KI in der Psychotherapie

Der Chatbot als Therapeut

Illustration: ein Mann mit Problemen sitzt in einer therapeutischen Situation einem Roboter gegenüber.
Sich von einer Maschine helfen lassen - vor einigen Jahren war das noch undenkbar. Doch inzwischen kann KI herkömmliche therapeutische Angebote zumindest ergänzen. © picture alliance / imageBROKER / Anastasiia Torianyk
Viele Menschen befragen Chatbots wie ChatGPT zu persönlichen Lebensthemen. Auch bei psychischen Problemen wird um Rat gefragt. Das kann als Einstieg in eine Therapie helfen, einen echten Therapeuten aber nicht ersetzen – und birgt auch Gefahren.
Wie soll ich mich in einem Streit verhalten? Wie bekomme ich mehr Struktur im Alltag? Was hilft, um besser einschlafen zu können? Solche Fragen richten Menschen immer öfter nicht nur an enge Vertraute, sondern auch an KI-Tools. In den sozialen Medien teilen vor allem junge Menschen ihre Erfahrungen und Gespräche mit Chatbots wie ChatGPT, Pi oder Perplexity.
Selbst in psychischen Krisen vertrauen viele User auf den Rat der Bots, die – im Gegensatz zu professionellen Therapieangeboten – unbegrenzt und jederzeit verfügbar sind. Die Gespräche mit der KI scheinen nach ersten Erkenntnissen häufig positive Effekte zu haben.
Die Studienlage dazu ist allerdings noch dünn. Dennoch werden die KI-Tools schon jetzt für therapeutische Zwecke genutzt. Wo liegen die Chancen der Technologie bei der Behandlung psychischer Erkrankungen?

Chancen von Chatbots in der Psychotherapie

Die Nachfrage nach Therapieplätzen ist groß, doch das Angebot begrenzt: Betroffene müssen häufig mehrere Monate auf einen Termin warten. Während dieser Wartezeit könnte KI eine hilfreiche Stütze sein. Der Psychologe Steven Siddals vom Londoner King’s College hat 19 Personen befragt, die einen Chatbot mehrmals pro Woche als eine Art Therapeuten genutzt hatten. Die Gründe dafür waren vielfältig: Ängste, Depressionen, Stress, Konflikte, Verlust. Einige wollten auch ihre romantischen Beziehungen verbessern.
Der Grundtenor der Studie ist fast durchweg positiv. Die meisten der Befragten sagten, die Gespräche hätten ihr Leben signifikant verbessert. Siddals identifiziert dabei vor allem die Funktion der Chatbots als „emotionalen Zufluchtsort“ als hilfreich. Die Nutzerinnen und Nutzer konnten ihre Probleme gewissermaßen bei der KI abladen – wenn nötig auch um drei Uhr morgens. Das habe den Betroffenen Erleichterung gebracht.
Dazu kommt, dass die Chatbots darauf ausgerichtet sind, Nutzerinnen und Nutzern weiterzuhelfen – daher machen sie konkrete Vorschläge und geben Verhaltenstipps. Auch das kam bei den Befragten der Studie positiv an.

Auch simulierte Empathie zeigt Wirkung

Eine weitere Erkenntnis war, dass Chatbots immer besser darin werden, Empathie zu simulieren. Dabei zeigte sich, dass es den Nutzerinnen und Nutzern offenbar wenig ausmacht, dass eine Künstliche Intelligenz eine Maschine ist, die keine echten Gefühle hat. Obwohl sie sich dieser Tatsache bewusst waren, erlebten sie den Austausch als bereichernd und bestärkend.
Betroffene von psychischen Erkrankungen berichten auch, dass sie erst durch die Gespräche mit den Chatbots auf die Idee kamen, eine Therapie zu machen. Denn erst der Austausch mit der KI zeigte ihnen, dass es hilft, über Probleme zu sprechen. Die Nutzung der Bots könnte also auch ein Weg sein, um erkrankte Menschen an eine Therapie heranzuführen.

Risiken von KI bei psychischen Problemen

Trotz dieser positiven Ergebnisse kann die Studie von Siddals keine Aussagen darüber treffen, ob die Interaktion mit einem Chatbot tatsächlich ein echter Ersatz für Psychotherapie sein könnte. Daran gibt es erhebliche Zweifel.
Psychotherapie sei nicht einfach nur ein nettes Gespräch mit Ratschlägen, sondern eine hochstandardisierte Praxis, sagt der Psychologe Bertolt Meyer. Die Forschung zeige jeweils, welche Form der Gesprächsführung für welche Form der psychischen Erkrankung nützlich und hilfreich sei.
Theoretisch wäre es Meyer zufolge möglich, eine solche Form der Gesprächsführung in ein Sprachmodell zu überführen. Nur gebe es keine Daten, aufgrund derer die KI das lernen könnte. “Damit die KI eine richtige Psychotherapie machen kann, müsste sie trainiert werden mit Tausenden und Abertausenden echten Therapiesitzungen”, sagt Meyer – von denen außerdem noch bekannt sein müsste, ob sie gut waren oder nicht.
Tatsächlich sind die gewöhnlichen kommerziellen Chatbots nicht grundlegend auf die Hilfeleistung in psychischen Notlagen ausgelegt. Die Large Language Models (LLM) werden eben nicht ausschließlich mit psychologischer Fachliteratur trainiert, sondern mit Unmengen verschiedenster Daten – darunter auch Bibeltexte, Drehbücher oder Diskussionen aus Internetforen.
Auf welche Quellen die Künstliche Intelligenz im spezifischen Fall zurückgreift, ist nicht immer transparent. Antworten und Empfehlungen, die die KI ausspricht, können auch falsch sein. Gerade Menschen, die psychisch labil sind, kann das noch weiter destabilisieren.

