Beschäftigung in Deutschland

Die Arbeitswelt als Klassengesellschaft

09:41 Minuten
Illustration von Repräsentanten verschiedener Branchen, die auf verschieden hohen Geldhaufen stehen. Auf dem höchsten Haufen steht ein Mann im Anzug, auf dem Kleinsten eine Bauarbeiterin.
Unsere diesjährige Denkfabrik steht unter dem Motto "Von der Hand in den Mund" und dreht sich um die ungleiche Arbeitswelt in Deutschland. © Getty Images / Angelina Bambina
Klaus Dörre im Gespräch mit Dieter Kassel · 03.01.2022
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Rekordniveau bei der Zahl der Beschäftigten, gleichzeitig enorme Einkommensunterschiede: Klaus Dörre sieht hier Handlungsbedarf, hat aber wenig Hoffnung auf eine Gegenmacht der Arbeitnehmer. Auch weil die Angst vor Hartz IV die Menschen diszipliniert.
Mit Blick auf die Arbeitswelt ist Deutschland eine Klassengesellschaft, sagt Klaus Dörre, Professor für Arbeits-, Industrie- und Wirtschaftssoziologie an der Universität Jena. „Auf der einen Seite haben wir immer mehr Menschen, die tatsächlich von Lohnarbeit, von abhängiger Arbeit leben. Da haben wir Rekordstände“, betont der Soziologe. „Auf der anderen Seite stellen wir fest, dass wir bei den Vermögen und den Einkommen eine große soziale Unwucht haben.“

Pandemie traf untere Einkommen am härtesten

Bei der Einkommensentwicklung sieht der Soziologe einen langfristigen Trend. So sinke seit vielen Jahren der Anteil, den die untere Hälfte der Lohnabhängigen am zu verteilenden Kuchen hat.
Diese Entwicklung hat sich während Corona offenbar noch verschärft: „Man kann sagen, je weiter unten man in der Lohnpyramide ist, desto größer sind die Einkommenseinbußen während der Pandemie.“

"Von der Hand in den Mund - wenn Arbeit kaum zum Leben reicht": Das ist das Thema der Deutschlandradio-Denkfabrik 2022. Das ganze Jahr über beschäftigen wir uns in Reportagen, Berichten, Diskussionen und Interviews mit der Lage der Arbeitswelt in Deutschland. Die einzelnen Beiträge sind unter Denkfabrik Deutschlandradio nachzuhören und nachzulesen.

Trotz der Zunahme der abhängig Beschäftigten habe aber insgesamt die Zahl der bezahlten Arbeitsstunden nicht zugenommen, sagt Dörre. So sei das Arbeitsvolumen 2018 nicht größer gewesen als 1991:
„Das heißt, wir haben ein sinkendes Arbeitsvolumen pro Lohnabhängigem. Das würde nichts machen, wenn es gleich verteilt wäre. Aber unten in der sozialen Pyramide arbeitet man, auch gemessen an den Wünschen, zu wenig - und oben zu viel.“

Gleiche Arbeit - ungleicher Lohn

Auch was die Qualität der Beschäftigungsverhältnisse angehe, sieht Dörre große Unterschiede. Das betreffe zum Teil sogar die Arbeit im selben Betrieb, wie er am Beispiel der Deutschen Post bzw. DHL deutlich macht:
„Da gibt es drei Großgruppen von Beschäftigten: Die einen haben die alten Besitzstände aus dem früheren Staatsunternehmen. Dann gibt es eine zweite Großgruppe, die macht die gleiche Arbeit, aber es gibt eine Lohndifferenz von 800 Euro und mehr.“
Hinzu komme eine dritte Gruppe von prekär Beschäftigten: Gelegenheitsjobber, Studierende, Arbeitsmigranten. Diese würden für kürzere Beschäftigungszeiträume angeheuert – „mit einer Reichweite bis aus der Ukraine“.

Hartz IV als gesellschaftliches Damoklesschwert

Unter solchen Bedingungen sei es sehr schwierig, seitens der Beschäftigten eine „Gegenmacht“ zu entwickeln, so der Soziologe weiter. Bei den Gewerkschaften sei der Wille zwar da, aber sie hätten noch kein Rezept gefunden, die unterschiedlichen Interessen der jeweiligen Beschäftigtengruppen zusammenzubringen.
Hinzukommt, dass Hartz IV wie ein gesellschaftliches Damoklesschwert über allem schwebt. Nichts fürchte jemand in sicherer Beschäftigung mehr als Hartz IV:
„Hartz IV heißt aus der Sicht der Mehrheitsgesellschaft, einen sozialen Status unterhalb der Respektabilität zu haben. Die Furcht davor diszipliniert auch diejenigen, die noch einigermaßen geschützte Arbeitsverhältnisse haben", sagt Dörre. "Das zu korrigieren, ist ein ganz wichtiger Schritt, um auch die Einkommens- und Lohnungleichheit zu beseitigen.“
(uko)

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