Künstliche Intelligenz

KI-Kompositionen verändern die Musikbranche

Auf einem Handydisplay sind Apps verschiedener Musikstreamingplattformen zu sehen.
KI-generierte Musik findet sich bei vielen Streaminganbietern, der Umgang mit ihr ist jedoch unterschiedlich © picture alliance / APA / Hans Klaus Techt
KI-Tools generieren Songs verblüffend einfach: Ein Prompt mit ein, zwei Sätzen reicht und die Software "komponiert" das Stück. Das stellt echte Musiker mitunter vor Probleme. Doch auch für handfesten Betrug zum Schaden der Künstler wird KI eingesetzt.
Der Anteil von Künstlicher Intelligenz (KI) erzeugter Songs auf den Streamingplattformen wie Spotify oder Deezer steigt rasant an. Das bereitet menschlichen Musikerinnen und Musikern zunehmend Sorgen. Wenn in empfohlenen Playlists der Streaminganbieter KI-generierte Titel anstelle von Menschen komponierter Songs auftauchen, kann das für die Künstlerinnen und Künstler Einnahmeverluste zur Folge haben. KI-generierte Musik kann zudem zu Betrugszwecken genutzt werden – zum Schaden nicht nur der Musikerinnen und Musiker, sondern auch der Musikplattformen. 

Wie viel KI-Musik gibt es auf den Streamingplattformen?  

Die Menge KI-generierter Musik hat bei Streaminganbietern massiv zugenommen. Die Plattform Deezer hat eine KI-Detektor-Software entwickelt, die bei ihrem ersten Einsatz Anfang 2025 feststellte, dass etwa 10 Prozent aller täglich hochgeladenen Songs von einer KI generiert wurden – das waren damals 10.000 Titel. Ein Jahr später lag dieser Anteil bereits bei 40 Prozent - mit weiter steigender Tendenz. 
Das bedeutet, dass auf der Streamingplattform jeden Tag mehrere Zehntausend Songs hochgeladen werden, die von einer KI geschrieben wurden. Apple Music und Spotify veröffentlichen keine entsprechenden Zahlen. Fachleute gehen für diese Angebote jedoch von ähnlichen Größenordnungen aus.  

Ist KI-generierte Musik erfolgreich?    

Im Jahr 2025 gelang mit "Xania Monet" erstmals einer KI-generierten Musikerin mit einem KI-Song der Einstieg in die US-amerikanischen Billboard-Charts - in der Kategorie Adult R&B Airplay. Der KI-Musiker "Breaking Rust" erklomm mit einem Song sogar die Nummer 1 im Billboard Country Digital Sales Chart. Auch die Neo-Soul Sängerin "Sienna Rose" ist ein KI-Produkt. Sie erreicht bei Spotify monatlich 2,8 Millionen Hörerinnen und Hörer. 
KI-Tools erstellen Musik sehr schnell und günstig. Musiker aus Fleisch und Blut brauchen viel mehr Zeit, um Stücke zu schreiben. KI-Tools können ganze Alben in kurzer Zeit fertigstellen. Andrew Frelon, Erfinder der KI-Band "The Velvet Sundown", schrieb in einem Blog-Beitrag, er habe etwa eine Stunde gebraucht, um die vierköpfige Band, ein komplettes Album und einen passenden Social-Media-Auftritt zu erstellen. Auch "The Velvet Sundown" verzeichnet mehrere Millionen Streams pro Monat.

Betrugsmasche 1: Identitätsdiebstahl 

Wenn KI-Songs millionenfach gestreamt werden und in Empfehlungsplaylists auftauchen, kann das auf Kosten von Künstlerinnen und Künstlern gehen, die ihre Musik noch selbst komponieren. Ihnen drohen Einnahmeverluste, insbesondere dann, wenn die KI- generierten Songs ihren Stil kopieren und nachahmen.
Ganz unmittelbar betroffen sind dagegen Musikerinnen und Musiker, deren Stil durch KI nicht nur imitiert wird, sondern zudem auch die Identität. Betrüger erstellen dazu auf Streamingplattformen einen Account unter dem Namen einer mehr oder weniger bekannten Musikerin oder eines Musikers und veröffentlichen dort dann KI-erzeugte Songs. Die durch die Abrufe generierten Einnahmen landen auf den Konten der Betrüger.
Einen solchen Identitätsdiebstahl erlebte beispielsweise die Berliner Musikerin Tara Nome Doyle auf Spotify. Für die Künstlerin war das ein Schockerlebnis: Nicht nur, weil ihre Reichweite als etablierte Künstlerin ausgenutzt wurde, um Streaming-Einnahmen abzugreifen, während sie leer ausging. Vor allem aber, weil ihre Identität als Künstlerin angegriffen und verfälscht wurde. Denn die KI-Songs klangen überhaupt nicht nach ihrer Musik.
Auf ihren Hinweis löschte Spotify die KI-genierten Tracks und den Fake-Account. Ein Einzelfall ist Doyle nicht.

