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Tonart | Beitrag vom 10.10.2019

Kim Gordons Soloalbum "No Home Record"Airbnb, Saftwerbung und brachiale Gitarrensalven

Von Marcel Anders

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Porträtfoto der Musikerin Kim Gordon (Natalia Mantini)
Mit Airbnb-Unterkünften und Werbeslogans beschäftigt sich Kim Gordon auf ihrem Album "No Home Record". (Natalia Mantini)

Jahrzehntelang prägte Kim Gordon Sonic Youth als Sängerin und Bassistin. Acht Jahre nach dem Ende der Band legt die 66-Jährige ihr erstes Soloalbum vor. Darauf spielt sie mit Worten und setzt sich vom Sound der Band ab.

"Sonic Youth war eine Welt für sich, die mich komplett vereinnahmt hat. Die mir das Gefühl gab, ich wäre regelrecht gekidnappt worden. Ich habe zwar immer ein paar künstlerische Sachen gemacht, mich aber erst Anfang der 2000er intensiver damit befasst und mehr Ausstellungen organisiert. Meistens mit Kolleginnen wie Jutta Koether. Ich habe eigentlich immer gedacht, dass ich eher eine visuelle Künstlerin bin."

Wenn Kim Gordon zurückblickt, schwingt da eine gehörige Portion Frust mit. Als wären die 30 Jahre und 15 Alben mit Sonic Youth ein Zugeständnis an ihren Ex, den Gitarristen Thurston Moore gewesen, und als hätte sie sich völlig untergeordnet – bis zur Scheidung im Jahr 2013. Die Band hatte sich zwei Jahre zuvor offiziell getrennt. Seitdem ist die heute 66-Jährige mehr in der Kunst als in der Musik aktiv: mit Zeichnungen und Installationen wie "She Bites Her Tender Mind". Die ist aktuell im Irish Museum of Modern Art in Dublin zu bewundern:

"Es sind vier kleine, miteinander verbundene Räume, die zeigen, wie ich ein Airbnb einrichten würde – nämlich mit feministischer Kunst, die ein bisschen schwerer zu verdauen ist als reine Dekoration."

Mit Airbnbs befasst sich Gordon auch auf ihrem ersten Solo-Album. Im gleichnamigen Stück beschreibt sie mietbare Privatunterkünfte als Utopie. Als Möglichkeit zur Alltagsflucht inmitten von Deko-Kitsch und gerahmten Slogans, die Weltoffenheit und Positivismus suggerieren. Die zitiert sie in Collagen, die wie flüchtige Momentaufnahmen wirken. Impressionen ihrer neuen Heimat Los Angeles – dem Mekka der Schlagwörter, Parolen und des Brandings, der Entwicklung von Markennamen:

"Ich gehe nicht anders vor als ein Dichter, der Verse oder einzelne Wörter mit sich herumträgt, die er irgendwo gefunden hat. Und es ist interessant, wie Begriffe aus dem Zen-Buddhismus oder Slogans wie 'Be Here Now' zum Logo eines Geschäfts für Fruchtsäfte werden können. Das Beste, was ich entdeckt habe, war ein Plastikschild, auf dem es hieß: "Get Yr Life Back Yoga". Es ist faszinierend, dass heute alles zum Slogan oder Markennamen werden kann."

Gordons Einfluss auf den Sound von Sonic Youth

Doch Kim Gordon spielt nicht nur mit Worten. Auf "No Home Record" verfolgt sie einen konzeptionellen musikalischen Ansatz, der sich klar von Sonic Youth absetzt: Ein Hybrid aus brachialen Gitarrensalven und kantigen, wuchtigen Beats. Beides Klangfarben, die sie seit den frühen 80ern begleiten.

"Als ich damals nach New York gezogen bin, war die Musik, die mich am meisten beeinflusst hat, No Wave. Ein Genre, das nicht mehr existiert, aber mit dem ich mich identifizieren konnte, weil es so frei und so rhythmisch war. Gleichzeitig fühlte ich mich immer von Rappern angesprochen, weil ich keine Sängerin bin – und gerne Songs schreibe, indem ich mehrere Tonspuren übereinanderlege. Dazu muss man kein Musiker sein, es hat eher was von Punk-Rock."

Auf "No Home Record" gibt sich Kim Gordon experimentell, cool, sexy. Ein verqueres Stück Klangkunst und ein Indiz dafür, wie viel Einfluss sie tatsächlich auf den Sound von Sonic Youth hatte – selbst, wenn sie den Status als Underground-Ikone nur zu gerne über Bord wirft.

"Das ist nicht mehr als eine abstrakte Idee, die Leute auf mich projizieren. Und dagegen kann ich nicht viel machen. Ich denke darüber auch nicht groß nach – weil das nicht gut für die Gesundheit wäre."

Tonart

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