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Fazit / Archiv | Beitrag vom 20.04.2020

Klarinettist David RothenbergTransatlantisches Duett mit der Nachtigall

Von Tobias Wenzel

Der Musiker David Rothenberg spielt seine Klarinette mit geschlossenen Augen während eines Freiluftkonzerts im Brooklyn Botanic Garden in New York am 21. Juni 2017. (imago images / Xinhua / Wang Ying)
Der US-amerikanische Klarinettist und Philosoph David Rothenberg beschreibt in seinem neuen Buch, wie er beim Musizieren mit der Nachtigall vorgeht. (imago images / Xinhua / Wang Ying)

Der US-Musiker David Rothenberg musiziert mit Nachtigallen. Wegen der Coronakrise wurde ein Konzert zur Vorstellung seines neuen Buchs abgesagt. Mit Hilfe unseres Autors und einer Internetverbindung von Berlin nach New York fand es dann doch statt.

Mitternacht im Treptower Park in Berlin. Im Sand liegt mein Laptop. Auf dem Bildschirm ist der Musikologe David Rothenberg zu sehen ist, live zugeschaltet aus New York.

Ein Polizei-Bulli nähert sich im Schritttempo und hält vor mir und der ganzen aufgebauten Technik von Mikrofonen bis Aufnahmegeräten. Rothenberg und ich fürchten: Das war's. Aber nach einer Erklärung für diese seltsam anmutende Aktion lächeln die Polizisten und wünschen uns viel Glück.

New Yorker Klarinettenspiel in einem Berliner Park

Kurz darauf geht los, was wir so lange geplant haben: David Rothenberg spielt live ein Duett mit einer Nachtigall im Gebüsch des Treptower Parks. Mensch und Vogel verbunden über das Internet. Ich beschalle die Nachtigall über einen Lautsprecher mit der Musik des Klarinettisten und schicke ihren Gesang wiederum zu ihm nach New York.

Ich bin nicht mehr nur in der Rolle des von außen beobachtenden Journalisten, sondern wegen der Corona-Folgen selbst Teil dieses Happenings geworden. Jemand, der als verlängerter Arm Rothenbergs eine Woche lang in Parks nach der ersten singenden Nachtigall Berlins in diesem Jahr gefahndet hat. Jemand, der nun als Sendetechniker die Nachtigall in den Sträuchern des Treptower Parks und den von Naturklängen besessenen David Rothenberg in New York zusammenbringt.

Am Tag darauf erzählt er mir, wie er das virtuelle Live-Duett erlebt hat: "Ich habe Aufregung und Melancholie dabei empfunden, wieder, wenn auch aus der Ferne, in Berlin zu sein. Das ist großartig in dieser surrealen Lage, in der sich unser Planet gerade befindet."

Genießt die Nachtigall das Musizieren mit Menschen?

In seinem Buch "Stadt der Nachtigallen" beschreibt Rothenberg, wie er seit 2014 jeden Frühling in Berlin mit Nachtigallen musiziert, auch gemeinsam mit Kollegen. Fragt sich nur, ob die Nachtigallen auch wirklich mit den Menschen musizieren. Vielleicht fühlen sie sich ja sogar belästigt. Woher wissen wir, was Nachtigallen gefällt?

"Wissenschaftler würden da beschreiben, was im Gehirn von Vögeln passiert, wenn sie singen. Dabei wird Dopamin freigesetzt. Sie empfinden dann Glück. Aber ein Musiker sagt: 'Ich spüre eine Verbindung zum Vogel.' Vielleicht hassen Nachtigallen Klarinetten. Einige Menschen sind sauer auf uns, wenn wir mit einer Nachtigall Musik machen. Einmal sind sie aus ihren Wohnungen runter auf die Straße gekommen und haben uns gesagt: 'Diese Nachtigall hat so schön gesungen, bis ihr hier aufgetaucht seid!", erklärt Rothenberg.

Jedenfalls fliegen die Nachtigallen nicht weg, wenn Rothenberg in ihrer Nähe Klarinette spielt. Ihr Repertoire ist so umfangreich, dass er es für möglich hält, dass sie ihren Gesang als Antwort auf seine Musik abändern.

Schließlich gebe es nicht nur wegen des Wildwuchses in Berliner Parks so viele Nachtigallen in dieser Stadt, sondern auch, weil diese Vögel, so Rothenberg, sich mit den Klängen der Stadt messen wollten wie mit einem anderen Nachtigallenmännchen beim Behaupten des eigenen Reviers.

Natur und Mensch perfekt vereint

Mit einem für Rothenberg perfekten Gesang. Perfekt, weil er sich über Millionen von Jahren bewährt hat. Und weil er sich harmonisch in Klanglandschaften einfügt. Rothenberg spricht im Buch vom Sharawaji-Effekt:

"Wenn an einem Ort alles perfekt zueinander passt. Man hört die Vögel auf eine gewisse Art an einem bestimmten Ort singen. Die Lufttemperatur stimmt. Auch der Wind. Man hört in der Ferne ein Geräusch, vielleicht das einer S-Bahn. Natur und Mensch vereint. Ein perfekter unerwarteter Augenblick."

Man muss mit offenen Ohren durch die Welt gehen, um diesen Effekt und auch eine Nachtigall bewusst zu erleben. Der reale Vogel ist nämlich unter seinem Mythos verschüttet.

In den USA gibt es keine Nachtigallen. David Rothenberg hat sie lange nur durch die Literatur gekannt, aus Shakespeares "Romeo und Julia" zum Beispiel: "Es war die Nachtigall und nicht die Lerche".

"Ich dachte also, die Nachtigall singe komplexe Melodien, fast wie bei Beethoven. Als ich dann in den 90ern in Helsinki war, habe ich ein seltsames Geräusch aus den Bäumen gehört. Da habe ich gefragt: 'Was ist das?' Die Antwort: 'Eine Nachtigall.' Und ich: 'Was?! So hört sich eine Nachtigall an? Die klingt ja wie eine seltsames elektronisches Gerät!", erinnert sich Rothenberg.

Sensibilisierung durch das Musizieren mit der Natur

Seitdem versteht David Rothenberg den Gesang der Nachtigall, neben den Lauten von Walfischen, Zikaden und dem Wind, als Musik. Wer das einmal tue, komme der Natur näher, sagt er. Deshalb ist es für ihn so wichtig, auch in diesem Jahr, wenn auch virtuell transatlantisch, mit einer Berliner Nachtigall musiziert zu haben. Trotz oder gerade wegen der Coronakrise:

"Ich behaupte jetzt nicht großspurig: Mit der Natur zu musizieren rettet unseren Planeten. Aber es hilft schon dabei, Menschen für die Schönheit zu sensibilisieren, die uns umgibt. Eine seltsame Zeit, um über alles mögliche nachzudenken, auch über das Musizieren mit Nachtigallen."

David Rothenbergs Buch "Stadt der Nachtigallen. Berlins perfekter Sound", aus dem Englischen von Silvia Morawetz übersetzt, ist bei Rowohlt erschienen, hat 264 Seiten und kostest gebunden 26 Euro und als eBook 24,99 Euro.

In der Nacht von Dienstag, 21.4. auf Mittwoch, 22.4., genau ab Mitternacht, wird Rothenberg erneut mit einer Berliner Nachtigall virtuell Musik machen. Er übertragt das Duett live im Internet, und zwar auf der Facebook-Seite "Nightingales in Berlin" und auf seinem YouTube-Kanal "David Rothenberg".

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