Seit 05:05 Uhr Studio 9
Mittwoch, 27.10.2021
 
Seit 05:05 Uhr Studio 9

Lesart / Archiv | Beitrag vom 23.05.2016

Kerstin Preiwuß: "Gespür für Licht"Dialog mit dem ungeborenen Kind

Von Michael Opitz

Ein einzeln stehende Eiche im Naturschutzgebiet Lewitz in der Nähe von Spornitz in Mecklenburg-Vorpommern; Aufnahme vom Oktober 2015 (picture alliance / dpa)
Mecklenburger Kargheit: Im Mittelpunkt des neuen Werks der von hier stammenden Kerstin Preiwuß steht das Leben - und auch dessen Ende (picture alliance / dpa)

In dem dritten Gedichtband von Kerstin Preiwuß begegnen sich Geburt und Tod - ein weiblicher Körper, der zunächst Höhle war, wird zur "Hülle". "Unverwechselbar" nennt unser Rezensent Michael Opitz den Stil der aus Mecklenburg stammenden Autorin.

"Letzte Dinge", so will es der 1980 in Lübz (Mecklenburg) geborenen Kerstin Preiwuß scheinen, "finden eher Eingang ins Gedicht als erste. Vielleicht, weil der Tod als Zustand dem Gedicht in seiner endlosen Starrheit nahekommt."

In dem nun vorliegenden dritten Gedichtband der Autorin, die Germanistik, Philosophie und Psychologie studierte, finden nicht nur letzte, sondern erste und letzte Dinge zueinander, wenn sich Geburt und Tod begegnen.

Preiwuß' Gedichte haben keine Titel

Alles andere als starr sind diese titellosen Gedichte, die dem Wechsel der Jahreszeiten folgen – die vier Kapitel sind mit Frühling, Sommer, Herbst und Winter überschrieben. "Das reicht an Handlung", so der lapidare Kommentar der Autorin. In der Tat ist dies genug, denn im Rhythmus der Jahreszeiten ist der Lebensrhythmus aufgehoben, ist die Rede vom Werden und vom Vergehen.

"Gespür für Licht" ist ein Langgedicht, in dem eine Frau dem Leben nachspürt. Ihre Sinne sind empfänglich für Licht und Leben, da sich das sprechende Ich im Dialog mit dem noch ungeborenen Kind befindet.

Die Anfangszeilen von Kerstin Preiwuß’ Gedichten geben Tonlagen vor und gleichzeitig werden Bilder entworfen, in denen sich Vergangenes und Gegenwärtiges miteinander verschränken: "Ich mit dem Körper aus Winden / zog mir eine Umarmung in den Leib".

Im Warten auf die Geburt erscheint das Glück

Die Erwartungshaltung der bevorstehenden Geburt verleiht dem zunächst auf das eigene Innere konzentrierten Sprechen eine von Sorge getragene Behutsamkeit. "Noch hält die Fracht." Daraus resultieren Momente des Glücks: "Guten Morgen du rapsgeiles Land. / Alles prima heute. / Ich bin im Gleichgewicht." Doch fällt das lyrische Ich aus eben diesem Gleichgewicht, als es das Kind verliert. "Habe mein Gleichgewicht verloren. / Muss nun auf allen vieren gehen. / Kann nun mit allen Tieren reden. / Ich erhäng den aufrechten Gang."

Ahnungsvoll kündigte sich der Verlust bereits in den Anfangsgedichten an, wenn Krähen den Nestbau abbrechen, der Krankenwagen seine Kreise zieht oder von Verlassenheit die Rede ist: "Was in mir tobt bin ich."

Am Ende stehen Verlust, Vergehen und Tod

Schließlich ist der Körper, der zunächst Höhle war, nach dem Verlust des Kindes nur noch Hülle: "Ich bin eine Höhle davor und eine leere Hülle danach." Von Melancholie sind die Winter-Gedichte beherrscht, in denen über Verlust, Vergehen und Tod nachgedacht wird. Konfrontiert mit dem Ende, erlaubt der Rückblick Vergleiche: "Im Frühjahr war meine Zunge mit Knospen bestückt. / [...] / Nun ist es Winter und mir geht unter die Haut / was sie sagt."

Wie die Gedichte Kontakt mit der Welt aufnehmen, zaghaft zunächst bis das lyrische Ich schließlich fast so weit ist, den Kontakt verweigern zu wollen, wie der Wechsel der Gefühlslagen korrespondiert mit den sich ändernden Jahreszeiten, wenn eins zum anderen kommt und eins ins andere dringt, bringen diese beeindruckenden Gedichte auf eine ganz unverwechselbare Weise zum Ausdruck.

Kerstin Preiwuß: Gespür für Licht
Gedichte
Berlin Verlag, München/Berlin 2016
159 Seiten, 18,00 Euro

Mehr zum Thema

Kritikergespräch - Neue Lyrik mit vielfältigen Reflexionen
(Deutschlandfunk, Büchermarkt, 16.05.2016)

Tage der deutschsprachigen Literatur - "Gnadenlos böser Blick"
(Deutschlandradio Kultur, Lesart, 04.07.2014)

Die »lyrix«-Gewinner im März 2013
(Deutschlandfunk, Lyrix, 22.05.2013)

März 2013: Puppenspiel
(Deutschlandfunk, Lyrix, 01.03.2013)

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Lesart

weitere Beiträge

Buchkritik

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur