Soziale Ungleichheit

Klassenbewusstsein - ein verstaubter Begriff erlebt eine Renaissance

54:54 Minuten
Illustration: Menschen in Gelbwesten in der Nacht vor schwarzem Hintergrund.
Seit den Protesten der „Gelbwesten“ in Frankreich ist das Bewusstsein für soziale Gegensätze wieder stärker entwickelt. © imago / PantherMedia / U Pixel
Studierende der Universitäten Mainz und Sorbonnne Nouvelle Paris · 10.07.2022
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Wer heute noch oder wieder zur Arbeiterklasse zählt, ist nicht leicht zu bestimmen. Dem Begriff „Klassenbewusstsein“ haftet ein nostalgischer Klang an. Eine Recherche zu sozialer Ungleichheit in Deutschland und Frankreich.
Eine Gruppe von deutsch-französischen Studierenden des Master-Studiengangs „Transnationaler Journalismus“ an der Universität Mainz und der Sorbonne-Nouvelle in Paris haben sich mit der Aktualität der Klassenfrage beschäftigt und in Deutschland und Frankreich in verschiedenen Bereichen recherchiert.
„Gelbwesten“ haben Klassenfrage gestellt
In Frankreich scheint das Bewusstsein für soziale Gegensätze heute (noch oder wieder) stärker entwickelt zu sein als in Deutschland. Spätestens seit den Protesten der „Gelbwesten“ steht das Thema auf der Tagesordnung. Allerdings haben die traditionellen Arbeiterparteien im linken politischen Spektrum bislang nicht von dieser Bewegung profitieren können. Im Gegenteil: Es ist eher den rechten Parteien wie dem „Rassemblement national“ gelungen, die Gelbwesten zu vereinnahmen.
Traditioneller Demo-Ort Place de la Bastille
Dennoch haben in Frankreich von Gewerkschaften organisierte Demonstrationen verstärkt Zulauf. So jedenfalls nehmen es einige der jungen Gesprächspartner wahr, die auf einer lautstarken Demo auf der Place de la Bastille, dem traditionellen Ort für soziale Proteste, anzutreffen waren.

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Diese Sendung ist eine Wiederholung vom 06. März 2022

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