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Vollbild | Beitrag vom 27.02.2021

Kinokolumne Top FivePlus, minus, null – Mathematik im Film

Von Hartwig Tegeler

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Filmszene mit Sean Gullette als Maximillian Cohen im Film "Pi" von Darren Aronofsky (1998).  (IMAGO / Mary Evans Archive)
Max, der Protagonist aus Darren Aronofskys Film "Pi", ist sich sicher: "Mathematik ist die Sprache der Natur. Zweitens, alles um uns herum lässt sich durch Zahlen wiedergeben und verstehen." (IMAGO / Mary Evans Archive)

60, 50, 35 oder niedriger – Inzidenzwert und Lockdownstrategie hängen derzeit eng zusammen. Virologie und Mathematik scheinen unser Leben zu bestimmen. Im Kino eröffneten uns geniale Mathematikerinnen und Mathematiker schon häufiger ganz neue Welten.

Platz 5 – "A Beautiful Mind" von Ron Howard (2001)

Arroganz ist schon seine Profession, neben seiner Brillianz. Und dieser Ruf eilt John Nash 1937 an die Uni von Princeton voraus, nicht nur der des Genies, der Verschrobenheit. Das Credo eines Mitstudenten, der sich als imaginierter Freund erweisen wird: "Vielleicht kannst du mit den guten alten Zahlen besser umgehen als mit Menschen." Nashs Schizophrenie gaukelt ihm außerdem vor, er arbeite als US-Geheimagent, um mit seinem mathematischen Können die Codes der russischen Spione zu knacken. Die Karriere: Zusammenbruch, geschlossene Psychiatrie, Genesung. Vor dem endgültigen Verlust der Realität rettet – in schöner Biopic-Rührseligkeit – Nashs Frau Alicia (Jennifer Connelly) ihren Mann (Russell Crowe), wenn sie ihn mit den Worten "Weißt du, was real ist?" inklusive sanfter Berührung quasi aus der Welt der Zahlen wieder herausführt ins Diesseits.

Platz 4 – "The Accountant" von Gavin O´Connor (2016)

Der "accountant", der Buchhalter, ist Autist und Mathematik-Genie. Ein wunderbares Bild für das exotisch fremde, aber faszinierende Labyrinth seines Geistes sind die gigantischen Zahlenskulpturen, die Christian an die Fenster, Türen und Wände des Besprechungsraums schreibt, um in einer Nacht die Finanzunterlagen des Robotik-Konzerns zu analysieren, wofür die firmeninterne Buchhalterin Dana Woche um Woche brauchte. Dass dieser Mann auch ein brillanter Scharfschütze und Martial-Arts-Fighter ist, das sei dem Action-Genre geschuldet. Aber hinter der unbeweglichen Mimik von Ben Affleck ist ein Wesen zu spüren, das mit Zahlen besser kommunizieren kann als mit Menschen, diese Welt aber mit seiner Intelligenz gnadenlos manipuliert. Rechnen ist für Christian ein ungeheuer befriedigender Act. Jahre vorher war sein Pseudonym: "Da hieß er noch Carl Gauß!" Eine Verbeugung vor dem historischen Mathematiker.

Platz 3 - "Die Vermessung der Welt" von Detlev Buck (2012)

Bei Buck ist Carl Friedrich Gauß – 1777 geboren, 1855 gestorben – wie der Naturforscher Alexander von Humboldt einer der großen Wissbegierigen seiner Zeit. Im Gegensatz zu Humboldt erfasst Gauß die Welt mit seinen Formeln lieber von zu Hause aus. Und zu der gehören – so Mathematiker und Stubenhocker Gauß: "A priori, vor allen Dingen eine Mütze. Wärmend, gegen den Schmerz der Ohren. Natürlich braucht er das: Haus, Frau, Mütze. Wie soll er das denn sonst aushalten." Eigenheiten neigen dazu, beim Film-Mathematiker immer wieder gerne ins Seltsame oder Neurotische abzugleiten. Solch Verschrobenheit können sich diese genialen Rechnerinnen in den USA zur Zeit der Bürgerrechtsbewegung allerdings nicht leisten.

Platz 2 – "Hidden Figures – Unbekannten Heldinnen" von Theodore Melfi (2016)

Drei afroamerikanische Mathematikerinnen führen mitten in den 1960er-Jahren untergeordnete Rechen-Dienstleistungen bei der NASA aus. Zur Toilette und zurück brauchen sie 45 Minuten, weil sie die der weißen Kollegen nicht benutzen dürfen. Selbige aber können Katherine nicht das Wasser reichen, wenn sie die Bahnen für einen Flug ins All berechnet, etwas, woran ihre weißen Kollegen, die mit dem eigenen Klo direkt vor ihrem Büro, seit Monaten scheitern. "Hidden Figures" gönnt uns mit seinen Mathematik-Heldinnen die Hoffnung, dass Bildung, Wissen und Begabung Waffen gegen Rassismus und Diskriminierung sein könnten, und ja, die NASA schaffte es, auch durch die Rechenkompetenz dieser Frauen im Hintergrund, Menschen zum Mond zu fliegen. Aber "Black Lives Matter" mehr als 50 Jahre später war trotzdem nötig.

Platz 1 – "Pi" von Darren Aronofsky (1998)

Was aber, wenn der Schlüssel zum Universum… also, Max ist sich sicher: "Mathematik ist die Sprache der Natur. Zweitens, alles um uns herum lässt sich durch Zahlen wiedergeben und verstehen." Also wäre das Verständnis der 216-stelligen Zahl, auf die Max, ein weiteres Mathematik-Genie, auf der Suche nach Mustern im Kosmos der Daten des globalen Aktienmarktes stößt, wäre das der Weg, das Ganze zu verstehen. Max ist paranoid, er hat rasende Kopfschmerzen, träumt, halluziniert… Hat Max mit seinem Verständnis für die Geheimnisse der Zahlen, für ihre vorgebliche Macht die Realität schon transzendiert? Und denken nur wir, die wir nicht so rechnen können, er hat sie nicht alle beisammen? Man sollte sich nie erheben über die, die das tun, was man selber ganz offensichtlich nicht versteht. Fünf, vier, drei, zwei, eins.

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