Kernenergie und Umweltschutz

Atomkraft als Klimaretter?

06:34 Minuten
Das Kernkraftwerk Isar 2 in Niederbayern.
Als Brückentechnologie, so die Argumentation, könnte die Atomkraft helfen, die Klimaziele zu erreichen. © imago images/Stefan M Prager
Von Martin Reischke · 25.01.2022
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Die Atomkraft galt als Auslaufmodell – zumindest in Deutschland. Mit der Klimadebatte wird nun wieder eifrig über den Weiterbetrieb und auch den Neubau von Kernkraftwerken gesprochen. Die einen frohlocken, andere halten die Diskussion für gefährlich.
„Wir sind hier, weil wir für die Kernenergie eintreten.“

An einem Samstagnachmittag im November vergangenen Jahres hat sich eine Gruppe von Atomkraft-Befürwortern aus ganz Europa vor dem Brandenburger Tor in Berlin versammelt, um gegen den deutschen Atomausstieg zu protestieren.
Auf der Bühne steht Rainer Klute, ein Mann mit kurzen, grauen Haaren und Kapuzenpulli, wie ein Videomitschnitt des Veranstalters Nuklearia e.V. zeigt. Klute ist Vorsitzender des Vereins – und als Atomfreund auch Klimaschützer. Für ihn ist das eine klare Sache.
"Weil Kernenergie braucht von allen Energiearten die wenigsten Ressourcen, hat den wenigsten Platzbedarf und stößt bekanntlich keine Emissionen aus und schont daher die Umwelt am besten.“
Klutes Aussagen sind zumindest in Deutschland umstritten. Denn die Kernkraft gilt der Bundesregierung aufgrund der Gefahr schwerwiegender Unfälle und des ungelösten Atommüllproblems als Hochrisikotechnologie, noch in diesem Jahr sollen die letzten deutschen Atomkraftwerke vom Netz gehen. Doch Rainer Klute ficht das nicht an.
Das Atommüllproblem hält er durch verschiedene technische Entwicklungen für lösbar, das Unfallrisiko für überschaubar – zumal fossile Energieträger wie Kohle durch Atemwegserkrankungen weit mehr Opfer fordern würden als die Atomkraft, trotz Katastrophen wie Tschernobyl oder Fukushima.

Kernenergie im Kampf gegen den Klimawandel

Leicht könnte man Klutes Arbeit als unwichtige Randnotiz der deutschen Energiewende abtun, doch der Atom-Fan ist mit seiner Position nicht allein:
Renommierte internationale Klimawissenschaftler wie etwa der US-Amerikaner James Hansen fordern seit Jahren, die Kernenergie zum Kampf gegen den Klimawandel zu nutzen, da sie zuverlässig CO2-armen Atomstrom liefert. Länder wie Frankreich, Großbritannien, Finnland und die Niederlande sind deshalb entschlossen, die Atomenergie weiter auszubauen; das Kohleland Polen will sogar neu in die Atomkraft einsteigen.
Selbst bei manchen Kernkraftgegnern hat sich ein Umdenken eingestellt: Zumindest als Brückentechnologie, so die Argumentation, könnte die Atomkraft helfen, die Klimaziele zu erreichen, bis eine vollständige Umstellung auf regenerative Energieformen gelingt. Der deutsche Ausstiegsbeschluss sorgt in Europa deshalb mittlerweile bei vielen für Kopfschütteln.
„Ich denke, das ist ein riesengroßer Fehler, das ist fast kriminell, denn was gemacht wird, ist doch Folgendes: Eine verfügbare, saubere Energiequelle wird geopfert und durch fossile Energieträger ersetzt, und je mehr Kernkraftwerke abgeschaltet werden, desto instabiler wird die Stromversorgung“, sagt Neil Calder.

Kampagne in Großbritannien für Atomenergie

Der Brite, der beruflich die britische Atomindustrie berät, hat zum Anlass der Klimakonferenz in Glasgow im vergangenen November die Kampagne „Net Zero Needs Nuclear“ mitorganisiert – auf Deutsch etwa: „Nuklearenergie für das Null-Emissions-Ziel“. Das Positionspapier der Kampagne beschreibt die Atomenergie als Schlüssel für eine grüne Zukunft: emissionsarm, sauber und bereit für den Einsatz in der Praxis.
Dass Neil Calder so optimistisch in die atomare Zukunft Großbritanniens schaut, hat einen konkreten Grund. Erst kürzlich hat die britische Regierung verkündet, das SMR-Programm mit umgerechnet rund 250 Millionen Euro zu unterstützen. Hinter den drei Buchstaben verstecken sich die neuen Small Modular Reactors – kleine, modulare Reaktoren also, die wie ein Fertighaus in einer Fabrik hergestellt und am Montageort in kurzer Zeit installiert werden sollen.
Auch Länder wie Kanada, Frankreich, die USA und Russland investieren viel Geld in die Erforschung der neuen Technologie. In Großbritannien ist ein Konsortium unter Führung von Rolls Royce mit der Entwicklung der Mini-Reaktoren betraut, die die Nutzung der Kernkraft zukünftig einfacher, flexibler und billiger machen sollen.
Doch noch dürfte es einige Jahre dauern, bis die neuen Mini-Reaktoren Strom produzieren könnten. Für Manfred Fischedick, den wissenschaftlichen Geschäftsführer des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt und Energie, sind das zu viele Konjunktive.

Aber was ist mit der Versorgungssicherheit?

Auch das Argument, dass die Versorgungssicherheit durch den deutschen Atomausstieg gefährdet sein könnte, hält der Klimaforscher für vorgeschoben.
„Wir wissen heute sehr genau, dass wir die erneuerbaren Energien gut kombinieren können mit einem Zubau von Gaskraftwerken, die zunächst einmal mit Erdgas betrieben werden, später dann auf Wasserstoff umgestellt werden können und müssen, damit sie klimaverträglich sind. Das heißt, die Lösungsoptionen auch mit erneuerbaren Energien eine stabile Stromversorgung auf die Beine zu stellen, die ist längst da.“
Trotzdem bleibt der Atomstrom für viele Länder eine wichtige Option, um ihre Klimaziele zu erreichen. Mittlerweile ist der Richtungsstreit um die künftige Nutzung der Kernkraft auch in Brüssel angekommen. Die EU-Kommission hat vorgeschlagen, auch Kernkraft in die EU-Taxonomie aufzunehmen – eine Verordnung der EU, die diese Energieart damit als nachhaltig einstufen würde.

"Wir brauchen einen Wettbewerb"

Länder wie Frankreich unterstützen den Vorschlag, Staaten wie Deutschland, Österreich oder Luxemburg sind dagegen, sie sehen die Glaubwürdigkeit der Nachhaltigkeitskriterien erschüttert. Praktisch relevant ist die Einstufung, weil sie zu höheren Investitionen in die Atomkraft führen dürfte. Für den Briten Neil Calder ist die Aufnahme der Kernkraft in die Verordnung vor allem eine Frage der Fairness.

„Wir brauchen einen Wettbewerb unter den saubereren Energien, wir brauchen also gleiche Startbedingungen ohne ideologische Scheuklappen, damit sich die unterschiedlichen Energiearten nebeneinander entwickeln können.“

... und die Kernkraft, so der Brite, spiele dabei eben eine wichtige Rolle.

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