Meinung

KI: Die vorgetäuschte Automatisierung

 Linien verlaufen zwischen einer Frau und einem Laptop-Computer (Illustration)
Viel unsichtbare Arbeit: Für das Training sogenannter künstlicher Intelligenz mussten unzählige Daten von Menschen bearbeitet werden © IMAGO / Ikon Images / IMAGO / Gary Waters
Von Julia Kloiber |
Wahnsinn, was diese Maschine alles kann! Aber ist das wirklich so? Viele Menschen verklären die Kompetenzen von Chatbots und KI-Systemen. Ihre scheinbare Autonomie basiert in Wahrheit oft auf der Ausbeutung menschlicher Arbeit.
Im Jahr 1770 präsentierte der Hofbeamte und Mechaniker Wolfgang von Kempelen eine Sensation: den sogenannten Schachtürken. Am Hof von Maria Theresia vorgeführt, schien die Maschine, eigenständig Schach zu spielen, und das bemerkenswert erfolgreich. Die Illusion war perfekt. Erst viel später stellte sich heraus, dass sich im Inneren der Maschine ein Mensch verbarg.
Heute, über 250 Jahre später, lächeln wir milde über die Leichtgläubigkeit vergangener Eliten. Wie konnten Intellektuelle und Herrscherinnen sich derart täuschen lassen?

Menschen trainieren die KI-Systeme

Im Zeitalter der künstlichen Intelligenz wähnen wir uns immun gegen solche Tricks. KI, so suggeriert es schon der Name, ist künstlich, autonom, unabhängig vom Menschen. Ein System, das zwar auf dem Wissen der Menschheit aufbaut, dank seiner selbstlernenden Fähigkeiten komplexe Probleme aber eigenständig löst.
Doch dieser Glaube ist, bei genauerem Hinsehen, nicht weniger naiv. Wenn ich mit Joan Kinyua und Ephantus Kanyugi spreche, dann wird diese Vorstellung schnell brüchig.
Die beiden leben in Kenia und arbeiteten lange als Datenarbeiter:innen. Sie gehören zu einer kaum sichtbaren Gruppe von Hunderten Millionen von Menschen, die im Hintergrund genau jene Systeme trainieren, die als intelligent gefeiert werden. Über Jahre hinweg haben sie Daten sortiert, gefiltert, annotiert. Sie haben Maschinen beigebracht, die Welt zu erkennen.
So werteten sie zum Beispiel Bilder von Staubsaugerrobotern aus, die durch private Wohnungen navigieren, und trainierten sie darauf, zwischen einem Kleidungsstück und einem Haustier zu unterscheiden. Dabei stoßen sie nicht selten auf intime Szenen, die nie für fremde Augen bestimmt waren und plötzlich Teil eines globalen Datenstroms sind.

Weder künstlich noch intelligent

Doch die Inhalte können noch verstörender und psychisch belastender sein. Oft müssen sie extreme Darstellungen von Gewalt oder pornografisches Material sichten.
Und selbst dort, wo Maschinen angeblich längst autonom handeln, sitzt im Hintergrund oft noch ein Mensch. Der Soziologe Antonio Casilli schreibt über dieses Phänomen als vorgetäuschte Automatisierung.
In Madagaskar etwa arbeiten Menschen in Echtzeit als unsichtbare Ersatz-KI. Sie analysieren das Bildmaterial von Überwachungskameras, die in Europa als „smart“ und „KI-gestützt“ vermarktet werden, und greifen ein, wenn etwas Auffälliges geschieht. Die Intelligenz liegt nicht im System, sondern sitzt vor dem Bildschirm.
Die Konsequenz aus diesen Erkenntnissen ist unbequem. Künstliche Intelligenz ist weder künstlich noch intelligent. Sie ist das Produkt menschlicher Arbeit. Oft schlecht bezahlt, unsicher, ausgelagert in Regionen mit geringer Regulierung. Doch diese Realität passt nicht zur Erzählung der Techkonzerne. Dort dominieren Bilder von nahtlosen, vollautomatischen, futuristischen Systemen.

Digitaler Fortschritt ohne Ausbeutung

In dieser Erzählung kommen Menschen wie Joan und Ephantus nicht vor. Sie sind unsichtbar gemacht, beschäftigt über Plattformen, ohne Verträge, ohne soziale Absicherung, mit schlechter Bezahlung und unter prekärsten Bedingungen. Ganze Generationen von jungen Menschen mit Studienabschluss werden in diesem Sektor aufgerieben. Nach wenigen Jahren sind sie so ausgebrannt, dass sie oft keine weiteren Jobs mehr annehmen können. Nicht nur in Kenia, auch in Indien, den Philippinen, Indonesien, Nigeria, Brasilien und vielen weiteren Ländern.
Die Zeit des Schachtürken fiel in die Hochphase des europäischen Kolonialimperialismus. Wer heute genauer hinsieht, erkennt, dass sich die Logik kaum verändert hat. Die Rohstoffe und die menschliche Arbeit, auf denen moderne KI-Systeme beruhen, stammen weiterhin aus genau jenen Regionen. Nur wenn wir die menschliche Arbeit hinter der KI nicht länger als unsichtbare Externalität hinnehmen, überwinden wir diese prekären Verhältnisse. Digitaler Fortschritt darf nirgendwo auf Ausbeutung fußen.

Julia Elisabeth Kloiber ist eine österreichische Expertin für Digitalisierung und Gründerin des Superrr Lab, eines feministischen Thinktanks für Forschungs- und Beratungsleistungen im Bereich Digitalstrategien mit Sitz in Berlin.

Mehr zu KI