Kommentar

KI-Agenten und die Illusion vom günstigsten Online-Preis

04:25 Minuten
Seitlicher Blick auf eine Frau im Schneidersitz, die etwas auf ihrem Laptop tippt und dabei eine Bankkarte in der Hand hält
Bislang haben im Online-Handel Variablen wie Uhrzeit, Gerätetyp oder IP-Adresse den Preis bestimmt. Das könnte sich bald durch KI-Agenten ändern © picture alliance / Westend61 / Aturuxo Studio
Von Adrian Lobe |
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Künstliche Intelligenz ist schon so clever, dass sie immer größere Teile unseres Alltags managen kann: Sie kauft als digitaler Butler ein oder bucht Reisen für uns. Doch das könnte für manche Verbraucher teuer werden, meint der Politologe Adrian Lobe.
Im Silicon Valley reden sie gerade ganz aufgeregt von „agentic AI“, intelligente Software, die automatisiert Routineaufgaben ausführt: E-Mails sortieren, online einchecken, Lebensmittel bestellen. Erst kürzlich hat der KI-Agent Open Claw für einen riesigen Hype gesorgt. Laut einer Analyse der Softwarefirma Adobe beeinflussten agentische Shopper am vergangenen Black Friday Online-Käufe in einem Volumen von 14,2 Milliarden Dollar.

KI-Agenten könnten die Mechanik des Internets grundlegend verändern und die auf personalisierter Werbung gründende Netzökonomie zum Einsturz bringen. Denn: Emotionslose Maschinen, die nur nach Zahlenlogik operieren, klicken keine Werbung und machen auch keine Impulskäufe. Einem Bot ist es ja völlig egal, ob auf einem Hemd ein Pferd mit Polospieler oder ein Krokodil eingenäht ist. Das heißt: Die Markendifferenz könnte in einem agentengetriebenen Netz nahezu verschwinden. Disruption ist das Wort der Stunde.

Die KI als digitaler Butler

Geht es nach den Tech-Vordenkern, werden KI-Agenten schon bald als eine Art digitaler Butler fungieren und unseren Alltag managen: Arzttermin vereinbaren, Versicherung abschließen, Hotelzimmer reservieren. Keine stundenlange Internetrecherche mehr, der Bot bucht einfach die gewünschte Reise und kümmert sich nebenbei noch um die Verlängerung des Personalausweises.
Ein Leben auf Autopilot, ganz wie es sich die Kybernetiker erträumen. Doch wie immer bei solchen Heilsversprechen hat die Sache einen Haken: Denn wenn künftig Roboter am Verhandlungstisch sitzen und Preise unter sich ausmachen, steht der Mensch nur an der Seitenlinie. Und das könnte für Verbraucher eher ungünstig sein.

Die beste Software holt die besten Preise

MIT-Forscher haben in einer Studie ein Verhandlungsszenario zwischen zwei großen Sprachmodellen simuliert. Der Kaufagent sollte mit einem begrenzten Budget möglichst günstige Deals in drei Produktkategorien finden: Motorräder, Elektrogeräte, Immobilien. Der Verkaufsagent wiederum sollte einen möglichst hohen Preis herausschlagen.
Das Ergebnis: Je mehr Parameter ein Sprachmodell hat, desto geschickter verhandelt es auch. Während das hochleistungsfähige Modell GPT-4o mini sowohl als Käufer als auch als Verkäufer gute Geschäfte machte, schnitt das Vorgängermodell eher schlecht ab – als Käufer konnte es weniger gut die Preise drücken.
Das heißt also: Derjenige, der die schlechtere Software hat, zahlt am Ende drauf. Die Forscher warnen: Stärkere KI-Agenten können schwächere ausnutzen, um bessere Konditionen zu erzielen. Die digitale Ungleichheit würde größer.
Bislang haben im Online-Handel Variablen wie Uhrzeit, Gerätetyp oder IP-Adresse den Preis bestimmt. Diese algorithmische Preisdifferenzierung führte in der Vergangenheit häufig zu Preisdiskriminierung: So verlangte die US-Supermarktkette Target in ihrer App 100 Dollar mehr für einen Fernseher, wenn der Kunde bereits auf dem Parkplatz war.
Wenn nun KI-Agenten autonom auf Shopping-Tour im Netz gehen und untereinander Preise auskungeln, könnte die Preisgestaltung für den Verbraucher noch intransparenter werden. Denn wer sagt, dass der Softwareentwickler nicht von einer Hotelkette oder Fluggesellschaft Geld dafür bekommt, dass der KI-Agent sie bei der Buchung bevorzugt? KI ist eine Black-Box.

KI kann Kartelle bilden

Ökonomen konnten in mehreren Studien nachweisen, dass Lernalgorithmen in simulierten Umgebungen geheime Preisabsprachen treffen und eine Art computerisiertes Kartell bilden können. Was in den Laborexperimenten passiert ist, könnte sich unter realen Bedingungen wiederholen. Für Verbraucher bedeutet das: Online-Shopping könnte in Zukunft teurer werden – zumindest dann, wenn man nicht den besten KI-Assistenten an seiner Seite hat.

Adrian Lobe, Jahrgang 1988, hat in Tübingen, Heidelberg und Paris Politik- und Rechtswissenschaft studiert. Seit 2014 arbeitet er als freier Journalist für diverse Medien im deutschsprachigen Raum, u. a. „Die Zeit“, „NZZ“ und „Süddeutsche Zeitung“. 2016 wurde er für seine Artikel über Datenschutz und Überwachung mit dem Preis des Forschungsnetzwerks „Surveillance Studies“ ausgezeichnet. Er ist zudem Träger des Georg von Holtzbrinck Preises für Wissenschaftsjournalismus. 2022 erschien bei C.H. Beck sein neues Buch „Mach das Internet aus, ich muss telefonieren“.

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