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Lesart | Beitrag vom 30.07.2019

Kirsten Boie zur Leseförderung"Es reicht nicht, Bücher einfach nur hinzulegen"

Moderation: Frank Meyer

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Kirsten Boie im Schloss Bellevue (Getty Images Europe/Sean Gallup)
Schriftstellerin Kirsten Boie (Getty Images Europe/Sean Gallup)

Die Stiftung Lesen will am 20. September eine Million Märchenbücher an Kinder verschenken - zusammen mit Amazon, Hugendubel und Thalia. Kinderbuchautorin Kirsten Boie bezweifelt, dass damit die Kinder erreicht werden, die es nötig hätten.

Frank Meyer: Zum Weltkindertag am 20. September sollen in diesem Jahr Märchenbücher an Kinder verschenkt werden, und zwar eine Million Märchenbücher. Das ist eine Aktion der Stiftung Lesen, und dafür hat sich die Stiftung zusammengetan mit dem Onlineriesen Amazon und mit den beiden großen Buchhandelsketten Thalia und Hugendubel. Die unabhängigen Buchhandlungen, die sind nun sehr verärgert, dass die Stiftung Lesen mit dem großen Konkurrenten Amazon zusammengeht und mit den beiden großen Ketten und dass die Tausenden kleinen Buchhandlungen dabei außen vor bleiben. Wir wollen über das Ganze sprechen mit der bekannten Kinderbuchautorin Kirsten Boie, die sich außerordentlich engagiert bei der Aktion "Jedes Kind muss lesen lernen".

Was halten Sie von dieser Aktion der Stiftung Lesen?

Boie: Ich freue mich grundsätzlich erst mal über alles, was dem Lesenlernen oder auch der Freude am Bücherlesen zuträglich ist, man muss sich aber bei dieser Aktion doch die Frage stellen, ob die das tatsächlich erreichen kann. Wenn wir die Ausgangssituation in Deutschland betrachten, dann haben wir 18,9 Prozent der Zehnjährigen, die nicht lesen können. Die könnten vielleicht die Buchstaben, aber die können hinterher nicht sagen, was im Text steht, die haben den gar nicht verstanden. Und wenn wir jetzt eine Aktion hätten, die dazu beiträgt, dass diese Kinder tatsächlich lesen lernen, dann wäre das ja ganz großartig. Die Stiftung Lesen sagt, Ziel dieser Bücherverteilaktion ist, dass in den Familien vorgelesen werden soll, und wir wissen auch tatsächlich, dass das Vorlesen ganz, ganz wichtig ist dafür, ob Kinder später lesen lernen oder nicht. Es erweitert ihren Sprachschatz ungemein, es stärkt die Konzentrationsfähigkeit, sie kennen die Grundstruktur von Geschichten und so weiter. Also es hilft wirklich, es gibt diverse Untersuchungen, die das bestätigen. Auch das wäre ja wieder schön. Wir wissen aber auch, dass auf alle Fälle 20 Prozent, vielleicht sogar 30 Prozent der Familien ihren Kindern nicht vorlesen.

Manche Eltern wissen nicht, wie relevant Vorlesen ist

Meyer: Warum ist denn diese Aktion, wie Sie sagen, nicht geeignet dafür, dass Familien, vielleicht wenn jetzt so ein Märchenbuch in die Hände kommt, dass sie dann vielleicht darüber zum Vorlesen finden?

Boie: Genau, zunächst mal klingt das ja ganz prima, aber es wäre ja nur dann tatsächlich ganz prima, wenn die Familien, die nicht vorlesen, das deshalb nicht täten, weil sie kein Buch zur Verfügung haben. Das ist aber schwer vorstellbar. Es gibt ja viele Büchereien, da hat man nicht nur ein Buch, sondern sehr viele, altersangemessen, zu verschiedensten Interessen, und es gibt Bibliothekare, die einen beraten können. Die Ursache liegt viel eher darin – auch das weiß man –, dass die meisten dieser Eltern bildungsfern sind, dass sie selbst keine Erfahrung mit dem Lesen haben, dass sie oft noch nicht mal besonders gut lesen können, sich es deshalb nicht zutrauen – was ja im Grunde Quatsch ist. Um einem Kind vorzulesen, muss ich nicht besonders gut lesen können, ein Kind liebt es immer. Aber diese Eltern haben gar nicht den Mut, und sie wissen auch nicht oder vielfach nicht, wie relevant das Vorlesen überhaupt ist.

Zwei Buchausgaben von Grimms Märchen (imago images / Steinach)Zwei Buchausgaben von Grimms Märchen (imago images / Steinach)

Wie kämen diese Eltern jetzt an Bücher? Die schickt man ihnen ja nicht per Post nach Hause, und da hätten sie jetzt dieses Buch, und dann würden sie vielleicht ja doch mal über ihren Schatten springen und vorlesen. Sie müssten dazu in eine Buchhandlung gehen. Nun gibt es aber gerade in eher bildungsfernen Stadtteilen kaum jemals noch Buchhandlungen, selbst wenn die sehr groß sind – ich kann das hier in Hamburg sehr gut sehen. Und wenn es doch Buchhandlungen in diesen Stadtteilen gibt, dann sind es in der Regel kleine inhabergeführte Buchhandlungen …

Meyer: Das heißt, man müsste eher auf diese Buchhandlungen setzen aus Ihrer Sicht?

