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Vollbild | Beitrag vom 08.08.2020

Kinofilm "Kokon"Jung sein im Kreuzberger Sommer

Leonie Krippendorff im Gespräch mit Patrick Wellinski

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Im Still aus "Kokon" schauen sich Jella Haase und Lena Urzendowsky verliebt an. (Salzgeber)
In "Kokon" erlebt die 14jährige Nora (links: Lena Urzendowsky) ihre erste Periode und verliebt sich in ein Mädchen (rechts: Jella Haase) aus ihrer Schule. (Salzgeber)

In Leonie Krippendorffs Coming-of-Age-Film "Kokon" verliebt sich die 14jährige Nora aus Kreuzberg in ein Mädchen aus ihrer Schule. Der Berliner Sommer wirkt in dem Film wie aus einer anderen Zeit, eben vor Corona.

Patrick Wellinski: Wer sich an diesen Corona-Sommer mit seinen neuen Regeln und Auflagen nicht gewöhnen kann, dem sei der Kinofilm "Kokon" empfohlen, denn diese Geschichte bringt uns den Sommer wieder, und zwar so wie den meisten ihn kennen. 

Es ist heiß in Berlin-Kreuzberg. Die 14 Jahre alte Nora wächst im Kiez um das Kottbusser Tor auf. Ihre Schwester und ihre Freundinnen sind ihre nächsten Bezugspersonen, doch dann taucht ein neues Mädchen in der Schule auf – und für Nora ändert sich alles. Wenn ich mir diesen Sommer ansehe, den Sie eingefangen haben mit Menschen, die aufeinanderhocken, eng ist es und heiß – das ist eine Sommergeschichte wie aus einer anderen Zeit, oder?

Leonie Krippendorff: Absolut. Es ist ein total körperlicher Film, wo die Hitze und der Schweiß und ganz nah beieinander sein in dieser Hitze einen ganz großen Raum einnimmt. Das ist ein komplett anderer Sommer jetzt.

Wellinski: Diese Coming-of-Age-Geschichte, die in gewisser Hinsicht auch eine Coming-out-Geschichte ist, wie haben Sie die konzipiert?

Porträt von Leonie Krippendorff. (Salzgeber)Die Filmregisseurin Leonie Krippendorff ist selber in Berlin aufgewachsen, zeigt aber in ihrem Film "Kokon" eine ganz andere Jugend in einer veränderten Stadt. (Salzgeber)

Krippendorff: Der Ursprung lag eigentlich in genau dieser Körperlichkeit, die ich gerade beschrieben habe. Ich wollte gern einen Coming-of-Age-Film machen, eine Geschichte erzählen von einem Mädchen und der Transformation ihres Körpers, der ein bisschen realistischer ist, weil mir aufgefallen ist, dass vor allen Dingen das Thema, dass sie ihre Periode bekommt, das es in fast jedem Coming-of-Age-Film gibt, aber meistens ist ein bisschen so Seitengeschichte, die sehr ästhetisch mit so einem kleinen Fleckchen im Slip dargestellt wird, und das ist überhaupt nicht so, wie sich das anfühlt. Das war eigentlich der Ausgangspunkt von der Geschichte.

Die Raupe als Metapher

Wellinski: Nora ist die Hauptfigur, das ist ein recht introvertiertes Mädchen, so wie wir sie zunächst kennenlernen in dem Film. Ihr einziges Hobby ist die Raupenzucht – ein sehr symbolisches Hobby?

Krippendorff: Tatsächlich ist mir diese große Metapher überhaupt nicht so richtig aufgefallen am Anfang, als ich angefangen habe zu schreiben, es ist eher was Autobiografisches. Ich bin in einer WG aufgewachsen, wo einer unserer Mitbewohner eben genau so eine Raupenzucht hatte. Das gehörte für mich damals zu dieser Zeit des Aufwachsens, das war irgendwie auch so eine Verbindung in der Großstadt zur Natur.

