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Fazit / Archiv | Beitrag vom 05.07.2015

Kindertheater aus Israel an der Parkaue Sensible Stoffe für ein junges Publikum

Von Gerd Brendel

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Ein Junge sitzt auf seinem Fahrrad im Gazastreifen inmitten von zerstörten Gebäuden. (afp / Mohammed Abed)
Schwieriges Aufwachsen im Konflikt-Gebiet - ein Kind im Gaza-Streifen (afp / Mohammed Abed)

"Playground Israel", Spielplatz Israel, heißt das israelische Kinder- und Jugendtheater-Festival am jungen Staatstheater Berlin an der Parkaue. Die großen Konflikte der Nahost-Region werden hier nicht ausgespart.

Stück (Ausschnitt): "Es handelt sich um einen komplizierten geopolitischen Konflikt … viel zu kompliziert ..."

Die Rede ist vom Nahost-Konflikt. Und das der für Erwachsene kompliziert ist, macht es für die Schauspieler eines Kinder und Jugendtheaters nicht einfacher, wenn sie im Riesen-Sandkasten mit Pappkulissen eine Geschichte aus den Anfängen dieses Konflikts erzählen . In "Der Pfad der Orangenschalen" nach einer Geschichte von Nachum Gutman gerät ein jüdischer Junge im ersten Weltkrieg in die Schusslinie osmanischer und britischer Soldaten.

Letztere besetzen schließlich seine Heimatstadt Tel Aviv. Dem Jungen gelingt es mit seinen Freunden einen Koffer mit Geld aus dem britischen Hauptquartier zu holen, mit dem dann – am Ende des Stücks – vielen armen Menschen geholfen wird. Dass die Menschen jüdische Siedler in Palästina sind, wird nicht erwähnt, aber als erwachsener Zuschauer lässt sich das nicht vergessen. Trotz der unglaublich präsenten Schauspieler, die sich immer wieder direkt an die Zuschauer wenden, bleibt ein Unbehagen zurück, das sich immer einstellt, wenn in Geschichten für Kinder, die jugendlichen Helden für eine große Sache der Erwachsenen unterwegs sind: Ganz gleich ob die nun Christentum heißt, die klassenlose Gesellschaft des Sozialismus oder eben den Zionismus. Auch wenn in "der Pfad der Orangenschalen" der kleine Junge Nachum als Vertreter der Zivilbevölkerung vorgestellt wird, die in Kriegen immer den kürzeren zieht, kann man auf der Bühne eine Geschichte über Tel Aviv erzählen, ohne Jaffa, die ältere Schwesterstadt zu erwähnen?

Samir, der Junge in dem Einpersonen-Stück "Samir und Jonathan", kommt nicht aus Jaffa, sondern aus einem palästinensischer Dorf in der Westbank. Nach einem Unfall wird er in ein jüdisches Krankenhaus eingeliefert und während er auf seine Operation wartet, schließt er Freundschaft mit seinem jüdischen Bettnachbarn, dem Astronomie versessenen Jonathan. Yogev Yefet mit nichts als einem Sichtschutz auf Rädern. Hier geht es nicht um große Heldentaten, sondern um einen kleinen Jungen, weit weg von zu Hause. Und trotzdem erzählt das Stück eine Menge israelisch-palästinensischen Alltag: Samirs Eltern können ihn nicht im Krankenhaus besuchen, weil die Checkpoints mal wieder geschlossen sind. Samirs kleiner Bruder wurde von einer verirrten Kugel aus einem israelischen Gewehr getroffen, bei einem Einsatz israelischer Soldaten .

Lachende und weinende Zuschauer

Jonathans orthodoxer Vater wird von Samir angestaunt: Hat er vielleicht so lange Locken, damit er für seinen Sohn auch ein bisschen wie seine Mutter aussieht? An dieser Stelle erntet Yevet auch in Berlin die meisten Lacher. In Israel bekamen Yogev Yevet und die Regisseurin Sivan Handelsman für ihr Stück einen Preis für den besten Theater-Monolog.

Sprecherin: "Unsere Zuschauer in Israel lachen und weinen jedes Mal in den Aufführungen, besonders die Lehrer. Auch wenn sie manchmal davor zurück scheuen, das Stück an ihre Schulen einzuladen und das Thema so zu behandeln. Wir in Israel leben schließlich den Konflikt."

Das gilt für jüdische Israelis wie für arabische. Für ein Gastspiel in einer israelisch-arabischen Siedlung musste Samir mit einem palästinensischen Kollegen besetzt werden. Eine Aufführung mit einem jüdischen Schauspieler hätte das Publikum boykottiert. Was in Israel unmöglich ist, passiert in Berlin.

Sprecherin: "Im Publikum und in der Diskussion hinterher saßen auch ein paar jugendliche Flüchtlinge aus Syrien. Die genau wie Samir allein in einer fremden Welt zurecht kommen müssen. Aber für uns war das Wichtigste, dass wir überhaupt zum ersten Mal jemanden aus Syrien getroffen haben und sie zum ersten Mal jemanden aus Israel."

"Playground", Spielplatz, Israel nennt das junge Staatstheater Parkaue sein Festival. Und spätestens bei "Samir und Jonathan" wird klar, dass der Titel alles andere als kindlich-naiv gemeint ist.

Stück (Ausschnitt): "… auf dem Spielplatz im wahren Leben, wachsen ja Kinder auf und haben richtige Konflikte und lernen dadurch."

Natürlich hat Festivalkuratorin Eva Stöhr auch andere Produktionen eingeladen, in denen weder jüdische Israelis noch Palästinenser auf der Bühne stehen, sondern indische Fabelwesen oder wie bei "The Cubes Circus" eine Pappwürfel-Frau oder ein Pappwürfel-Mann. Letztendlich geht es um das Wunder Theater, wo aus einem Sandkasten, mit einem schäbigen Krankenhaus-Sichtschutz oder mit Pappkartons das einzige erzählt, worauf es ankommt:

"Wir bestehen alle aus dem gleichen Stoff", sagt Samir am Ende seiner Geschichte und da werden auch die Augen des erwachsenen Berliner Zuschauers feucht. 

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