Kirchliche Widerstände gegen Blitzableiter

    Ein Misstrauensvotum gegen Gott

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    Blick durch ein regennasses Fenster auf einen Kirchturm, in den gerade der Blitz einschlägt.
    Blitz trifft Gotteshaus: Heute sind Blitzableiter auf Kirchturmspitzen Standard. Vor 250 Jahren stießen sie noch auf Widerstand. © picture alliance / dpa / Jan Bruder
    Von Elmar Krämer · 19.09.2021
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    Bei den Griechen war es einfach. Da schleuderte Gott Zeus die Blitze. Auch viele Christen sahen in Blitzen den Ausdruck himmlischer Macht. Gegen Blitzableiter auf Kirchendächern regte sich Widerstand: Pfuschte man damit nicht Gott ins Handwerk?
    Laut dem Deutschem Wetterdienst gibt es durchschnittlich 20 bis 35 Gewittertage im Jahr, wobei der Süden des Landes häufiger heimgesucht wird als der Norden. Zu einem ordentlichen Gewitter gehören auch Blitze, die unberechenbar vom Himmel zucken und laut Statistiken allein im Jahre 2020 fast 400.000 Mal in Deutschland einschlugen: in die Erde, in Bäume, Wohnhäuser und auch Kirchen. Denn letztere sind nicht selten die höchsten Gebäude, zumindest in kleineren Orten und Städten.
    Doch die Blitze richten heutzutage meist keinen größeren Schaden an – was den Blitzableitern zu verdanken ist, die seit rund 250 Jahren zum Beispiel auf Kirchen in Deutschland Standard sind.

    Frevel und Verschandelung des Kirchturms

    1769 wurde der erste Blitzableiter Deutschlands angebracht - an der Jacobikirche in Hamburg. Treibende Kräfte waren der Arzt und Naturforscher Johann Albert Heinrich Reimarus, der in der "Patriotischen Gesellschaft" zuvor einen Vortrag über Blitzableiter gehalten hatte und Matthias Andreas Mettlerkamp, seines Zeichens Innungsmeister der Bleidecker der Hansestadt. Sie waren überzeugt von dem Nutzen der Erfindung Benjamin Franklins, mussten aber zuerst Überzeugungsarbeit leisten.
    Der evangelische Pastor von St. Jacobi, Christian Samuel Ulber, sah anfangs eher einen Eingriff in die göttliche Macht und zudem eine visuelle Verschandelung des altehrwürdigen Sakralbaus. Er meinte: "Alle Blitze und Schläge hat der Herr abgemessen. Kein einziger fällt anders, als ihn die ewige Vorsicht bestimmt."
    Diese Ansicht teilten etliche seiner Gemeindemitglieder, doch es gab auch Befürworter, sagt Christoph Markschies, evangelischer Theologe, Professor für antikes Christentum und Präsident der Berlin Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften:
    "Kirche ist ja immer, wenn man es sehr vereinfachend sagen will, eine Mischung von Wissenschaft und Laienbeschreibungen von Welt und Naturphänomen. Und die Laien, die nicht antike Texte studiert haben, gingen davon aus, dass der Donner ein himmlisches Zeichen ist, Feuer, der Blitz, der vom Himmel fällt, und haben natürlich das, was vom Himmel fällt, mit Gott verbunden."

    Himmlische Blitzeschleuderer

    Ikonografische Darstellungen zeigen nicht nur den griechischen Göttervater Zeus in martialischer Pose mit einem respekteinflößenden Bündel von Blitzen in der Hand. Auch in der Bibel finden sich Stellen, die Blitze als göttlichen Willen interpretierbar machen. So heißt es in Kapitel neun des Buches Sacharja:
    "Der Herr selbst wird über ihnen erscheinen. Wie der Blitz schießt sein Pfeil dahin. Gott, der Herr, bläst ins Horn, er kommt in den Stürmen des Südens."
    Blick auf das Hamburger Stadtzentrum mit den hoch aufragenden Türmen der Kirchen St. Jacobi und St. Petri.
    Hoch über den Dächern der Stadt: Am Turm der Hamburger Kirche St. Jacobi (links im Bild) wurde 1769 der erste Blitzableiter Deutschlands installiert.© imago / Hoch Zwei Stock / Angerer
    Wetterphänomene als direkter Ausdruck eines göttlichen Willens? Der österreichische Schriftsteller Karl Kraus kommentierte vor etwa 110 Jahren das Anbringen von Blitzableitern an Gotteshäusern mit den Worten: "Ein Blitzableiter auf einem Kirchturm ist das denkbar stärkste Mißtrauensvotum gegen den lieben Gott."