Wir sind dann irgendwie immer in den Tiergarten und haben dann seine Schmetterlinge gesucht und uns eingebildet, wir hätten sie irgendwo gesehen und so. Daher kommt das eigentlich.Dass diese Metapher in dieser Verwandlungsgeschichte des Mädchens so groß geworden ist, ist mir gar nicht aufgefallen. Ich hatte in der Stoffentwicklung Angst davor, dass das zu groß ist, und es gab  auch mal eine lange Diskussion, ob ich das ganz weglasse. Trotzdem hab ich es so liebgewonnen, dass ich es drin behalten habe und hoffe, dass eben diese Emotionalität, die Metapher nicht so groß ist, weil man sie gut fühlen kann.

Im Still aus "Kokon" sitzen drei Mädchen im Sommer auf einem Dach in Berlin-Kreuzberg. (Salzgeber)Der flirrende Kreuzberger Sommer bestimmt die Atmosphäre des Jugendfilms "Kokon". (Salzgeber)

Wellinski: Sie werfen uns mit Nora direkt so hinein in diesen Mikrokosmos am Kottbusser Tor. Ist es auch Ihr Mikrokosmos, denn Sie bewegen sich so selbstbewusst zwischen diesen Straßen und Mietshäusern?

Krippendorff: Ich bin Berlinerin und zwar nicht direkt am Kottbusser Tor aufgewachsen, aber ich bin quasi im Prinzenwald aufgewachsen. Das ist alles eine Gegend, die ich gut kenne. Das kam sogar relativ spät im Prozess des Drehbuchschreibens dazu, weil ich zuerst alles auf das Land hingeschrieben hatte, aus einer Faszination für das Aufwachsen auf dem Land heraus, was ich  nicht kenne, und dann ziemlich doll in Klischees gefallen bin. Deswegen habe ich die Geschichte in eine Welt verlegt, die ich sehr gut kenne. 

Eine Jugend in Berlin 

Wellinski: Ist denn Berlin ein einfacher Ort zum Aufwachsen?

Krippendorff: Es kann ein sehr freier energetischer sein. Ich höre immer von meinen Freunden, die nicht in Berlin aufgewachsen sind, dass sie sich nicht vorstellen können, dass eine Kindheit in Berlin auch eine schöne Kindheit sein kann. Für mich war das sehr so. Gerade diese Diversität und die Vielfalt, die am Kotti starker Protagonist unseres Films ist, das gibt natürlich ganz viel im Aufwachsen, weil man mit einer ganz anderen Selbstverständlichkeit aufwächst.

Wellinski: Ist das so selbstverständlich für Nora?

Krippendorff: Für Nora ist das sehr selbstverständlich. Nora ist in dieser sehr diversen, aber auch sehr toughen Umgebung des Kottis eben ein Gegenentwurf einer Heldin, die man normalerweise kennt. Weil in so einer Welt auch stille Charaktere aufwachsen und so ihre ganz eigenen Überlebensstrategien haben. Ich wollte gerne erzählen, dass jemand, der sehr introvertiert und still ist, in dieser Welt auch irgendwie klarkommen muss und eben die eigenen Methoden findet.

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Wellinski: Es ist eine andere Generation, die Sie beschreiben, die hier aufwächst. Jede Generation wächst anders auf und hat andere Vorteile, Nachteile, Freiheiten. Wie schwer war es für Sie mit anderen Codes, mit anderen Ängsten vielleicht oder zumindest mit anders gelagerten Ängsten? 

Krippendorff: Ich habe viel noch mal verändert in meiner Recherche, vor allen Dingen während des Castings. Wir haben ein großes Streetcasting gemacht, wo ich viel mit den Jugendlichen geredet habe. Ich hatte das Gefühl, dass da viel Überraschung für mich drinstecken kann, weil ich in Berlin aufgewachsen bin, als das noch eine ganze andere Stadt war. Die Mauer war noch nicht so lange gefallen, es hat sich alles viel kleiner angefühlt, nicht so international. Ich war eigentlich sehr interessiert daran, wie das Aufwachsen jetzt in dieser ganz anderen Stadt ist, habe aber schnell gemerkt, dass diese Pubertät, dieser Schulalltag und die Welt, in der man lebt, total limitiert istz. Und dass die sich auch nur in fünf Straßen täglich fortbewegen und sehr in ihrem Kiez bleiben, und dieses große Gefühl von Berlin noch gar nicht so da ist, wenn man in diesen Schulstrukturen ist.

