, Kultur, Essengehen, Begegnungen, was mich sonst nährt, ist ja eingegangen. Wir leben ja im Moment in einer echten Steinwüste."

Mit Corona explodierten die Preise

Als der erste Lockdown endete, begann sie sofort, mit Lebenspartner und Sohn im Teenageralter im Internet nach einem passenden Pachtgrundstück zu suchen. Ohne Erfolg. 

"Wir hatten Grundstücke angeboten bekommen zum Kaufen, also nicht Erbpacht, sondern wirklich zum Kaufen, von denen wir wissen, dass sie 30.000 vor drei Jahren gekostet haben, und sie sind uns für 85 angeboten worden."

Im Winter entdeckte sie "Laupi" eine Vermittlungsagentur für Wochenendhäuser und Gärten. Mit deren Hilfe fand Babette Bruhn dann im Ruppiner Land ihr neues Kleinod. Den Preis dafür will sie nicht nennen, nur so viel verrät sie: Im Monat zahlt sie das, was Freunde von ihr im Jahr an Pacht zahlen für ihr Datschengrundstück.  

"Abstand musste ich auch zahlen, das finde ich allerdings okay, das war das einzige faire Angebot, das wir auf dem Markt gefunden haben, weil dieser Verpächter das alles selbst renoviert hat und schön gemacht hat, wir haben viele Grundstücke getroffen, wo wir Abstand hätten zahlen müssen, wo es über 80.000 für Erbpacht war. Wirklich Absurdistan. Also das ist ungefähr der Markt." 

"Ja, die Nachfrage hat sich verdreifacht nach Gärten, mit unserer Datenbank können wir das bewerten, es ist wirklich dramatisch geworden, aber das Angebot hat sich halt nicht verdreifacht. Denn die Leute bleiben lieber in ihren Gärten, als dass sie sie verkaufen."

Grünes Paradies mit WLAN

Alexandra Stern hat "Laupi" 2012 gegründet. "Laupi" steht für Laubenpieper – manchmal kann die Namensfindung einfach sein. Ihre Agentur makelt Erholungsgrundstücke, Wochenendhäuser, Kleingärten. Zum Kauf oder zur Pacht. Die Sehnsucht der Berlinerinnen und Berliner nach eigenem Grün ist groß. Egal, wie weit der Weg ins Paradies auch sein mag. 

"Anderthalb bis zwei Stunden nimmt der normale Berliner schon in Kauf, nicht unbedingt für den Kleingarten, aber dann natürlich fürs Wochenendgrundstück oder das Eigentumsgrundstück, und gerade jetzt in Homeoffice-Zeiten ist die erste Frage: Wie ist denn das WLAN vor Ort? Und da fahren die Leute auch bis nach Mecklenburg-Vorpommern. Das ist gar kein Problem." 

Dafür hat Alexandra Stern ein anderes Problem. Sie hat nicht genügend Angebote für ihre Kundschaft. Schon ein kurzer Blick auf die Website von "Laupi" verrät: Der Markt ist ausgedünnt. 

"Wenn wir auf ein Grundstück, sage ich mal, 80 Anfragen innerhalb von einem Tag haben, und dann die Besichtigung mit fünf bis zehn Leuten maximal, ist eigentlich schon klar: Einer von denen wird es halt nehmen. Sodass es gar keine zweite Runde mehr geben wird."

Ein Wochenendgrundstück als Geldanlage

Die Laupi-Chefin hat festgestellt: Viele Menschen wollen ein Wochenendgrundstück erwerben, um ihr Geld anzulegen. Selbst unattraktive Grundstücke, die zum Beispiel nicht verkehrsgünstig liegen oder weit weg von einem See, finden ihre Abnehmer. Der Markt gebe es her, sagt Alexandra Stern, auch "Mondpreise" würden verlangt.

"Das erleben wir auch und sind da auch nicht glücklich drüber, die Lage ist einfach gerade für viele Anbieter super, supergut, die sich sagen: ´So, jetzt kann ich meine`, ich sage jetzt wirklich mal, ´Schrottlaube zu Gold machen`. Und stimmt die Lage, funktioniert das auch trotzdem noch. Oder wenn das Potenzial da ist, oder wenn es Eigentumsland ist: Die Leute sind bereit, relativ viel Geld in die Hand zu nehmen. Das merken wir auch."

Auch die Zahlen des Berliner Landesverbandes der Gartenfreunde, das ist die Dachorganisation des Kleingartenwesens in der Hauptstadt, belegen: Immer mehr Menschen wünschen sich einen Garten. Standen vor Corona etwa 12.000 auf den Bewerberlisten, sind es mittlerweile 19.000, so Michael Matthei, der Präsident der Berliner Gartenfreunde. Geschätzte Wartezeit: bis zu zehn Jahre. 

"Wobei wir allerdings auch die Befürchtung haben, dass es nicht der wirkliche Kleingartenwunsch ist, sondern dass einige Bewerber sicherlich das mehr, ich nenne es immer: als Feiergarten gerne hätten, wo dann natürlich der kleingärtnerische Gedanken hinten runterfällt."

Geld unter der Hand für eine Laube

Die wenigen Kleingärten, die in den Vereinskolonien frei werden, sind heiß begehrt. Hier wird die Ablöse – im Gegensatz zum Handel mit den Datschen auf dem freien Markt – in einem offiziellen Wertermittlungsverfahren festgelegt. Laut dem Bundesverband Deutscher Gartenfreunde liegt sie aktuell bei durchschnittlich 3500 Euro. Ein Preis, der ahnen lässt, dass die hohen Ablösesummen, die hier und da auch in Kleingartenvereinen fällig werden, unter der Hand gezahlt werden. Auch wenn Michael Matthei diese Entwicklung relativiert.

"Es gibt natürlich immer mal einen Grauzonenbereich, natürlich wird auch der eine oder andere sagen: ´Hier, guck mal, das ist mein Geldbündel, dreh dich mal um, ich stecke es dir in die Hosentasche.` Aber das ist bei uns eigentlich gar nicht möglich in der Form aufgrund der Abwicklung. Es gehört sich einfach gar nicht, und es verträgt sich auch nicht mit dem Gedanken des Kleingartenwesens."

Babette Bruhn findet die Idee des Schrebergärtnerns in der Großstadt toll. Aber zehn Jahre warten auf einen Kleingarten wollte sie nicht. Also harkt und pflanzt sie nun im Ruppiner Land. Dabei sei es längst an der Zeit, dass Großstädte wie Berlin sich zu "Green Cities" entwickelten. 

"Ich finde, dass durch Corona klar ist, dass wir in nicht lebenswerten Städten leben. Es wird Zeit, meiner Meinung nach, sie umzugestalten."

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