Kiezladen

Gestern Schlecker-Frau, heute Tante Emma

Der Drogeriemarkt Schlecker ging vor einem Jahr in die Insolvenz. © picture alliance / dpa / Emily Wabitsch
Von Heide Oestreich · 20.01.2014
Im Januar 2012 wurde Schlecker insolvent. Was ist aus den Mitarbeiterinnen geworden? Claudia Jacobs leitete zehn Jahre lang eine Schlecker-Filiale. Nach der Pleite hat sie in dem Berliner Außenbezirk Lankwitz einen Kiezladen eröffnet - mit Erfolg.
Kunde: "Praktisch ist das hier ja ein Tante Emma-Laden. Hier kriegt man ja alles. Und wenn se was mal nicht vorrätig haben, sagt man Bescheid - bestelln wa Dir."

Claudia Jacobs: "So, vier Mal Schokolade und 80 für Kompott: 4,36 sind's dann bitte."

In Claudias Kiezladen gibt es tatsächlich alles. Tiefkühlkost und Hundefutter, Obst und Zeitungen, Postdienste und sogar im Cafébereich ein selbstgekochtes Mittagessen. 250 Quadratmeter in einem Flachbau in Berlin-Lankwitz, im Wohngebiet. Im August hat Claudia Jacobs gemeinsam mit ihrem Mann den Laden eröffnet - und er läuft.

Claudia Jacobs sieht mit ihrer sportlichen Figur und dem weißblonden langen Haar fast wie eine Schwedin aus. Die 45-jährige Schlecker-Frau ist der Traum der Politiker: Als vor einem Jahr die Insolvenz kam, nahmen die Jacobs all ihr Erspartes und machten sich selbstständig.

"Eigentlich hat man gedacht, Schlecker wird bis zur Rente mein Job werden. Und dann wurden die ersten Läden geschlossen. Und dann kamen schon immer die Gerüchte: Wer ist der Nächste?"
Wir machen weiter!
Die Jacobs haben schon früh gesagt: Wir machen weiter. So konnten sie einen Teil des Schlecker-Sortiments übernehmen - und die Schlecker-Stammkundschaft gleich mit. Der quadratische Laden sieht nicht mehr wie eine Drogerie aus: Die Regale stammen zwar von Schlecker und stehen wieder in Reihen, aber nicht so gedrängt wie in den Schlecker-Filialen. Und der Inhalt erinnert eher an einen Kleinst-Supermarkt. Claudia Jacobs kommt hinter der Kasse hervor und macht einen Rundgang.

"Der Unterschied zu Schlecker besteht darin, dass wir jetzt mehr Lebensmittel haben. Sie sehen jetzt hier noch diese Schlecker-Abteilung mit Taschentüchern, Waschmittel und Zahncreme, was wir bei Schlecker immer hatten, Tiernahrung. Bei uns ist neu hinzugekommen, dass viel mehr Lebensmittel hier mit bei sind, frische Produkte und Obst, Brot, das hatten wir ja bei Schlecker alles nicht in dem großen Maße. Schreibwaren haben wir mit drin. Tiefkühlung, alles so im kleinen Sortiment, nicht im großen Sortiment. Aber von jedem etwas."

Ihre Warenauswahl hat Claudia Jacobs langsam entwickelt. Zusammen mit ihren Kunden. Die fragten etwas nach, sie besorgte es. Zeitungen laufen nicht, dachte sie. Weil es die zum selben Preis an der Tankstelle gegenüber gibt. Aber die Kunden wollten sie lieber bei ihr gleich mit dem Einkauf mitnehmen. Und so gibt es jetzt auch ein Pressesortiment im Kiezladen.

"Vor der Eröffnung wussten wir ja nicht, was läuft. Wir hatte viele Produkte dabei, wo wir gesagt haben: Probieren wir's. Die wir dann wieder rausgenommen haben. Und so haben wir nach Kundenwünsche, was viel gefragt war, das Sortiment erweitert. Bei Schlecker konnte ich keine Kundenwünsche erfüllen. Det ging gar nich. Ich konnte es auch nicht bestellen. Jetzt kann ich dem Kunden sagen, ok, morgen ist es da, der kann's abholen."

Das sagt sich so leicht und locker. Hat aber bei den Jacobs nur geklappt, weil sie genug auf die Seite gelegt und damit ein Startkapital hatten.

"Wir mussten einsteigen mit fast 80.000 und das war eigentlich alles Erspartes. Dit geht, wenn man viel auf den Trödel geht, so wie wir die ganzen Jahre - oder Haushaltsauflösungen gemacht und dadurch ist das einfach zusammengekommen. Wir sind am Wochenende trödeln gegangen, wir standen, nicht wie manche sind wir baden gegangen - wir sind trödeln gegangen und dadurch ist das eigentlich gekommen."
"Das Café ist der Renner"
Es geht auf den Mittag zu, ältere Herrschaften sammeln sich im Cafébereich: Fünf Tische, eine warme Beleuchtung, Holzfußboden. In der Küche steht jetzt Claudias Mann, groß, sportlich braunhaarig, und kocht.

"Das Café ist der große Renner, also das ist hier wunderbar angekommen. Vom Frühstück bis nachmittags zum Kaffee ist immer besetzt. Mittagessen wird super angenommen. Heute gibt es Blut- oder Leberwurst, mit Kartoffeln und Sauerkraut. Das wird alles selbst gekocht, alles frisch."

Dietmar Leue trägt Tattoos und Bart, er ist 53 Jahre alt und Frührentner. Er ist einer der neuen Stammkunden.

"Man bekommt hier alles, was man braucht. Man kriegt hier seinen Kaffee, seine Brause, Butter, Wurst, Brot, man kann Mittag essen, Essen ist erschwinglich für einen Otto Normalverbraucher. 4,20 Fleischgericht. Gehen Sie mal in eine Gaststätte, was sie da bezahlen, da bezahlen Sie 14,15 Euro für ein Fleischgericht. Seitdem ich in den Laden komme, habe ich schon ein paar Kilo zugenommen. Das ist das gute Essen hier."

"Fritze was magst Du? Blut- oder Leberwurst?"

"Leberwurst."

"Eine Leberwurst."

Großer Laden, kleine Preise. Rechnet sich Claudias Kiezladen? Wir können beide davon leben, betont die Chefin. Der Umsatz liege zwischen 500 und 1000 Euro pro Tag. So gut, das weiß auch Jacobs, läuft es nur bei wenigen.

"Meine zwei Mitarbeiter, die ich hatte, die sind beide arbeitslos. Wir sind eben alle in einem Alter, wo es nicht ganz so leicht ist. Und nicht nur das Alter, sondern es ist auch, weil wir bei Schlecker ganz gut verdient haben. Ich hatte bei Schlecker 17 Euro Stundenlohn, wir haben Urlaubsgeld gekriegt: Zwei Monate, Weihnachtsgeld - und da ist das dann schon ne ganze Menge."

Die Verkäuferinnen, die wieder Arbeit gefunden haben, verdienen oft längst nicht mehr so gut. Die Mittagszeit neigt sich dem Ende zu: Fünf Männer und sechs Frauen haben heute die Hausmannskost genossen und ziehen davon. Auch Dietmar hat vor der Tür noch eine geraucht und macht sich auf den Weg. Morgen wird er wieder hier sein.
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