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Im Gespräch / Archiv | Beitrag vom 31.08.2017

Kinderpsychiater Michael WinterhoffDen Kindern die Kindheit lassen

Michael Winterhoff im Gespräch mit Katrin Heise

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Ein kleiner Junge rennt begeistert unter dem Wassernebel einer Sprenkleranlage her (Mi Pham / Unsplash)
Kinder sollten ihre Kindheit mehr genießen können, fordert der Kinderpsychiater Michael Winterhoff. (Mi Pham / Unsplash)

In seinem Bestseller "Warum unsere Kinder Tyrannen werden" behauptete Michael Winterhoff, erst durch die Eltern würden Kindern zu kleinen "Tyrannen". Jetzt plädiert der Kinderpsychiater für eine "Wiederentdeckung der Kindheit".

"Ein Mensch ohne Defizite ist ein Säugling", das sagt der Kinderpsychiater und Autor Dr. Michael Winterhoff. Erst durch die Eltern würden sie im schlimmsten Fall zu "Tyrannen". Viel zu oft würden Eltern ihre Kinder schon wie Erwachsene behandeln und die Kinder blieben in ihrer Entwicklung zurück. Vielen Kindern fehle es heute an Frustrationstoleranz - der Fähigkeit, etwas auszuhalten und zu warten. "Warum Kinder zu Tyrannen werden" hieß das erste Buch des heute 62-Jährigen. Es wurde zu einem umstrittenen Bestseller.

Die Kinder haben sich verändert

In seiner Praxis stellt er fest, dass sich die Kinder sehr verändert haben, weil Eltern notwendige Entwicklungsschritte nicht mehr zuließen:

"Wenn Kinder Auffälligkeiten haben, dann liegt das an den Eltern und an der Gesellschaft. Seit Mitte der 90er zunehmend, heute ausschließlich, sind die Blockaden der Eltern begründet in gesellschaftlichen Veränderungen."

Nicht nur in den Familien, auch in Kindergärten und Schulen würden Kindern viel zu jung viel zu viele Entscheidungen überlassen.

Michael Winterhoff, Jugendpsychiater, Autor, aufgenommen am 31.10.2012 während der ARD-Talksendung "Anne Will" zum Thema: "Keine Gnade für die Opfer - was soll mit den Schlägern geschehen?" in den Studios Berlin-Adlershof. (picture-alliance / dpa / Karlheinz Schindler)Jugendpsychiater Michael Winterhoff (picture-alliance / dpa / Karlheinz Schindler)

"Die fliegen frei durchs Gelände, können sich den ganzen Tag aussuchen, was sie machen wollen. Das ist fatal, weil sie kein Gegenüber haben, weil sie keine Strukturen erleben können. Wenn Sie den Grundschulunterricht nehmen, der eine Katastrophe für mich darstellt, ein Thekenunterricht, wo sich Kinder viele Dinge selbst beibringen sollen – das ist eine falsche Sicht auf Kinder, da werden nicht mehr Kinder in ihrer Bedürftigkeit gesehen, sondern sie werden schon zum Erwachsenen gemacht."

Mit Schlägen groß geworden

Michael Winterhoff, der selbst noch mit Schlägen groß geworden ist, fordert von Eltern, dass sie ihre Kinder zugewandt und mit Klarheit führen. Zugleich sollen sie den Kindern die Freiheit geben, ihre Kindheit zu genießen, findet der Psychiater. Das ist das Thema seines aktuellen Buchs "Wiederentdeckung der Kindheit".

Behandlungsbedürftig seien oft eher die Eltern als die Kinder. Eltern hätten heutzutage ihre Intuition verloren und im Zuge der Digitalisierung der Gesellschaft verändere sich die Erziehung keinesfalls zum Guten:

"Der Erwachsene verändert sich in dieser digitalen Welt, weil er sich dauernd überfordert, immer mehr, und schafft damit immer ungünstigere Bedingungen für das Kind sich entwickeln zu können. (...) Vor der digitalen Zeit war für unsere Psyche das Leben quasi ein Segen. Wir hatten immer mehr Zeit für uns."

Die digitale Revolution hat uns überrollt

Dadurch habe die Intuition besser funktioniert, Menschen hätten aus dem Bauch heraus handeln können.

"Dann hat uns die digitale Revolution quasi überrollt. Für mich geht es darum, dass wir noch nicht in der Lage sind, mit der digitalen Zeit umzugehen. (...) Die Gefahr ist, dass wir unserer Psyche keine Möglichkeit geben zu regenerieren."

Ein Vorschlag, mit diesen Herausforderungen besser klar zu kommen, ist tatsächlich mal auszuspannen, konkret zum Beispiel mal mehrere Stunden alleine und ohne Handy in den Wald zu gehen, um wieder zu lernen zu agieren, statt nur zu reagieren.

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