Das fand ich am Kotti besonders schön, dass es architektonisch diese Rundung ist als Metapher für die Jugend, in der sich Nora befindet und wo sie eine Begrenzung hat, wo sie eigentlich schon darüber hinausgucken kann. Deswegen haben wir viele Bilder, wo sie in den Himmel guckt oder wo sie auf Balkonen ganz hoch über der Stadt ist. Das heißt, da draußen ist so die Welt, und sie befindet sich aber noch in diesem Kosmos, wo sie noch gefangen ist in dem Kottbusser Tor.

Die Bedeutung der digitalen Welt 

Wellinski: Gefangen auch in Ihrem Körper, das ist zunächst das Nächste an einem Teenager, das ist das, was einen vielleicht auch am meisten beschäftigt. Nicht die große, weite Welt, sondern das, was in mir drin gerade passiert. Die Körperlichkeit war auch ein gewisser Ausgangspunkt für diesen Film. Es geht bei den Gesprächen zwischen Nora und ihrer Schwester und ihren Freundinnen viel um Styling, um Aussehen, vor allem um unrealistische Vorbilder, die aus der Welt des Internets auf sie aufprasseln. Welche Rolle spielt so eine digitale Welt für ein junges Mädchen wie Nora?

Krippendorff: Eine sehr große. Da musste ich meine autografischen Erinnerungen zur Pubertät total angleichen mit einer Generation, die eben mit Social Media aufwächst und unter einem ganz anderen Druck steht - positiv und negativ. Es ist auch eine lesbische Liebesgeschichte, die ich erzähle. Jugendliche, die eben queer sind, bisexuell sind, lesbisch, schwul, sich ganz anders konnekten können und viel weniger alleine fühlen. Das sind auch sehr viele total positive Aspekte, mit Social Media aufzuwachsen. Trotzdem gibt es einen großen Druck, viele Schönheitsideale, als ich mich daran erinnere.

Laiendarsteller und Profis 

Wellinski: Sie arbeiten mit jungen Menschen, die dieses Gefühl selber kennen, weil sie sie leben. Wie viel müssen Sie da als Regisseurin vorgeben, weil Sie wollen etwas erreichen mit Ihrem Film, Sie wollen ja inszenieren. Wie anstrengend war der Arbeitsprozess, was mussten Sie vorgeben, was kam von den Jugendlichen oder den jungen Darstellern selber?

Krippendorff: Wir hatten schon junge, sehr erfahrene Darsteller und eben gleichaltrige Darstellerinnen, die noch keine Erfahrung hatten. Wir haben sehr viel geprobt, um die auf eine Spielweise zu bekommen. Mir war das total wichtig, dass die sich authentisch in der Szene bewegen können. Sie hatten ganz klar ihre Rollen. Es hat einen dokumentarischen Ansatz dadurch, dass die dort in dieser Welt aufgewachsen sind, teilweise in diesem Haus auch wohnen. Trotzdem haben sie Rollen, das war mir sehr wichtig, dass die sich immer auf die Sicherheit ihrer Rolle verlassen können und nicht das Gefühl haben, sie müssen persönlich zu viel geben.

Trotzdem konnten sie sich durch ihre Lebenserfahrung dort und in dieser Generation in dem Schutzraum ihrer Rollen bewegen in der Improvisation. Das war nicht schwer, sondern es hat mir unheimlich Spaß gemacht, weil ich das Gefühl hatte, das Filmemachen wird dann so schön, wenn man so etwas wie eine These hat und eine Szene schreibt, die dann erst lebendig wird dadurch, dass andere Menschen aus diesem Kosmos sich das so aneignen und sich darin bewegen können.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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