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Vollbild | Beitrag vom 17.06.2017

Kinokolumne "Top Five"Die besten französischen Komödien

Von Hartwig Tegeler

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Jacques Tati als Monsieur Hulot (imago stock&people)
Gehört auf jede Bestenliste mit französischen Filmen: Jacques Tatit als Monsieur Hulot (imago stock&people)

Seit den "Ziemlich besten Freunden" sind französische Komödien Dauerbrenner im Kino - wobei sich die Klischees mittlerweile ziemlich häufen. Wir erinnern mit einer Bestenliste an die Glanzzeiten der französischen Komödie - als sie noch anarchisch, originell und außergewöhnlich war.

Platz 5 -  "Paulette" von Jérôme Enrico (2013)

Paulette - gespielt von Bernadette Lafont, die bei Truffaut, Chabrol oder Louis Malle spielte - als alte Witwe in der Trabanten-Vorstadt. Sie hat nur Mindestrente, während diverse Jugendliche im Viertel dealen. Paulettes Plan: unverdächtig wegen ihres Alters Straßendealerin zu werden. Funktioniert. Zumindest eine Weile. Jérôme Enricos Film "Paulette" ist bitterböse wie komisch. Und das märchenhafte Happyend wirkt eher so, als habe eine gerade noch mal eben den Hals aus der Schlinge gezogen. Doch der Geschmack von böser, sehr böser französischer Gegenwarts-Realität, insbesondere der der Banlieues, den wird man bei dieser Komödie nicht los. Und das gehört sich unbedingt so. Das Leben wirkt trotz Lachen in "Paulette" alles andere als leicht.

Platz 4 -  "Brust oder Keule" von Claude Zidi (1976)

Die beiden französischen Komiker Louis de Funès und Coluche als Vater und Sohn im Gewerbe der Gourmet-Kritiker. Doch in dieser Funès-Komödie verbirgt sich eine böse Abrechnung mit einem französischen Ur-Mythos, dem von der "besten aller Küchen". Slapstick, wunderbares Timing und pointierte Situationen im Film schwimmen auf einer feinen, manchmal derben Energie von Anarchie, die einzig dem Zweck dient, uns eine absurde Welt vorzuführen.

Platz 3 - "Micmas - Uns gehört Paris" von Jean-Pierre Jeunet (2009)

Eine wunderbar komischer Comicfilm mit Realfiguren. Es ist nicht erstaunlich, dass Filmemacher Jeunet Bewunderer der Filme von Pixar oder der Comic-Meisterwerke von Tex Avery ist. Die Truppe da unten, in diesem Universum aus Schrott-Gegenständen, unten in Paris, einer von ihnen Komödien-Star Dany Boon, begibt sich auf einen Rachefeldzug gegen Waffenproduzenten. "Toy Story" gemixt mit "Schneewittchen und die sieben Zwerge". Alles scheint in einer Welt der realen Gegenstände zu spielen und ist doch weit weg von dieser Realität, ohne sie und ihre Probleme wirklich zu verlassen. "Micmas - Uns gehört Paris": ein wahrhaftig fantastischer Film. Jean-Pierre Jeunet bietet das, war wir im Kino immer wieder suchen: den eigenen Ton, den eigenen Blick auf die Welt. Komödie und Kinopoesie Hand in Hand. Gemäß Ernst Lubitschs Satz aus "Sein oder Nichtsein": "Einen Lacher soll man nie verachten, Herr Dobos."

Platz 2 - "Die Ausgebufften" von Betrand Blier (1974)

Jean-Claude und Pierrot - Gérard Depardieu und Patrick Dewaere - klauen aus Protest gegen die bürgerliche Gesellschaft. Und die Kleinkriminellen respektive Rebellen teilen sich auch die Frauen, wie Miou-Miou. Eine Komödie über Außenseiter, schmutzig, sexy, witzig, schräge, tabulos. Rotzfrech. In einer Zeit gedreht, als Geschichten über "ziemlich beste Freunde" noch nicht mit ausgeleierten Drehbuchklischees eine gute Welt herbei inszenierten, sondern die in ihrem Chaos beließ und daraus die Film-Lust schöpfte.

Platz 1 - "Die Ferien des Monsieur Hulot" von Jacques Tati (1953)

Die Komödie als Metapher über die Absurdität des Seins. Monsieur Hulot macht Ferien in einem kleinen Badeort in der Bretagne. Beim Schwimmen, beim Tennis, beim Kartenspiel und beim Essen wird der verzweifelte Versuch des Menschen offensichtlich, über den Alltag, auch den des Urlaubs, Herr zu werden, allerdings in dem Bewusstsein, dass es keine, aber auch nicht die geringste Chance gibt, dass diese Herrschaft gelingt. Die Dinge, mithin, sie laufen aus dem Ruder. Es sei denn, man hat einen Aufschlag beim Tennis wie Monsieur Hulot. Da haben der Ball, der Gegner wie die Gravitationskräfte a priori ausgespielt. Die Amerikaner haben Charlie Chaplin und Groucho Marx, die Briten Monty Python und die Franzosen den existentialistischen Komödienkosmos des Jacques Tati. Ecce homo - seht, das ist der Mensch. Sichtbar wird er in der Tragödie oder, wie hier, auch in der Komödie.

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