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Lesart / Archiv | Beitrag vom 30.12.2019

Kettly Mars: "Der Engel des Patriarchen"Flüche, Inzest und tödliche Unfälle

Burkhard Birke im Gespräch mit Frank Meyer

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Cover des Romans "Der Engel des Patriarchen" von Kettly Mars (litradukt / Deutschlandradio)
Pakt mit Nachspiel: In „Der Engel des Patriarchen“ erzählt Kettly Mars eine mystische Familiensaga. (litradukt / Deutschlandradio)

Die Haitianerin Kettly Mars erzählt in "Der Engel des Patriarchen" von einer Familie, die mit einem bösen Fluch belegt wird. Eine große spirituelle Saga und ein hintergründiges Gesellschaftsporträt ihrer Heimat.

Sich mit dunklen Mächten anzulegen, ist keine gute Idee. Diese Erfahrung macht eine haitianische Familie – geschildert von der renommierten Schriftstellerin Kettly Mars in ihrem neusten Roman "Der Engel des Patriarchen": Einst schloss der Patriarch der Familie – ein Mann von großem Ansehen und Reichtum – einen faustischen Pakt mit dem dunklen Engel Ivo. Sein Enkelsohn befolgt die geschlossenen Vereinbarungen nicht und zieht so den Fluch des Bösen auf sich und seine Verwandten.

Rachsucht eines dunklen Dämonen

Jahrzehnte später – die Nachkommen des Patriarchen leben inzwischen über den ganzen Erdball verstreut – wird die Familie von der Rachsucht des bösen Engels heimgesucht. "Das klingt zunächst ziemlich abstrus und abgedreht", sagt Kritiker Burkhard Birke. Aber die Schriftstellerin Kettly Mars erzähle die Ereignisse und tödlichen Unfälle so realitätsnah und mystisch zugleich, dass man ihr auch als wenig abergläubischer Mensch folge.

Portrait der haitianischen Schriftstellerin Kettly Mars. (picture alliance / Leemage / Francesco Gattoni)Trip in die Welt der Geister und des Voodoo: die haitianische Autorin Kettly Mars (picture alliance / Leemage / Francesco Gattoni)

Mars gehört in dem Inselstaat Haiti zu den wichtigsten Schriftstellern der Gegenwart, ist die Vorsitzende des dortigen PEN-Zentrums. In die mystischen Geschehnisse ihres Romans sei auch etwas aus ihrer eigenen Familiengeschichte mit eingeflossen, bekennt die Autorin gegenüber Deutschlandfunk Kultur: "Wir glauben an gewisse Dinge, und in der Familie existieren Legenden. Und so kommt es vor, dass man überraschende Dinge über die eigene Familie erfährt, die einem dann doch nicht mehr so überraschend vorkommen, weil es in jeder Familie eine Spiritualität, etwas aus dem Voodoo gibt."

Tabuthemen Gewalt und Erotik

Trotzdem habe sie keinesfalls einen "Voodoo-Roman" schreiben wollen, sondern eine "große spirituelle Saga". Und dies sei ihr eindeutig gelungen, bilanziert Burkhard Birke. Obgleich der Roman auf gewisse Voodoo-Rituale anspiele, die in Haiti üblich seien, werde das Geschehen vornehmlich aus der Perspektive der rationalen Bankangestellten Emmanuela erzählt, "die erst nach und nach in die Welt der Geister und des Voodoo eintaucht und den Kampf zwischen Gut und Böse" zu verstehen beginne.

Dabei schlage Mars eine Brücke zwischen Phänomenen wie Inzucht und Gewalt und spirituellen Kräften, die dahinterstecken könnten. "Als Schriftstellerin habe ich immer schon gern solche Tabuthemen aufgegriffen", bekennt die Autorin. "Wenn ich über Gewalt und Erotik schreibe, so spiegelt das das Verhalten der Menschheit wider, in der Vergangenheit und erst recht in der Aktualität, wo auf allen Kontinenten Gewalt zu finden ist."

(lkn)

Kettly Mars: "Der Engel des Patriarchen"
Aus dem Französischen von Ingeborg Schmutte
Litradukt Literatureditionen, Trier 2019
256 Seiten, 15 Euro

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