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Deutschlandrundfahrt | Beitrag vom 23.06.2019

Kirchen und der musikalische Widerstand in der DDRUnd Gott bekam den Blues

Von Henryk Gericke und Robert Mießner

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Auf der schwarzweiss Aufnahme ist das Benefizkonzert in der Berliner Erlöserkirche 1988 zu sehen. Eine Sängerin steht vor einer tanzenden Masse aus  jungen Menschen. (imago/epd)
Benefizkonzert in der Berliner Erlöserkirche 1988. Beteiligt waren Liedermacher und Schriftsteller. (imago/epd)

Vor 40 Jahren fand in der Ost-Berliner Samariterkirche die erste Blues-Messe statt – und setzte in der DDR ein lautes Signal. Orte der Andacht wurden zu Räumen der musikalischen Renitenz und des Widerstands.

Dass Gotteshäuser in der DDR Orte der Opposition waren, ist durch deren Friedens- und Umweltschutzarbeit bekannt. Dass sie aber auch dem Blues und später Punkrock eine Heimat gaben, weniger. Am 1. Juni 1979 fand in der Ost-Berliner Samariterkirche die erste Blues-Messe statt – und setzte so in dem stillen Land DDR ein lautes Signal.

Orte der Andacht wurden zu Räumen der musikalischen Renitenz und des Widerstands. Eine unkonventionelle Mischung von Gottesdienst und Konzert, die Hunderte Jugendliche anlockte. Die Deutschlandrundfahrt nimmt das 40-jährige Jubiläum zum Anlass einer Reise nach Berlin, Halle, Jena und Leipzig und besucht damalige Aktivisten. Einer von ihnen ist Dirk Moldt aus Berlin.

Langhaarige Kuttenträger in der Kirche

"Ein paar Klassenkameraden – also ich bin in Pankow groß geworden – die haben gesagt: Mensch, da müssen wir mal hingehen, das ist witzig, und ich dachte, äh, Kirche, so‘n Scheiß! War aber ganz überrascht, weil ich, als ich da reinkam, war die ganze Kirche voll mit irgendwelchen langhaarigen Kuttenträgern – und ich sah damals auch so aus, war so ziemlich der einzige auf weiter Flur, fühlte mich jedenfalls immer so an der Schule, und hatten auch nicht so viele lange Haare. Und das fand ich schon erstmal rein visuell ziemlich cool!", sagt Moldt, heute Historiker, damals Schüler und bald Uhrmacherlehrling in Ost-Berlin.

40 Jahre später kehrt er an einen der Orte seiner Jugend zurück, die Erlöserkirche in Berlin-Rummelsburg. Es ist eine der DDR-Kirchen, die bis in den Herbst 1989 zu einem Treffpunkt renitenter Jugendlicher werden sollte. Dirk Moldt steht vor dem Portal und erinnert sich:

"Also, durch diesen Eingang vorne zur Straße kamen die Leute rein, nicht nur zu den Bluesmessen, sondern auch zu den Friedenswerkstätten, zu den Punkabenden, also Erlöser war eben ne ganz wichtige Kirche, weil sie eben zentrumsnah und gut gelegen war, verkehrstechnisch zu erreichen war und ein großes Freigelände hatte, wo sich auch die Leute drauf verkrümeln konnte, so dass die Bürger auf der Straße eben nicht diese ja Randgruppen und sonstige fürchterlichen Existenzen sehen mussten."

1979: Fluchtversuche und eine neue Mülldeponie

Einige Nachrichten aus dem Jahr 1979: Der sozialistische Schriftsteller Stefan Heym und mit ihm acht andere Autoren werden aus dem Schriftstellerverband der DDR ausgeschlossen.

Zwei Familien aus Pößneck in Thüringen gelingt mit einem Heißluftballon Marke Eigenbau die Flucht in die BRD.

In Schönberg, unweit der deutsch-deutschen Grenze im Norden der DDR, entsteht eine Deponie für "West-Müll" aus der Bundesrepublik Deutschland, die dem besseren System Devisen aus dem abfaulenden Kapitalismus einbringen soll.

In Ost-Berlin wird der Pionierpalast "Ernst Thälmann" eröffnet. Und Klaus Gysi wird neuer Staatssekretär für Kirchenfragen.

Wie sieht es derweil in den Kirchen aus? Dirk Moldt:"Das war, glaub' ich, auch ein Konzept, seit Ende der 70er Jahre, dass man versucht hat, Kirche für junge Leute zu einem attraktiven Freizeitort zu machen. Das war so ein bisschen auch beabsichtigt, weil die Kirche selber ziemlich auf einem Rückzug war. Die waren auch darauf beschränkt, alte Leute zu pflegen, Kindergärten vielleicht noch zu haben, so was, Krankenhäuser zu haben. Aber das Gros der Leute wurde nicht mehr erreicht. Und da hat man dann gesagt: Wir kümmern uns jetzt mal um die Leute, die so am Rand stehen, die randständigen Gruppen. Und der erste, der das durchschritten hat, war Bernd Schröder. Der hatte auch in Pfingst die Räume aufgemacht, die dann 1983 wieder geschlossen wurden, und sein nächster Nachfolger Lorenz Postler, der dann auch die Punkarbeit hier vor Ort weitergeführt hat."

Mockauer Keller – Treff der Untergrund-Jugend 

In Leipzig steht der Musiker Maik Reichenbach nicht etwa in einer Kirche, sondern im Hinterhaus eines Gemeindezentrums im Leipziger Nordosten. Es gehört zur benachbarten Stephanuskirche. Unter dem Saalparkett, auf dem Maik Reichenbach steht, erstreckt sich ein langgezogenes, verwinkeltes Kellergewölbe: der Mockauer Keller. Der Treffpunkt des subkulturellen Milieus der Messestadt, Treffpunkt einer Jugend, die es nicht in die lichte Zukunft, sondern in den Untergrund zog.

