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Lesart | Beitrag vom 20.11.2019

Kinderbücher zur WendeIm Westen schrieb man mit Pelikan, im Osten mit Heiko

Kim Kindermann im Gespräch mit Frank Meyer

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Ausschnitt aus dem Buchcover zu "Hübendrüben: Als deine Eltern noch klein und Deutschland noch zwei waren" (Klett-Kinderbuch)
Franziska Gehm und Horst Klein machen die Unterschiede zwischen DDR und BRD für Kinder anschaulich. (Klett-Kinderbuch)

Zum Jahrestag des Mauerfalls sind viele Bücher erschienen, die sich mit der deutsch-deutschen Geschichte beschäftigen. Jugendbücher zu diesem Thema waren lange Zeit Mangelware. Jetzt gibt es viele davon - wir stellen die besten vor.

Vor 30 Jahren fiel die Mauer, konnten die Ostler in den Westen und umgekehrt. Noch immer allerdings ist die Rede von Ossis und Wessis, auch wenn viele Kinder und Jugendliche sowohl im Westen als auch im Osten nicht besonders viel über die Geschichte der deutschen Teilung wissen. Damit versuchen nun viele neue Bücher aufzuräumen: Bilderbücher, Sachbücher und Romane laden ein, auf Zeitreise zu gehen und erzählen vom Leben damals, von der Lebenswirklichkeit der beiden Deutschland und wie die Wende vor allem in DDR das Leben veränderte. 

Große Erzählkunst

Lange allerdings gab es nur sehr wenig Kinder- und Jugendbücher über die Geschichte der deutschen Teilung, sagt die Journalistin Kim Kindermann: "Anscheinend gab es keinen echten Markt dafür." Vor allem so lange noch die Leute leben, die die Teilung erlebt haben, sei da oft Scheu und Sorge, dem anderen zu nahe zu treten.

Doch es habe immer auch einzelne Bücher gegeben, in denen das Leben in der DDR sehr gut erzählt war, wie etwa "Weggesperrt" von Grit Poppe: Die 14-jährige Anja landet, nachdem ihre Mutter einen Antrag auf Ausreise aus der DDR gestellt hat und von der Stasi verhaftet wird, in einem Jugendwerkhof, einer Einrichtung der Jugendhilfe. Das Leben dort ist geprägt von Arbeit und Drill und von Willkür und Gewalt. Oder Dorit Linke und ihr Jugendroman "Jenseits der blauen Grenze" - das sei ganz große Erzählkunst, die einen nicht loslässt, so Kindermann. "Die Latte hing damit schon sehr hoch, aber all die Bücher, die ich nun gelesen habe, lösen das ein."

Sehr unterschiedliche Machart und Geschichten

Derzeit gebe es zu diesem Thema Bücher ganz verschiedener Genres, so Kim Kindermann. Ein Sachbuch sei zum Beispiel "Mein Mauerfall", das Fakten mische mit Zitaten persönlicher Erinnerungen, dann Bilderbücher, Jugendromane und Kriminalgeschichten – und Comics. "Alle sind sehr unterschiedlich in der Machart. Sehr fantasievoll ist mitunter etwa in 'Das Mauerschweinchen'", so Kim Kindermann.

"Mit dem Ballon in die Freiheit" sei ein weiteres. Als "ziemlich spannend" empfiehlt Kim Kindermann auch "Todesstreifen" von Helen Endemann. Insgesamt auffällig sei, dass viel öfter über "Wie war es in der DDR?" geschrieben werde als über "Wie war es in der BRD?" Doch vielleicht deute das auch auf das Problem der Wiedervereinigung und das Gefühl hin: "Die Wessis haben den Osten übernommen".

Sie habe anfangs den Eindruck gehabt, dass in vielen der Bücher vor allem der Aspekt des Eingesperrtseins, der Unterdrückung und des Bewachtwerdens sehr betont werde. So hat der Helden in "Todestreifen" immer wieder Ärger, weil er den Mund aufmacht und seine Meinung sagt und ihm dann der "Werkhof" droht, eine Art Umerziehungslager. Deshalb will er aus der DDR fliehen.

Mittendrin im DDR-Alltag

Diese ostdeutsche Lebenswirklichkiet werde sehr gut dargestellt: "Auch wenn alle Bücher klarmachen: Frei reden war ein Problem in der DDR, entstehen drumherum schöne Geschichten." So erzähle "Alles nur aus Zuckersand" von zwei Jungen und ihrer Freundschaft, die einen Knacks bekommt, denn seitdem Jonas' Familie einen Ausreiseantrag gestellt hat, darf Fred, dessen Vater Zollbeamter ist, nicht mehr mit ihm spielen. Oder in "Hufeland, Ecke Bötzow" erzählt Lea Streisand von ihrer Kindheit – konsequent aus Sicht dieser Zehnjährigen. "Und da fließt alles ein: Wie man lebte, was man aß, was in der Schule gemacht wurde, was im Park – das ganz normale Leben eben – geschildert aus der Kinderperspektive. Das ist mitunter naiv. Aber man ist mittendrin im DDR-Alltag."

In ihrem Bilderbuch "Hübendrüben" erzählen Franziska Grehm und Hort Klein eine Ost-West-Geschichte: Max lebt im Westen, Maja im Osten. Beide lieben Eis, Winnetou und Klingelstreiche – aber manches ist in ihren jeweiligen Lebenswelten auch anders. Und das Andere kann man auf jeder Doppelseite gegenübergestellt sehen: Wer wohnt wie, was unterscheidet sich, wie sehen die Schulranzen aus, wie heißen die Stifte - im Westen Pelikan, im Osten Heiko -, was passiert nach der Schule, wer verreist wohin. "Das ist ganz toll gezeichnet und sehr, sehr anschaulich", sagt Kindermann. "Es macht großen Spaß und liefert Faktenwissen darüber, als es noch zwei Deutschland gab."