    Warnzeichen Gottes

    Christoph Markschies sieht Kirche auch in diesem Zusammenhang als Querschnitt der Bevölkerung. Auch in Bezug auf die Blitzableiter habe es sowohl vehemente Ablehnung als auch Zuspruch und wissenschaftliche Auseinandersetzung gegeben:
    "Das klassische Modell, das man lange Zeit so dargestellt hat, dass Kirche gegen Blitzableiter war, weil damit Gott ins Handwerk gepfuscht würde, das stimmt nicht. Es gab im 18. Jahrhundert eine sehr einflussreiche theologische Richtung. Die beschäftigte sich mit der Natur und der Einrichtung der Natur. Und die war der Auffassung, Blitze sind eher Warnzeichen Gottes, die Menschen dazu bringen sollen, die Schöpfung der Welt wirklich wahrzunehmen. Also sozusagen ein Menetekel am Himmel.
    Wenn man denkt, der Mensch hat alles zuwege gebracht, dann merkt man, es gibt Dinge, die bringt er nicht zuwege. Also, das ist schon eine Verbindung von Gott und Blitz, aber nicht in dem naiven Sinne, dass Zeus da oben sitzt. Und das haben ja auch Griechen nicht geglaubt, dass Zeus da oben sitzt und sagt: Dem Christoph Markschies auf dem Feld, dem schicken wir mal jetzt mal einen Blitz vor die Nase."
    In einer Vitrine stehen verschiedenförmige Modelle aus Holz und Metall. Eines hat die Form eines Hauses, ein anderes erinnert an einen Kirchturm.
    Modelle und Instrumente, mit denen Benjamin Franklin seine Blitzableiter-Experimente durchführte.© picture alliance / akg-images / Erich Lessing
    Die Schnittstelle zwischen Kirche und Wissenschaft waren nicht selten - so wie in Hamburg in der Diskussion um den ersten Blitzableiter - engagierte Gemeindemitglieder. Doch auch kirchliche Würdenträger widmeten sich der Wissenschaft. Auch in Bezug auf Blitzableiter wurde in Kirchenkreisen geforscht und Benjamin Franklins Erfindung heiß diskutiert.

    Pfarrer als Hobby-Wissenschaftler

    "Es gab einen berühmten Physiker in Frankreich, der Abbé war, der hatte naturwissenschaftliche Einwände", sagt Christoph Markschies. "Es gab im Niedersächsischen einen Pfarrer, der war der Auffassung, Franklin hätte den falschen Blitzableiter konstruiert: Der hat einen Blitzableiter konstruieren wollen, der die Entstehung von Gewittern im Voraus verhindert. Der hat natürlich nicht funktioniert, und insofern war er also nicht gegen Franklin als Theologe, sondern man muss sagen als Hobby-Technik- und Naturwissenschaftler. Das war ja über lange Zeit so, dass Pfarrer, weil die Gemeinden auch relativ klein waren, nebenbei noch Wissenschaft betrieben haben. Also, die Reaktion der Kirche ist ganz unterschiedlich."
    Der Befürchtung, sich durch Blitzableiter dem Willen Gottes entgegenzustellen, begegneten die Befürworter 1769 in Hamburg durch den Verweis darauf, dass der Mensch sich auch durch Dämme gegen Hochwasser schützen würde und zur Bekämpfung von Feuer Wasser und technisches Gerät bereithielte – die Analogie zum Blitzableiter lag für sie auf der Hand.
    Zumal 20 Jahre zuvor, am 10. März 1750, nur zwei Kilometer von St. Jacobi entfernt, der Blitz eingeschlagen war: in den Kirchturm der Nachbarkirche St. Michaelis. Dieser fing Feuer, fiel in sich zusammen, brach durchs Hauptschiff und setzte das Gebäude in Flammen. Die Kirche wurde komplett zerstört. Es dauerte zwölf Jahre bis der zweite "Michel" eingeweiht werden konnte, heute eines der Wahrzeichen der Hansestadt und natürlich mit Blitzableiter versehen.
    Blitzableiter sind übrigens in Deutschland nur bei öffentlichen Gebäuden ab einer Höhe von 20 Metern oder bei besonders exponierten Gebäuden Pflicht. Und dazu zählen natürlich auch die meisten Kirchen.
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