Kinderbücher über Politik

    Streiten lernen mit Spaß und Respekt

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    Ein elfjähriges Mädchen sitzt bei der U18-Europawahl 2019 in einer Wahlkabine in Brandenburg.
    Demokratie für Kids in Aktion: Ein elfjähriges Mädchen sitzt bei der U18-Europawahl 2019 in einer Wahlkabine in Brandenburg. © picture alliance / dpa / Patrick Pleul
    Von Kim Kindermann · 16.09.2021
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    Wählen gehen dürfen Kinder zwar nicht, aber trotzdem ist die Bundestagswahl eine perfekte Gelegenheit, um über Politik zu reden. Denn wer sich auskennt, hat Lust mitzumachen. Wie, das zeigen gleich zwei kluge Sachbücher.
    "Wer hat Politik erfunden? Was ist ein Außenminister? Wie viele Parteien gibt es? Studiert man, wenn man Politiker oder Politikerin werden möchte?" Das möchten Kinder wissen, und sie zeigen damit: Politik spielt in ihrem Leben eine Rolle. Sie haben Informationen aufgefangen, hier was gehört, dort was gelesen.
    Kinder ernst zu nehmen, ist daher wichtig. Und genau das machen die Autorinnen und Autoren von "Demokratie für Kids" und "So geht Politik!". Dabei gehen sie recht ähnlich vor, arbeiten sich vom Grundthema – was ist Politik? – vor bis zu den Details: Welche Parteien es gibt, welche Regierungsformen, wer wofür zuständig ist, was also ein Bürgermeister macht und was eine Bundeskanzlerin, wie Bund und Länder zusammenarbeiten und was Kinderrechte sind.

    Was Fußballschuhe mit Politik zu tun haben

    Christine Paxmann erzählt in "Demokratie für Kids" all das exemplarisch am Beispiel der Familie Strudel. Der Vater arbeitet für den Bürgermeister, die Mutter ist aktiv im Betriebsrat ihres Unternehmens, und mit ihren drei Kindern sprechen sie viel und oft über Politik.
    So lernt der achtjährige Sohn Leon, dass der Kauf von Fußballschuhen vergleichbar ist mit der Wahl einer Partei. Denn nicht immer ist es leicht, sich zu entscheiden. Und Tochter Jana beruft einen Kinderrat ein, als vor der Schule ein neuer Parkplatz gebaut werden soll – und das stinkt den Schülerinnen und Schülern enorm. Schließlich würde dadurch ein Lieblingstreffpunkt schwinden.
    Und weil das gut ankommt, überlegt sie gleich auch noch, ein Parlament für Schülerinnen und Schüler zu gründen, um auf Stadtebene noch mehr Einfluss nehmen zu können.

    Vom Kleinen ins Große

    Paxmann arbeitet sich stets vom Kleinen ins Große – und zeigt Kindern, dass auch sie schon mitmachen und gestalten können, dass sie Rechte haben, die sie einfordern können, auch in Form von Protesten.
    Von Anfang an macht die Autorin auf diese Weise klar: Demokratie braucht Anregung und Rücksichtnahme. Ganz so eben wie in einer gut funktionierenden Familie.
    Ein ebenso kluger wie sympathischer Zug. Am Ende der 80 Seiten mit ihren zahlreichen Illustrationen und Schaukästen haben junge Leserinnen und Leser ab acht einen guten Überblick über die aktuelle politische Landschaft in Deutschland.
    Kleiner Wermutstropfen allerdings: Nicht immer gelingt es der Autorin, wirklich kindgerecht zu schreiben. Die Antworten des Vaters etwa haben oft etwas von dozierenden Vorträgen und enthalten zu viele Informationen auf einmal.

    Politik ist überall

    Anders ist das bei Helen Sophia Müller und Benedikt Peters: In sechs Kapiteln erklären sie anschaulich und leicht verständlich, was Politik ist und wie sie in Deutschland, in Europa und in der Welt funktioniert.
    "Politik ist überall, auch da, wo du gerade bist", heißt es gleich zu Beginn, und das steht sinnbildlich für dieses hervorragend aufgebaute Sachbuch. Hier stimmt alles - neben der Sprache auch die Mischung aus Texten, Grafiken und Fotos; bunt und trotzdem übersichtlich.
    Nichts bleibt aus, schnell wird klar, wie und wo Entscheidungen getroffen werden, welche Ebenen es gibt, und wie alles ineinandergreift. Besonders zeitgemäß sind die Kapitel über Kolonialismus, Klimaschutz, Gleichberechtigung sowie über die wichtige Rolle der Medien und das hohe Gut der Pressefreiheit.

    "Mut zum Streiten"

    Zwei Besonderheiten hat das Buch dazu noch: Eine davon ist die Rubrik "Mut zum Streiten", die an vier Stellen im Buch Kinder und Jugendliche aktiv aufruft zum Diskurs. Etwa im Zusammenhang mit den Fragen, ob Kinder wählen dürfen oder ob soziale Medien hilfreich oder gefährlich sind?
    In Sprechblasen werden Pro- und Contra-Argumente gegeneinandergestellt. Das lädt dazu ein, gleich mitzudiskutieren. Demokratie will gelebt werden, und dazu gehört auch zu streiten. Aber respektvoll, bitte. Wie das geht, lernt man hier. Auch, dass sich Einigen wichtig ist.

    Vorbildliches Engagement

    In der anderen Rubrik "Jetzt tu ich was!" werden gezielt Kinder und Jugendliche vorgestellt, die sich politisch engagieren – im Jugendrat der Stadt, in den Jugendverbänden der Parteien, in der UN. Tolle Beispiele, die auch jenseits von Greta Thunberg zeigen: Auch wenn man noch nicht wählen darf, kann man sich einbringen, seine Meinung sagen und für Überzeugungen eintreten.
    Und tatsächlich macht "So geht Politik!" Lust dazu. Ein wirklich kluges Buch, das in jedes Kinderzimmer gehört. Ach was, in jeden Haushalt!
    Denn seien wir ehrlich: Auch Erwachsenen tut es gut, sich immer mal wieder zu besinnen, in was für einer privilegierten Staatsform wir leben und sich daran zu erinnern, dass Wahlen die Grundlagen für ein gelingendes demokratisches Miteinander sind.

    Christine Paxmann: "Demokratie für Kids: So geht's! Wer darf wählen? Wer darf regieren? Wie funktionieren Wahlen? Haben Kinder Rechte? Wer ist der Staat?"
    Verlag Dorling Kindersley, München 2021
    80 Seiten, 14,95 Euro
    ab 8 Jahren

    Benedikt Peters/ Helen Sophia Müller: "So geht Politik! Deutschland, Europa und die Welt - und Du mittendrin!"
    Circon Verlag, München 2021
    128 Seiten, 17 Euro
    ab 8 Jahren

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