Betrugsmasche 2: KI-Bots "hören" KI-Musik  

Bei Deezer macht das Abspielen KI-generierter Musik laut eigenen Angaben lediglich 0,5 Prozent des gesamten Streaming-Aufkommens aus. Dabei wird die KI-Musik zu etwa 70 Prozent von KI-Bots abgerufen. Auch dahinter steckt eine Betrugsmasche: Die Scammer generieren mit einem KI-Tool Musik und laden sie auf einem Account hoch. Daraufhin lassen sie speziell programmierte Bots diese Songs suchen und immer wieder abspielen. Die Ausschüttungen für diese Streams sind mit relativ wenig Aufwand erzeugte Einnahmen.
Zumindest Deezer hat diese Praxis mittlerweile von der Monetarisierung ausgeschlossen. Spotify gibt nicht an, wieviel ihres Streaming-Aufkommens durch KI-Plays generiert wird. Allerdings geht man dort auch gegen die beschriebene Betrugsmasche vor: Von September 2024 bis September 2025 wurden 75 Millionen solcher Tracks von der Plattform gelöscht. Seit Herbst 2025 führt Spotify zudem schrittweise einen Spamfilter ein, der sicherstellen soll, dass diese Stücke nicht mehr als Empfehlungen in Spotify-Playlists auftauchen. Die Art des Betrugs geht jedoch weiter.

Wie gehen die Plattformen mit KI-Musik um?

Derzeit ist Deezer die einzige Streamingplattform, die KI-generierte Songs kennzeichnet. Der Anbieter entfernt sie auch strikt aus den algorithmischen Empfehlungen. Die Plattform Bandcamp, auf der man Musik auch kaufen kann, hat KI-generierte Musik grundsätzlich aus dem Angebot ausgeschlossen.
Spotify kennzeichnet KI-Inhalte bislang noch nicht. Die Plattform entwickelt zurzeit aber mit der Musikindustrie einen Metadatenstandard, der künftig KI-Anteile an Songs identifizieren und markieren soll. Betroffen wäre damit auch Musik, bei der KI zum Abmischen und Mastering eingesetzt wird. Eine Praxis, die jedoch auch schon viele menschliche Künstlerinnen und Künstler nutzen.
Als Werkzeug in der Produktion ist KI in der Musikindustrie längst angekommen. Hanni Liang, Pianistin und Dozentin an der Hochschule für Musik und Theater, kann die Angst vieler in der Branche nachvollziehen. Man müsse sich aber den Chancen und Herausforderungen stellen, die die neue Technologie mit sich bringe, sagt sie. Und betont: Ohne den menschlichen Input könne KI nichts erschaffen, denn sie sei eben nur ein Tool und habe keine kreative Vision. 

Wie stehen Hörerinnen und Hörer zu KI-Musik? 

Bei einer mit 9000 Teilnehmern durchgeführten Studie von Deezer gemeinsam mit dem Marktforschungsinstitut Ipsos konnten 97 Prozent nicht zwischen KI-generierter und von Menschen gemachter Musik unterscheiden.
Die Studie zeigte auch, dass knapp zwei Drittel der Teilnehmer KI-Musik kategorisch ablehnen. Nachdem sie wussten, welche Songs von einer KI stammten, wollten sie diese Songs nicht mehr hören, auch wenn sie ihnen zuvor gefallen hatten. Im Umkehrschluss bedeutet das aber auch, dass ein Drittel zumindest unentschlossen ist oder KI-generierte Musik nicht grundsätzlich ablehnt.

Onlinetext: Rade Janjusevic
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