Kindliche Welterfahrung

Salman Ansari kritisiert schulische Konzepte im Kindergarten. © AP
17.07.2013
Kinder erhalten in der Schule Antworten auf Fragen, die sie nie gestellt haben und verlieren so die Lust, sagt Salman Ansari. Besonders die Verschulung des Kindergartens lehnt der Autor von "Rettet die Neugier!" ab. Vier- und Fünfjährige sollen selber entscheiden, wo es langgeht.
Katharina läuft in jeder Pause auf den Schulhof und sieht einem älteren Jungen beim Jonglieren zu. Bald beginnt sie selbst zu üben, stundenlang jeden Tag. "Das macht mir Spaß", erklärt sie ernsthaft und glücklich. Seufzend kommentiert die Klassenlehrerin: Wenn Katharina im Unterricht doch auch nur so geduldig wäre.

Eine kleine Geschichte aus dem neuen Buch von Salman Ansari "Rettet die Neugier!" und eine schmerzhafte Beobachtung: Spielende Kinder aller sozialen Schichten, jeder kulturellen Herkunft legen ein Maß an Konzentration, Ausdauer, Frustrationstoleranz und Lernbereitschaft an den Tag, das Erwachsene vor Neid erblassen lassen müsste. Dieselben Kinder zeigen sich schon nach kurzer Schulzeit frustriert oder verunsichert, halten das Lernen für öden Zwang und fiebern den Ferien entgegen. Wie kann das sein? Und vor allem: Wie könnte es anders sein? Diesen Fragen geht das Buch in zehn Kapiteln auf den Grund.

Kinder erhalten fortwährend Antworten auf Fragen, die sie niemals gestellt haben - und darum verstummen sie eines Tages, so analysiert der Autor. Vor allem die Ausweitung schulischer Bildungsideen auf die Kindergartenpädagogik ist ihm ein Dorn im Auge. Denn Kinder bräuchten kein vorgefertigtes Wissen, sondern Erfahrungsräume. Wie das aussehen könnte, lotet der Autor bei eigenen Kita-Projekten aus. In seinem Buch zeichnet er viele Dialoge und Gruppengespräche nach, die er mit Vier- und Fünfjährigen führt. Luft, Wasser, Wachstum, schwer und leicht, groß und klein lauten die Themen. Wo es lang geht, entscheiden die Kinder.

Nicht-Methode zur Horizonterweiterung
Spannend liest sich, wie viel Horizonterweiterung Salman Ansari mit seiner Nicht-Methode katalysiert, die schlicht darin besteht, die Kinder und ihre Kompetenzen in einer Weise ernst zu nehmen, wie man sie selten erlebt. Fünfjährige beispielsweise sind fast immer der Meinung, dass sich in einem Zimmer keine Luft befindet. Anstatt sie eines Besseren zu belehren, lauscht der Pädagoge ihren Argumenten. "Wenn die Fenster zu sind, kann doch keine Luft reinkommen", erklären sie dann, oder: "Nur wenn man Wind spürt, gibt es auch Luft". Doch schon tun sich Widersprüche auf, Diskussionen entstehen, die Kinder fangen an, Luftballons aufzublasen, Fesselballons zu malen, Papierbälle über Tische zu pusten. Vielleicht hält ihr Wissen über die Luft am Ende noch immer keinem PISA-Test stand. Aber sie haben gelernt zu argumentieren, Experimente zu planen, Irrtümer eigenständig aufzudecken, Wahrheiten zu ergreifen und wieder loszulassen.

Salman Ansari ist von sich überzeugt, das spürt man auf jeder Seite. Gleichzeitig fällt seine Kritik an konkurrierenden pädagogischen Konzepten harsch und bisweilen sehr persönlich aus. Das verleiht seinem Buch einen Beigeschmack von Eifer und Schärfe. Doch all das ist vergessen, wenn der Autor über kindliche Welterfahrung spricht - klug, empathisch, pädagogisch unorthodox und bodenständig human.

Besprochen von Susanne Billig

Salman Ansari: Rettet die Neugier! - Gegen die Akademisierung der Kindheit
Krüger Verlag, Frankfurt am Main 2013
224 Seiten, 18,99 Euro
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