Boie: Erst mal wäre das sicher hilfreich, aber auch die würden die Eltern ja kaum aufsuchen. Und in irgendwelche anderen Stadtteile oder näher gelegene Städte oder so zu fahren, um sich jetzt ein Gratisbuch abzuholen, das ist doch hoch unwahrscheinlich, dass Eltern das täten, die bisher nicht vorgelesen haben, obwohl sie zum Beispiel in Büchereien die Möglichkeit gehabt hätten, da Bücher zu finden. Das heißt, ich denke, genau diese Eltern werden kaum erreicht werden.

Rechtefreie Märchen kosten kein Honorar

Meyer: Bei anderen solchen Aktionen, zum Beispiel beim Welttag des Buches, da bekommen Kinder ebenfalls Gratisbücher, aber die werden dann in den Schulen verteilt. Wäre das auch für diese Aktion aus Ihrer Sicht besser, damit man tatsächlich an die Kinder rankommt und die Eltern eben nicht diese Schwelle überwinden müssen, in eine Buchhandlung zu gehen, was für sie ein abgelegener Ort ist aus ihrer Wahrnehmung?

Boie: Auch diese Bücher werden ja nicht direkt über die Schulen verteilt, sondern über Buchhandlungen, und die Buchhandlungen geben sie dann an Schulen, machen in dem Zusammenhang auch oft Veranstaltungen. Der Unterschied ist, das Buch zum Welttag des Buches ist in der Regel ein extra für diesen Zweck neu geschriebenes Buch, das sich auch durchaus daran orientiert, was Lesevorlieben und Lesemöglichkeiten von Kindern sind. Das sind häufig sehr spannende Geschichten, die enthalten Comicanteile und so weiter. Dies hier ist ein Märchenbuch, und wenn ich mir vorstelle, ich möchte buchferne Kinder damit erreichen – also ich verteile jetzt über Schulen –, dann stellt sich doch die Frage, ob Märchen das beste Mittel sind bei Kindern, die schon unendlich viel ferngesehen haben, die im Internet unterwegs sind, die Stunden über Stunden gezockt haben. Da hab ich doch meine ganz, ganz großen Zweifel. Und der Grund ist vermutlich eher der, dass Märchen rechtfrei gedruckt werden können, das heißt, es fällt kein Autorenhonorar an.

Projekten fehlen notwendige Mittel

Meyer: Auch wenn die Märchentexte rechtefrei sind, das müssen wir dazusagen, es sollen auch fünf neue Texte mit in diesem Buch enthalten sein, dennoch kann man sich vorstellen, wenn da eine Million Bücher verteilt werden, dass das eine Menge Geld kostet. Wenn Sie sich mal vorstellen, Frau Boie, Sie hätten dieses Geld in die Hand gedrückt bekommen mit der Aufforderung, machen Sie damit mal was zur Leseförderung, was hätten Sie damit gemacht?

Boie: Es gibt diverse großartige Projekte – das ist ja auch genau meine Kritik. Ich denke, wenn es wirklich um Leseförderung gegangen wäre, dann hätten die beteiligten Player die Mittel für wirklich sinnvolle Projekte zur Verfügung stellen können. Es gibt Projekte, die beginnen im Elternhaus, genau bei den Familien, die sonst nicht lesen, also so was wie das Hamburger Projekt Buchstart zum Beispiel, wo über Kinderärzte jedes Kind mit ungefähr einem Jahr bei so einer Vorsorgeuntersuchung ein Buch bekommt, sogar zwei, und der Arzt den Eltern erzählt, das ist toll, wenn ihr das mit euerm Kind macht – euer Kind wird schlauer, ihr habt gemeinsam viel Spaß, euer Kind lernt Sprache und so weiter. Das sind wichtige Projekte.

Ganz wichtig sind aber auch die Kitas, die ja inzwischen von fast allen Kindern besucht werden, auch da gibt es noch ganz viel zu tun. Die müssten mit Büchern ausgestattet werden, aber die Erzieher und Erzieherinnen müssten auch qualifiziert werden: Was mach ich mit diesen Büchern? Es reicht ja nicht, die da einfach nur hinzulegen. Und viele von denen sind auch nicht so leidenschaftliche Leser gewesen in ihrer Kindheit, und heute, wo wir zum großen Glück auch immer mehr Menschen mit Migrationshintergrund als Erzieher und Erzieherinnen haben, die zum Teil aus Kulturen stammen, in denen das eben auch nicht üblich ist, macht es auch Sinn, auch denen so was noch mal zu vermitteln.

All das sind Dinge, die eine Menge kosten. Es gibt dann auch schulbegleitend diverse und ganz, ganz unterschiedliche Projekte. Allen Projekten im Bereich Leseförderung, also zum Beispiel auch für Lesungen in Brennpunktschulen und so weiter, all diesen Projekten fehlen die notwendigen Mittel. Und hier, denke ich, wären sie wirklich sehr, sehr sinnvoll angebracht gewesen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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