Chatbots können falsche Antworten geben

Dazu kommt, dass Chatbots in der Regel darauf ausgerichtet sind, ihre User zu unterstützen. Einigen KI-Tools wird deshalb ein „Jasager-Syndrom“ bescheinigt – das heißt, dass sie stark dazu tendieren, Menschen in ihren Wahrnehmungen zu bestätigen.
Bei bestimmten psychischen Erkrankungen – etwa Selbstmordgedanken oder einer Essstörung – kann sich aber gerade das fatal auswirken. Der Psychologe Bertolt Meyer nimmt Wahnvorstellungen als Beispiel – mit dem Gefühl, einer großen Verschwörung gegenüberzustehen: "Alle stecken unter einer Decke und Sie erzählen dem Sprachmodell davon. Und das bestätigt Sie noch in dieser wahnhaften Weltsicht.”
Der Psychotherapeut und Psychologie-Professor Nils Töpfer von der Medical School Hamburg sieht noch weitere gravierende Probleme. KI-Tools könnten vielleicht eine "Als-ob-Empathie" zeigen, sodass bei den Usern eine hohe Intimität und Verbundenheit entstehe. Doch die Frage sei: “Können diese Tools dann auch genügend gut mit dieser Abhängigkeit umgehen und diese Abhängigkeit dann wieder auflösen?”

Ohne klinische Indikationslogik

Töpfer kritisiert zudem, dass die allgemeinen KI-Chatbots "keine klinische Indikationslogik haben”. In der Regel sei nicht festgelegt, zu welchen Fragen die Chatbots "mit gutem Gewissen” Antworten geben könnten und an welchem Punkt sie Anwenderinnen und Anwender eigentlich an professionelle Therapeuten weiterverweisen müssten.
Viele Dimensionen einer Psychotherapie gingen beim bloßen Chatten mit KI verloren– insbesondere die „therapeutische Beziehung“ zwischen Patient und Therapeut, einer der zentralen Wirkfaktoren einer Psychotherapie.
Ein grundsätzliches Problem bei der Nutzung der Chatbots ist auch der Datenschutz. Denn bei Informationen über den mentalen Gesundheitszustand handelt es sich um sehr sensible, persönliche Daten. Hinter Chatbots wie ChatGPT stehen aber kommerzielle Unternehmen, die bei den Gesprächen theoretisch „mithören“ können. Was genau mit den gesammelten Informationen passiert, ist nicht transparent.

Perspektiven für die Nutzung von Chatbots

Mehrere Wissenschaftseinrichtungen in Deutschland arbeiten derzeit an datensicheren KI-Anwendungen für die Psyche. Am Zentralinstitut für seelische Gesundheit in Mannheim wird etwa eine KI-App entwickelt, die sich an erkrankte Kinder und Jugendliche richtet.
Auch am Karlsruher Institut für Technologie soll ein KI-Chatbot entstehen, mit dem sich junge Menschen mit psychischen Problemen unterhalten können. Bis diese Tools verfügbar sind, wird es aber noch einige Zeit dauern.
Bereits auf dem Markt ist hingegen „Ello“ von HelloBetter: nach Angaben des Unternehmens ein „KI-Begleiter für mentales Wohlbefinden“. Die Psychotherapeutin Alena Rentsch war an der Entwicklung beteiligt. Der große Unterschied zu den herkömmlichen Chatbots liege darin, dass “Ello” psychologische Gesprächsführungstechniken nutze und gezielt darauf trainiert worden sei, die Perspektive der Nutzerinnen und Nutzer herauszufordern, betont sie.
Außerdem stehen bei “Ello” im Hintergrund reale Psychotherapeutinnen und -therapeuten bereit, mit denen die Nutzer bei Bedarf sprechen können. Mit solchen Sicherheitsmaßnahmen könnten KI-Begleiter zu einem nützlichen Baustein in der psychischen Versorgung werden, glaubt Rentsch.

Kein Ersatz für Therapeuten

Nach ersten Erkenntnissen scheint in KI-Anwendungen Potenzial für Hilfe in psychischen Problemlagen zu liegen. Dass Chatbots Therapeutinnen und Therapeuten in Zukunft ersetzen können, scheint jedoch sehr unwahrscheinlich zu sein: Es liegt nahe, dass Chatbots höchstens die Symptome von psychischen Erkrankungen lindern, sie aber nicht heilen können.
Der Psychologe Nils Töpfer hält deswegen einen ergänzenden KI-Einsatz für denkbar, zur Überbrückung, Aufklärung oder Nachsorge etwa. Psychotherapeutin Rentsch spricht von “digitalen Angeboten, die nicht als Ersatz, sondern als evidenzbasierte Ergänzung zu verstehen sind”.
Zusätzliche Hilfe durch einen Chatbot, das klingt erst einmal positiv - heißt aber auch, dass Künstliche Intelligenz die reale psychotherapeutische Versorgungslücke nicht schließen können wird.

Onlinetext: Asmus Heß, Kristina Auer / Quellen: Deutschlandfunk
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