Jugendliche feiern im sogenannten Mockauer Keller in Leipzig. (Frank Prager)Im Mockauer Keller in Leipzig. (Frank Prager)

"Unser Mittelpunkt war vorher eigentlich das Stadtzentrum, da spielte sich alles ab, im Sommer waren die Leute auf den Freisitzen: Ratskeller und Auberbachs Keller, Café am Hochhaus war auch direkt in der Stadt irgendwie, und Prager Biertunnel – das waren so die Hotspots. Und da war natürlich auch ne Menge Konfliktpotential irgendwie, weil man uns einfach aus der Stadt haben wollte, ja?

Das war eigentlich auch gang und gäbe, wenn Großveranstaltungen waren, dass man da vorgeladen wurde, Stadt-Verbot bekam, ja, automatisch, auch wenn was in Berlin war, Berlin-Verbot, also das waren so die gängigen Sachen. Und das war von uns nicht bewusst gewählt, jetzt eher an den Stadtrand zu ziehen, sondern wir haben einfach Räume der offenen Arbeit gesucht, weil wir wussten, dass da die Möglichkeiten sind, die wir brauchten."

Wilde Ehe: Kirche und Opposition

Kirche und Opposition, das glich einer wilden Ehe, eine himmlische Hochzeit war es jedenfalls nicht. Im Gegenteil – der Musiker Maik Reichenbach wird deutlich:

"Man schmückt sich heute mit Widerstand, den man in der Kirche gelebt hat. Man muss auch sagen, das hing letztendlich an einer Handvoll cooler Sozialdiakone und Pfarrer, nicht an der Institution an sich. Die haben sich da wirklich bedeckt gehalten – also wenn die mit der Kirchenleitung, mit irgendwelchen Funktionären Stress hatten, dann hatten die das unter sich ausgemacht. Das ist ein Wort, das ich mal geprägt hab, in nem Buch über Bluesmessen – ich hab geschrieben, dass die Kirche nicht die Mutter der Revolution ist, sondern allenfalls ne Leihmutter, und dann auch wider ihrem Willen."

Siegfried Neher ist pensionierter Pfarrer der Christuskirche zu Halle, jemand, der bereits seit den frühen Siebziger Jahren beobachten konnte, welches Vakuum in der DDR-Jugendarbeit durch die Kirche gefüllt wurde.

"Hier ist die Situation noch so wie es damals war. Diese Kirche ist das letzte Mal von Punks gestrichen worden, die haben das hier gemalert. Die waren also nicht nur Besucher, um hier zu spielen, sondern das war ein Stück deren Zuhause."

DDR-weit grassierende Langeweile

Wenn von Subkultur in der DDR berichtet wird, dann ist immer von Repressionen des Staates gegen "seine" Jugend die Rede. Doch von einer Repression, die jeden betraf, wird kaum gesprochen: von der republikweit grassierenden Langeweile. Eine Langeweile unter staatlicher Betreuung und Beobachtung, von der die frühe Ost-Berliner Punkband Planlos in ihrem Song "Schlange" singt. Midtempo-Punk, der fast als Blues-Punk durchgehen könnte: "Ich steh' in der Schlange am Currystand / Ich dreh' mich nicht um, ich hab' Dich erkannt..."

"Das war hier so furchtbar, als wir nach Halle kamen, da haben wir gesagt, wie können wir nur hierher gehen? Wir hatten immer Nebel, man lief immer im Nebel. Ein Drecknest, das können Sie sich nicht vorstellen! Wirklich! Das hat hier gestunken, dann kam hier noch dazu, dass hier der Schlachthof war! Und dann in der Nachkriegszeit sind ganz viele der sogenannten besseren Leute alle nach dem Westen gegangen. Übriggeblieben, als ich hierher kam, waren so um die vierhundert Gemeindeglieder – in der Regel alles Buna- und Leuna-Arbeiter, d.h. zwölf Stunden arbeiten, 24 Stunden frei, zwölf Stunden so war das, das war ganz furchtbar! Wenn Sie heute in die Mittelstraße gehen, ist es ein feines Viertel – damals war das ein Assi-Viertel, aber richtig, da gab’s die Boxschule und da ging die Post ab!"

Jolly, bürgerlich Jörg Zickler, war Aktivist in der Jungen Gemeinde Jena. Er ist heute in der weiterhin bestehenden "Kirche von Unten" in Berlin als Sozialarbeiter beschäftigt. Er sitzt in einem der Gemeinderäume, die, anders als in Halle oder Leipzig, im unmittelbaren Stadtzentrum liegen. Er erinnert sich:

Kasten Bier in die Mitte und Tonträger einlegen

"Die JG Stadtmitte ist, glaub ich, 1970 aufgemacht worden, so einfach ein paar engagierte kirchliche Mitarbeiter, die sagten, die Jugendlichen, die nirgendwo in die Kneipen kommen, die Langhaarigen, müssen einfach wo ihre Musik hören können, sie müssen in Ruhe ihr Bier trinken können, ohne immer gleich von der Vopo belästigt werden zu können. Und so ist das entstanden, einfach Kasten Bier in die Mitte, die Langhaarigen setzten sich hin und legten ihre Tonbänder ein."

Wie geht es ihm heute auf Lokaltermin in Jena?

"Also, ich komm hier rein und merk sofort, boah, ich bin wieder zuhause. Also, das ist nach wie vor so!"

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