Gutes Bild der DDR

Ein Sachbuch für Jüngere sei auch das Buch "Fritzi war dabei", das fürs Kino verfilmt wurde. Darin werde ganz nah aus Fritzis Perspektive erzählt, was damals passiert sei, als die Mauer fiel. "Diese wenigen Wochen zuvor, was da in Familien vorging, welche Konflikte es auch da gab, das ist ganz fein, ganz behutsam erzählt", sagt Kindermann. Das Buch sei perfekt für Kinder ab neun Jahren.

Anspruchsvoller ist da schon "Mein Mauerfall", ein Buch über die Teilung Deutschlands bis heute. Geschrieben aus der Perspektive des zwölfjährigen Theo, der endlich Fakten zum Mauerfall sammeln will. "Und so ist das Buch auch aufgebaut. Die Antworten und Fakten mischen sich. "Da ist richtig gut gemacht", sagt Kindermann. "Auf Augenmaß, mit guten Texten. Verständlich und auch die Gestaltung ist modern, da ist hier ein Bild, da ein Infokasten, da eine persönliche Erinnerung." So entstehe ein ziemlich gutes Bild darüber, was die DDR war, der Mauerfall bedeutet hat und wo beide Länder jeweils standen.

Pinkelnd in den Osten der 80er

Etwas Lustiges zum Thema bietet das herrlich schräg erzählte "Pullerpause im Tal der Ahnungslosen", zu dem jetzt die Fortsetzung erschienen ist: "Pullerpause in der Zukunft". Jobst und seine Mutter besitzen einen Koffer, in dem man auf Zeitreise gehen kann. In Band eins muss Susanne auf dem Heimweg von ihrer Reise ins Mittelalter pinkeln und sie landen so mitten in der DDR im Jahr 1986. Während die Mutter hinterm Busch sitzt, schaut Jobst sich um und dann wird klar: Der Koffer ist weg. Jobst, der Junge aus der Zukunft, muss jetzt also lernen, was Pioniere sind, dass es kein Meloneneis gibt, sondern Vanille, Schoko und Erdbeere, und das ist nur das der Anfang. "Schön, wie nebensächlich hier Alltag erzählt wird und wie mit diesen Missverständnissen gespielt wurde, die sich aus der unterschiedlichen Sozialisation ergeben", sagt Kindermann.

Eine ganz besonders Buch sei auch "Niemandsland", eine "sehr schräg erzählte" Geschichte von zwei Freunden, die aufmüpfig gegen die Willkür eines autoritären Systems angehen. Es erinnere in der Optik an eine Graphic Novel, dazu tragen auch die märchenhaften, schrägen Schwarz-Weiß-Zeichnungen bei. "Ein sehr berührendes Werk", sagt Kindermann. 

Insgesamt sei die Kinderliteratur zum Thema Wende ihrer Ansicht nach entgegen ihrer Befürchtungen "sehr abwechslungsreich". "Es ist schön, dass diese viele Stimmen jetzt da sind. Sie müssen gelesen werden, damit man sich wieder zuhört und versteht, was das wirklich für eine historische Leistung war. Das befriedet, da glaube ich ganz fest dran." 

Die vorgestellten Bücher: 

Kristen Fulton/Torben Kuhlmann (Illustrator): "Mit dem Ballon in die Freiheit"
Aus dem Englischen von Jakob Hein, Ravensburger München 2019, 56 Seiten, 20 Euro

Franziska Gehm/Horst Klein (Illustrator): "Hübendrüben: Als deine Eltern noch klein und Deutschland noch zwei waren"
Klett Kinderbuch, Leipzig 2018, 40 Seiten, 14 Euro

Franziska Gehm/Horst Klein (Illustrator): "Pullerpause im Tal der Ahnungslosen"
Klett Kinderbuch, Leipzig 2016, 256 Seiten, 14 Euro

Franziska Gehm/Horst Klein (Illustrator): "Pullerpause in der Zukunft"
Klett Kinderbuch, Leipzig 2019, 256 Seiten, 14 Euro

Hanna Schott/Gerda Raidt (Illustratorin): "Fritzi war dabei: Eine Wendewundergeschichte"
Klett Kinderbuch, Leipzig 2016, 96 Seiten, 8 Euro

Katja Ludwig/ Uwe Heidschötter (Illustrator): "Das Mauerschweinchen: Ein Wendebuch"
cbj, München 216 Seiten, 13 Euro

Dirk Kummer: "Alles nur aus Zuckersand"
Carlsen, Hamburg 2019, 144 Seiten, 12 Euro

Dorit Linke: "Jenseits der blauen Grenze"
Magellan, Bamberg 2014, 304 Seiten, 9 Euro

Grit Poppe: "Weggesperrt"
Oetinger, Hamburg 2011, 336 Seiten, 8 Euro

Juliane Breinl: "Mein Mauerfall: Von der Teilung Deutschlands bis heute"
arsEdition, München 2019, 144 Seiten, 15 Euro

Helen Endemann: "Todesstreifen"
Rowohlt Taschenbuch, Hamburg 2019, 256 Seiten, 14 Euro

Lea Streisand: "Hufeland, Ecke Bötzow"
Ullstein Verlag, Berlin 2019, 224 Seiten, 20 Euro

Matthias Friedrich Muecke: "Niemandsland: Erinnerungen an eine Kindheit"
Kunstanstifter Verlag, Wien 2019, 208 Seiten, 24 Euro

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